Solidaritätskern in einer fragmentierten Gesellschaft: Mutter und Tochter in wilder Umarmung.
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Als der jungen Bloggerin Sarah Zöllner das Buch „Die kleinste Familie der Welt“ der Journalistin Bernadette Conrad in die Hände fiel, war sie begeistert. Die beiden Autorinnen begannen ein Generationen-Gespräch als alleinerziehende Mütter: Conrad hat nämlich eine 19-jährige Tochter, Zöllner einen 4-jährigen Sohn. Mit der Klugheit verschiedener Lebensphasen stellen sie sich denselben Fragen: Wie kann man vermeiden, als Mutter zur verbissenen Einzelkämpferin zu werden? Wie kann man Freundschaften knüpfen, sich mitten in der Fremde eine Wahlfamilie aufbauen? Wie nach der Trennung mutig und voller Lebensfreude seinen Weg gehen?

Bernadette, was hat dich zum Thema der „Kleinsten Familie der Welt“ geführt – und dann auch zu den kleinsten Familien selbst, in Deutschland, aber auch in Finnland, England, Amerika? 

Es war Ostern 2014, ich radelte durch Konstanz, wo ich damals lebte, und plötzlich fiel mir dieser Buchtitel ein – und die Idee dazu. Damals war meine Tochter 13 und wir waren seit elf Jahren zu zweit; eine „kleinste Familie“ also. Elf Jahre, in denen ich immer weniger verstand, warum Alleinerziehen gesellschaftlich als etwas „Defizitäres“ angesehen wird, als mangelhafte Form von Familie sozusagen. Mir schien eher das Gegenteil wahr: Es fordert so viel Kraft und Kreativität, soviel Einfallsreichtum und Flexibilität, um als Berufstätige das Leben für sich und seine Kinder gut zu gestalten und die „Wahlfamilie“ aufzubauen, ohne die es kaum geht. Als Journalistin war ich damals viel in der Welt unterwegs, um Menschen an den Orten zu besuchen und zu porträtieren, an denen sie lebten. Und da mich die Frage interessierte, wie es „kleinsten Familien“ auch anderswo in der Welt erging, suchte ich für das Buch dann Alleinerziehende in anderen Ländern.

Warum sprichst du von „kleinsten Familien“ und nicht von „Alleinerziehenden“?

Einerseits klebt so viel dran am Wort „alleinerziehend“ – wie schon gesagt, ein negatives Image, das ich selbst überhaupt nicht bestätigen kann. Andererseits ist für mich „kleinste Familie“ umfassender, da es ja nicht nur mich als Mutter beschreibt, sondern uns beide, Mutter und Tochter, die wir zusammen die Alleinerziehenden-Familie bilden. „Kleinste Familie“ meint ja Mutter und Kind oder Vater und Kind. Weniger als zwei geht nicht für eine Familie, deshalb „kleinste Familie“.

Was ist für dich persönlich die besondere Dynamik in kleinsten Familien?

Man steht einander „eins zu eins“ gegenüber: Man kann einander nicht ausweichen und auch auf niemanden sonst; ist aufeinander angewiesen. Da ist eine große Nähe, die natürlich auch eine Enge werden kann. Zum Beispiel beim Streiten, wenn auch das Kind zu niemand anderem flüchten kann; wenn niemand tröstet. Da ist die Herausforderung groß, auf dieser direkten Beziehungsachse des „eins zu eins“ die Dinge auch wieder möglichst rasch in Ordnung zu bringen. Nicht lange beleidigt sein, sich nicht lange anschweigen, Dinge nicht ewig im Raum stehen lassen, sondern schnell zu klären versuchen. „Eins zu eins“ heißt auch: Der andere, die andere ist „das Ein und Alles“. Das birgt natürlich die Gefahr von zu großer Abhängigkeit. Mir schien es immer wichtig, auch für das „Dorf“ zu sorgen, das es ja bekanntermaßen braucht, um ein Kind großzuziehen. Da, wo früher einmal die Großfamilie stand, kann heute eine Wahlfamilie stehen. Die ja übrigens auch ich als Mutter nötig habe – für meine eigene innere Balance.

Damit man nicht zur verbissenen Einzelkämpferin wird?

Genau. „Eins zu eins“ ist in vieler Hinsicht radikal – man ist eben nicht nur Alleinerziehende, sondern auch Alleinentscheiderin, Alleinverantwortliche, nicht selten auch Alleinverdienerin. Das ist viel Verantwortung, viel Pflicht, auch viel Macht. Ich hätte diese Jahre ohne gute Freundinnen und Freunde nicht bewältigt. Sonst ist ja auch die Gefahr viel zu groß, dass man sein Kind zum Partnerersatz macht; mit ihm also vielleicht Gesprächsthemen oder Sorgen teilt, für die es zu jung ist. Gesprochen haben wir immer viel; aber natürlich muss man in sich nachfühlen, für welche Themen und Momente man andere Erwachsene braucht. Auch das Kind ist sehr gefordert in der kleinsten Familie.

