Noemi auf einer finnischen Fähre bei Turku.
Foto: Privat

Zwar hatten wir nachmittags noch versucht, auf den weiten Rasenflächen am Ufer des Mississippi ein Nickerchen zu machen. Ich ahnte ja, dass die Nacht nicht sehr gemütlich werden würde. Aber an diesem drückend heißen Sommertag in St. Louis, USA, waren neben den Touristen viel zu viele rotgekleidete, lärmende Baseballfans in der Stadt unterwegs, als dass man hätte eben mal so schlafen können. Eiscreme, die Besteigung des Gateway Arch und der Museumsbesuch zur großen West-Expedition der Forscher Lewis und Clarke hatten einen Teil der Zeit gefüllt. Aber nach Mitternacht hingen meine Tochter und ich im Busterminal von Greyhound doch ziemlich übernächtigt in den Seilen. Dann stand unser Bus bereit, doch wir mussten noch lange anstehen: Hinter vielen geübten Greyhound-Reisenden, Kindern in Pyjamas, die große Schlafkissen hinter sich herzogen und verhutzelten Menschen, die schon im Stehen zu schlafen schienen.

Irgendwann sauste der Windhund mit uns durch die schwarze Nacht des Mittleren Westens und die Reisenden, ob alt, ob jung, hatten sich in ihren Hoodies vergraben und schlummerten friedlich unter Basecaps – nur eine war wach und schimpfte unablässig vor sich hin: Meine Tochter, die es empörend fand, dass ich meine Arbeit nun auch noch auf die Nacht ausdehnte. „Nie wieder, Mama!“ Aber für eine Reportage zum 100. Geburtstag der Greyhound-Busse musste man natürlich auch die Nacht-Erfahrung gemacht haben. Irgendwie kamen wir dann doch im nächsten Morgen an – einem strahlend blauen Morgen irgendwo in Oklahoma, wo wir von einer überschäumend herzlichen Fremdenführerin in Empfang genommen wurden, die es ganz besonders auch dem Kind schön machen wollte. Als wir abends noch lange nach ihrer Arbeitszeit in einem Park mit leuchtend sich drehendem Karussell und kleiner Lummerlandbahn unterwegs waren und Minigolf spielten, bettelte meine 12-Jährige: „Mama, wir MÜSSEN wiederkommen! Hier ist es so schön!“

Selten erlebt man es so geballt wie auf Reisen: wie nah beieinander die schwierigen und die schönen Momente im Leben liegen – und dass es manchmal reicht, einfach bis zum Morgen zu warten. Damals hatten wir schon zwölf Jahre voller gemeinsamer Reisen hinter uns.

Noemi war in Italien geboren. Dort lebten wir in ihren ersten Lebensjahren, und ich lernte auf vielen 14-stündigen Zug- und Busfahrten zwischen Bodensee und Mittelitalien, dass Malzeug und Vorlesebuch mindestens so schnell erreichbar sein müssen wie die Trinkflasche. Zurück in Deutschland mit meiner Zweijährigen hatte ich die Möglichkeit, als Literatur- und bald vor allem als Reisereporterin in der Welt unterwegs zu sein. Was tun? Ich probierte, was möglich war. Eine Radtour im Allgäu, entlang der Iller, schön flach, sollte auch mit Kind im Fahrradsitz zu recherchieren sein, oder? Im schweizerischen Glarus liefen wir über blühende Bergwiesen, und als wir den Gipfel erreicht hatten, waren unterwegs viele Betten für kleine Erdmännchen gebaut worden.

Irgendwann in diesen Jahren besuchte ich die verehrte Doris Lessing für ein Interview in ihrem Londoner Haus. Sie erzählte mir, dass sie selbst, 1919 in Persien geboren, noch vor ihrem sechsten Lebensjahr oft wochenlang mit den Eltern zwischen England, Asien und dem damaligen Südrhodesien unterwegs gewesen sei: „Diese Reisen und was ich auf ihnen alles erlebt und gesehen habe, haben mich für mein ganzes Schreibleben mit Fantasie und Inspiration versorgt.“ Diese Aussage trug ich von da an wie einen Talisman durch Noemis und meine Jahre des gemeinsamen Reisens.

Und ich traute mich weiter.

Das Kind im Buggy, große braune Augen unter Ponyfransen, der kleine Rucksack im Fach unter ihr verstaut, der große Rucksack auf meinem Rücken, meist baumelte noch eine kleine Tasche mit Proviant und Wechselklamotten an einem der beiden Griffe, im Arm hält das Kind seine „Reisemaus“, das zur Kassette gehörige Kuscheltier: So sind wir zwei, scheint mir, eine lange Zeit in der Welt unterwegs gewesen. Was nicht wirklich sein kann, weil auch für Noemi, die den Buggy über alles liebte und keinesfalls vorzeitig verlassen wollte, die Buggy-Zeit lange vor dem Schulalter ablief. Aber in dem Bild ist das für mich Wesentliche gespeichert: Du kriegst es hin. Du bist zwar alleinerziehend und alleinverdienend, du hast zwar als freiberufliche Journalistin (Schwerpunkt Literatur und Reisen) keine Chance auf einen ordentlichen Kontostand. Aber du hast erstens den schönsten Beruf der Welt, der dir zweitens erlaubt, viel von dieser Welt zu sehen und drittens das Sehenswerte auch noch deinem Kind zu zeigen. Also setz sie in den Buggy, stopf noch ein Kuscheltier in die prallvolle Tasche, und fahr los.

