Die beiden Tebalou-Gründerinnen Oloolu Fajembola (in Pink) und Tebogo Niminde-Dundadengar: Sie sorgen für mehr Vielfalt im Spielzimmer.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinEs ist Freitagvormittag, eine ruhige Zeit auf der sonst so geschäftstüchtigen Lahnstraße im Norden von Neukölln. Ich suche das Büro von Tebalou. Ein Fantasiename, zusammengesetzt aus den beiden Vornamen der Gründerinnen Tebogo Niminde-Dundadengar und Olaolu Fajembola. Eine Erfolgsgeschichte, die sich im dritten Stock eines Bürogebäudes mit einem kaputten Fahrstuhl befindet. Zwei Frauen, genauer zwei Mütter, noch genauer zwei Mütter mit dunkler Hautfarbe, hatten eine Idee, die aus der Not entsprang. Weil sie kein Spielzeug und auch keine Kinderbücher so einfach beschaffen konnten, die ihre Kinder ansprachen, eröffneten sie im Sommer 2018 einen Onlineshop, der ausschließlich Produkte fernab der gängigen Prototypen in Sachen Hautfarbe, Familienmodell und Geschlecht anbieten sollte. Dafür wurden sie sogar letztes Jahr als „Kultur- und Kreativpilotinnen“ von der Bundesregierung ausgezeichnet.

Ich steige die Treppen hoch, wo mich Tebogo gleich freundlich begrüßt. Mehr Vielfalt in deutschen Spielzimmern, na klar, denkt man sofort, das brauchen wir. Stöbert man auf tebalou.shop begreift man schnell, worum es geht. Unter „Eure Favoriten“ auf der Startseite sieht man eine schwarze Puppe, ein Tast-Memory und jede Menge Bilderbücher mit Kindern unterschiedlicher Hautfarbe auf dem Cover. Das Sortiment wird mit Bedacht ausgewählt.

Überhaupt, das Sortiment. Der Wunsch nach mehr Vielfalt liegt bei den beiden Frauen auch in der eigenen Kindheit begründet. Olaolu erzählt, wie es als dunkelhäutiges Mädchen war, geboren in den 80er-Jahren in Deutschland: dass es zwar ab und zu mal eine schwarze Puppe gab, sie aber in den Kinderbüchern keine dunkelhäutigen Protagonistinnen fand. In einigen Klassikern der deutschsprachigen Kinderbuchliteratur gab es welche, allerdings in so stereotypischen Darstellungen, dass sie sich nicht mit ihnen identifizieren konnte. „Wir waren unsichtbar“, sagt sie. „Als Kinder gab es uns nicht!“

Heutzutage ist das Angebot durchaus da, es hat sich nur noch nicht breit durchgesetzt. Dass Tebogo und Olaolu keinen Kiezladen gegründet haben, was im hippen Berlin durchaus Erfolg gehabt hätte, hat einen guten Grund. „Wir wollen unser Angebot im ganzen deutschsprachigen Raum teilen“, erklärt Tebogo. Beide wuchsen nicht in Berlin auf, sondern in ländlichen Kreisen. Die eine, Tebogo, in Süddeutschland, die andere, Olaolu, im Norden. Sie wissen, wie es dort steht, und wollen es ihren Kunden*innen so einfach wie möglich machen. Lieferungen nach ganz Europa sind damit ebenfalls möglich. Die Grenzen werden überwunden mit nur einem Klick. So starteten die beiden nach einem Handschlag auf einer Feier, wo sie sich kennenlernten, mit ihrer Arbeit. Zunächst von zu Hause, wo sie die ersten Sendungen im Wohnzimmer verpackten und zum nächsten Späti trugen. Schließlich war das Sortiment so groß, dass ein Lager her musste.

In diesem Lager sitze ich nun auf einer roten Couch und bestaune die Regale. Als ehemalige Buchhändlerin weiß ich um die Schwächen in unserem Kinderbuchmarkt. Und ich weiß, niemand sollte die Kraft von Kinderbüchern unterschätzen. Immer noch sind die meisten Hauptcharakter männlich. Sie sind weiß, sie sind cis, sie leben mit ihren Eltern zusammen, sind schlank, oft blond, sie haben keine Behinderung, und wenn sie eine haben, dann verschwindet sie oft zum Schluss auf wundersame Weise. Für wen sind diese Bücher?, frage ich mich, fragen sich Tebogo und Olaolu und mit uns eine Menge Eltern, die ihren Kindern mehr Identifikationspotenzial bieten möchten.