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Bernadette Conrad

ist Mutter einer 19-jährigen Tochter, Journalistin und Buchautorin. Ihre Bücher „Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind.“ und „Groß und stark werden. Kinder unterwegs ins Leben. Gespräche mit Cornelia Funke" sind bei btb erschienen. Die Frage, wie wir gute Eltern sein und unseren Kindern eine glückliche Kindheit schenken können, spielt in ihren Texten eine herausragende Rolle. 

Welche Rolle spielt dein Beruf für deine Erfahrung des Alleinerziehens?

Eine ganz große! Ich habe ja nun diesen Denk- und Schreibberuf, hatte die Möglichkeit, mir die Arbeit flexibel einzurichten. Aber in den Kleinkindjahren meiner Tochter bin ich zur Nachtarbeiterin geworden. So etwas geht kräftemäßig natürlich nur begrenzte Zeit. Aber zugleich gibt ein Beruf, den man liebt, eben auch viel Kraft – man holt das Beste aus sich heraus, wenn man beides so sehr will: es im Beruf und als Mutter gut machen. Ich war mir auch immer sicher, dass es eine gute Mitgift für ein Kind ist, zu sehen, dass einen der Beruf mit Freude erfüllt. Wobei meine Tochter natürlich auch oft meine Erschöpfung und Überforderung gesehen hat, deshalb noch einmal: Ohne Unterstützung von Institutionen und guten Freundinnen und Freunden, bei denen sie auch mal ein paar Tage wohnen konnte, wäre es nicht machbar gewesen.

Das heißt, enge Freundinnen und Freunde haben auch in eurem Leben als kleinste Familie immer eine große Rolle gespielt?

Ja, unbedingt. Besonders mit einem befreundeten Paar ergab sich eine Wahlverwandtschaft. Wir haben jedes Jahr die Weihnachtswoche zusammen verbracht. Aber auch andere kontinuierliche Freundinnen gehörten zu dieser erweiterten Familie; es gab immer fünf, sechs Menschen, bei denen ich anfragen konnte, wenn es für eine berufliche Verpflichtung mal ganz eng wurde. Es entwickelten sich auch Rituale, Geburtstagspicknicks am See. Gerade wenn die eigene Verwandtschaft nicht zur Verfügung steht, scheint mir ein Freundesnetz unverzichtbar. Ich habe das auch bei anderen Alleinerziehenden gesehen: Gleich zwei der Mütter aus meinem Buch hatten durch die ganze Kindheit ihres Kindes hindurch eine Wohn- bzw. Nachbarschaftsgemeinschaft mit jeweils einer anderen Mutter, sodass die beiden Kinder wie Geschwister aufwuchsen und die Mütter sich viel Betreuung teilen konnten. So ein Netz ist kostbar und zerbrechlich … es will und muss gepflegt und gehütet werden, denn es beruht ja auf freier Wahl und Entscheidung.

Ist die Pubertät in kleinsten Familien besonders schwierig?

Ich selbst bin erst mit 37 Mutter geworden; hatte schon viel für mich klären können. Mir war das Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern sehr bewusst. Und ich wusste, dass ich mit dieser Asymmetrie sehr sorgsam umgehen möchte. Also nicht: scheinbar demokratische Verhältnisse herstellen, sondern mich immer fragen, was gute Führung bedeutet. Wie ich es schaffe, stark genug zu sein, um die ganze Bandbreite der Emotionen und Erfahrungen, die das Kind gerade vor und in der Pubertät durchmacht, „halten“ zu können? Ich muss ja der Fels sein – immer ein klein bisschen fester stehen als das Kind.

Welche Begegnung hat dich während der Recherche für dein Buch am meisten beeindruckt?

Sehr beeindruckt hat mich die Vaterschaft des alleinerziehenden Vaters, der nach dem Tod seiner Frau mit dem dreijährigen Sohn zurückblieb. Wie er mit genau derselben Zärtlichkeit, Selbstverständlichkeit und Verfügbarkeit, die ich bis dahin vor allem von Müttern kannte, Vater war – aber eben doch anders. Ganz viel drehte sich um Fußball, um Sport, aber das Wichtige war das gemeinsame Erleben.

Was können Eltern deiner Meinung nach tun, um ihren Kindern eine Trennung und das Leben nach einer Trennung zu erleichtern, bzw. wodurch erschweren Sie es?

Es gibt im Buch ein Beispiel, wie schwer es für ein Kind werden kann, wenn ein Elternteil, in dem Fall der Vater, sehr gegen den anderen Elternteil Stimmung macht. Dieser Vater hat tatsächlich die Loyalität seines Kindes missbraucht; ein völlig verstörtes Kind war die Folge. Es ist für ein Kind sowieso eine schwierige Aufgabe und Leistung, zu beiden Eltern die Verbindung zu halten, und so sollte man ihm diese Aufgabe nicht schwerer machen. Manche Trennungen sind sehr hart und leidvoll – und man kann sich gar nicht genug erwachsenen Support dafür suchen. Das muss man dann auch unbedingt tun. Aber auch dann, wenn man sich selbst total abgrenzen und entfernen muss von der Ex-Partnerin oder vom Ex-Partner, scheint es mir eine Sache des Respekts, daran zu denken, dass das Kind sich sehr wahrscheinlich irgendwann für den Prozess der eigenen Identitätsfindung auch mit dem anderen Elternteil beschäftigen und auseinandersetzen muss. Und dann ist es gut, wenn ich ihm diesen Weg – den es irgendwann allein gehen wird – nicht verstellt habe.

Foto: privat
Sarah Zöllner

ist Mutter eines 4-jährigen Sohnes, Bloggerin und Autorin des Buchs: „Alleinerziehend – und nun? Texte der Stärkung bei Trennung und Verlust.“ Mit dem Vater ihres Sohnes lebt sie das Wechselmodell. Als Lehrerin unterrichtet sie Erwachsene, die auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machen. Der regelmäßige Austausch zwischen ihr und Bernadette Conrad findet sich unter dem Stichwort „Schatzkiste für kleinste Familien“ bei Sarah Zöllners mutter-und-sohn.blog

Wie kann das gelingen?

Indem ich selbst als Getrennte nicht ewig lang in diesem Gefühl von Verletzung und Bitterkeit stecken bleibe, sondern mich aus der Trennung aktiv herausentwickle. Die eigene Entwicklung halte ich sowieso für eines der allerwichtigsten Dinge, die man für sein Kind tun kann: Denn es bekommt ja alles mit, verstecken kann man wenig. Es ist ungemein ermutigend für ein Kind, wenn es seine Mutter und seinen Vater sich in Richtung von eigener Lebensfreude und Kompetenz entwickeln sieht.

Was, denkst du, brauchen kleinste Familien generell, um ein gutes Leben zu führen?

Als kleinste Familie hat man die große Chance, ein tolles Team zu werden. Kinder lieben es ja, wenn man ihnen bestimmte Aufgaben und Verantwortungen anvertraut – wenn das altersgemäß und liebevoll geschieht. Der größte Feind eines guten Lebens als Alleinerziehende ist, denke ich, ganz klar, die finanzielle Not, oder um es im Klartext zu sagen, die Armut, das Prekariat, von dem Alleinerziehende massiv stärker betroffen und bedroht sind als Zwei-Eltern-Familien. Faktisch ist es so, dass seit Mitte der 1990er-Jahre die Zahl der Alleinerziehenden-Familien in fast allen Ländern sprunghaft gestiegen ist und weiter steigt. Dass also staatliche Hilfen immer noch die sogenannte „vollständige Familie“ bevorzugen, ist ein Unding und geht völlig an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Aber nicht nur wirtschaftlich, auch geistig gibt es immer noch viel Nachholbedarf, wenn es darum geht, die immensen Leistungen alleinerziehender Eltern mit Hochachtung zu betrachten.

Etwas in der Welt bewegen: Welche Fähigkeiten und Qualitäten bringen Alleinerziehende dafür deiner Meinung nach mit?

Alleinerziehen, das man ja meist nicht gewählt hat, ist immer noch ein holpriger Weg; einer, der weniger geebnet ist als der klassische Familienweg. Herausfinden zu müssen, welchen Weg man mit seinem Kind, seinen Kindern gehen will, birgt die Chance, einen guten „Eigenwillen“ zu entwickeln, statt sich in erster Linie anzupassen. Ich habe bei meinen vielen Kontakten zu kleinsten Familien bestimmte Fähigkeiten sehr ausgeprägt gesehen, und zwar sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern: ein geschärfter Blick für gesellschaftliche Ungerechtigkeit, sehr selbstverständliche Solidarität, Empathie, Selbstständigkeit. Dies sind ganz zentrale menschliche Kompetenzen, die in einer von Entfremdung bedrohten Welt ungemein kostbar sind.