In den letzten Wochen wurde viel über das Thema Diskriminierung im Alltag öffentlich nachgedacht. Neu nachgedacht, muss man sagen. Der Tod des Amerikaners Georg Floyd hat weltweit für Bestürzung gesorgt. Auch das haben Tebogo und Olaolu in der daraus resultierenden „Black Lives Matter“-Bewegung an der steigenden Nachfrage gemerkt. Hellhäutige privilegierte Mütter wie ich, die plötzlich zu Hause saßen und Kinderbücher nach Vielfalt scannten. Fehlanzeige bei mir. Ich stellte fest, bisher zu wenig darauf geachtet zu haben, ich suchte nach Alternativen. Ich fand Tebalou.

Merken hellhäutige Kinder, wenn Helden*innen ihnen ähneln? Ja, so wie Kinder mit dunkler Hautfarbe merken, dass sie ihnen nicht ähneln. Tebalou möchte sensibilisieren und Deutschland als eine diverse Gesellschaft ohne Hierarchien zeigen. Olaolu, eine studierte Kulturwissenschaftlerin, sieht mich an, sie lächelt dabei. „Ein Kind ist nicht nur ein Kind mit einer dunklen Hautfarbe oder einer Behinderung. Es ist nicht nur ein Mädchen oder ein Junge. Kinder sind vieles. Sie sind rebellisch oder auch nicht. Sie leben mit zwei Eltern zusammen oder auch nicht. Vielleicht ist die Schwester in einem Rollstuhl oder der Bruder blind. Kinderbücher sollen das Leben eines Kindes reflektieren. Und wir haben den Anspruch, dass außer diesen offensichtlichen Perspektiven viele andere miteinbezogen werden.“

Vielfalt im Spielzimmer: Beispiel Puppen.
Foto: Markus Wächter/ Berliner Zeitung

Und es klingt, als öffnen sich hier sich zwei Wege für Eltern im Umgang mit Kinderbüchern: Entweder man wählt es der Unterhaltung wegen und die Geschichten bilden Diversität als etwas völlig Normales ab. Oder man nimmt ein Buch zum Anlass, mit seinem Kind beispielsweise über Feminismus, Inklusion oder Rassismus zu sprechen.

Die Psychologin Tebogo weiß, unterschwellig passiert richtig viel mit den Kindern. „Wir sind uns heutzutage sicher“, erklärt sie, „dass schon Babys anfangen, sich an das Äußere von Menschen zu gewöhnen.“ Sie berichtet von ihrer Hebamme, die zu Hause ihre langen schwarzen Haare offen tragen konnte. In Familien, wo die Kinder eine dunkle Hautfarbe nicht gewohnt waren, sagte ihr die Hebamme, musste sie sich einen Zopf machen, damit die Kleinen keine Angst vor ihr bekamen.

Wer jetzt aber mit heller Hautfarbe denkt, es reiche, eine schwarze Puppe zu kaufen, und der Job sei damit erledigt, der irrt sich. Olaolu nickt mit dem Kopf und sagt: „Klar sollte man auch mit seinem Kind über Privilegien sprechen. Weiß dein Kind, dass es weiß ist? Was steckt hinter dieser Positionierung? Welche Privilegien habe ich? Eltern müssen das erst einmal für sich selbst verstehen, was Rassismus und Privilegien überhaupt sind.“

Jetzt bin ich diejenige, die nickend zugibt, dass sie schon oft jemanden nach seiner vermeintlich richtigen Herkunft gefragt hat. Dass ich der Ansicht war, dieses Wissen könnte mir helfen, jemanden besser einzuschätzen – und ohne ihn dabei diskriminieren zu wollen, tat ich es trotzdem. Tebogo und Olaolu wissen genau, wovon ich rede. Und wie viel Einfluss das auf ein Kind hat.

Grundsätzlich auf diverses Spielzeug und Kinderbücher zu achten, ist ein wichtiger Schritt. Auch Kitas bestellen mittlerweile bei Tebogo und Olaolu. Bei Tebalou gibt es Kartenspiele, wo König und Königinnen gleich viel wert sind. Dabei muss kein neues Spielzeug erfunden werden, sagen beide. Es reicht ja schon, wenn das alte weiterentwickelt wird. Die Maschinenbauerin ganz selbstverständlich bei einem Puzzle abgedruckt ist. Und natürlich auch auf nachhaltiges Material geachtet wird. 

„Jeder muss selbst entscheiden, ob er sich kritisch mit den Spielzimmern seiner Kinder  auseinandersetzen möchte“, sagt Tebogo. „Ob er die Texte, die er seinen Kindern vorliest, vertreten kann.“ Tebogo und Olaolu tun genau das. Ihre Kunden*innen auch. Die Kinderbuch-Welt ist jedenfalls groß genug, sagen sie.

Ich verlasse das Büro wieder.  Abends sitze ich mit meinem Freund und unserem Kind beim Essen und erzähle von meinem Gespräch. Ich würde gerne mehr diverses Spielzeug bei uns integrieren, sage ich. Lass uns das machen, sagt mein Freund. War gar nicht schwer.