Da ist Noemis sechster Geburtstag auf dem Flughafen Kopenhagen. Wir waren für eine Reportage aus Anlass von Astrid Lindgrens 100. in Vimmerby gewesen. Und so zog ich am Gate eine Pippi-Puppe aus dem Rucksack und zündete das Kerzlein an, das ich in den Muffin gesteckt hatte. „Wir mussten ganz früh aufstehen, und du hast mir gleich beim Wecken den Lipgloss hingehalten, den ich mir gewünscht hatte“, erinnert sich Noemi heute. In Vimmerby hatten wir in einem kleinen Häuschen bei „Astrid Lindgrens Värld“ gewohnt, jenem Wald voller Lindgren-Orte, in dem die Kinder von der Mattisburg über Lönneberga bis zur Villa Kunterbunt laufen können und die Orte von Schauspielern verlebendigt vorfinden. Ich machte die verblüffende Erfahrung, dass meine Sechsjährige gar nicht zu merken schien, dass alles auf Schwedisch stattfand: Sie trug die Geschichten schon in sich und fand sie nun wieder.

Viel schwieriger war kurz vorher die Reise nach Thailand. Vier Wochen vom Norden bis in den Süden des Landes, mit drei Reportage-Aufträgen im Gepäck. Wie hatte ich meinen können, mit einer Sechsjährigen, die ein anspruchsvolles Kindergartenprogramm gewöhnt war, könnte ich herumreisen und recherchieren wie mit einem erwachsenen Begleiter? Nachdem die Recherchen geklappt hatten, klappten wir beide zusammen. Magenkrank, bettlägerig, ich gründlicher als sie, lagen wir in unserer Bambushütte unterm Moskitonetz. Und dann musste ich Noemi für zwei Tage einem netten jungen Paar anvertrauen.

Auch das lehrt Reisen: Man braucht andere, immer wieder und sehr dringend, und ich reiste bald schon nirgendwohin mehr ohne große Vorräte an Schweizer Schokolade, mit denen ich mich für dies und das bedanken konnte. Wie wunderbar zum Beispiel, dass der Fotograf, mit dem zusammen wir auf Gletschertour am Schweizer Aletschgletscher unterwegs waren, die Siebenjährige mit Geschichten über Gletscherflöhe und Gletscherspalten unterhielt. Wie gut, nicht allein zu sein, als dann das Gewitter kam, und wir schnellstens umdrehen mussten.

Daran dachte ich, als ein Jahr später das nächste Winterabenteuer bestanden werden wollte. Es führte zum Maloja Palace im tief verschneiten Engadin. Mein Tochter war acht, der Schnee lag kniehoch, sodass wir pitschnass am Eingang des Grand Hotels ankamen, an dem der Besitzer, ein italienischer Millionär, mich zum Interview erwartete. Kaum saßen wir in der warmen Stube, beschloss er, sich noch zu einem Schläfchen niederzulegen, sodass wir eine Stunde bei Schallplattenmusik zu zweit zubringen mussten. Ich glaube, wir haben Schiffe versenken gespielt.

Schwierig wurde es zwei Tage später, als ich zum Interview bei der Bürgermeisterin eines etliche Hundert Höhenmeter tiefer liegenden Dorfes angemeldet war. Draußen tobte ein Schneesturm. Drinnen war mein Kind krank geworden, wir hatten ja beim Millionär die Wechselklamotten nicht dabei gehabt. Sie musste im Bett bleiben, auch war das Hotel so verlassen, dass es die Kulisse für einen ziemlich ungemütlichen Film abgegeben hätte. So bat ich die italienische Rezeptionistin, ab und zu nach Noemi zu schauen. Und glaubte bei der rasenden Berg- und Talfahrt im Bus, dass, noch bevor Noemi gesund wäre, mein letztes Stündchen geschlagen hätte. Nein, cool war da außer dem Wetter gar nichts. Aber ich sehe uns trotzdem an einem der nächsten Tage über den zugefrorenen See schlittern und die rosagefärbten Gipfel ringsum fotografieren. Denn die Kunst, die ich erlernen musste, war ja, je ein waches Ohr in zwei entgegengesetzte Richtungen zu halten; eine Reportage wollte recherchiert – und ein Kind bei Laune gehalten werden. Mehr noch: Es sollte auch für sie, für uns, eine gute Zeit werden! Heute würde ich das womöglich nicht mehr schaffen, aber an das befriedigende Gefühl, das Letzte an Kraft und Kreativität aus sich herausgeholt zu haben, erinnere ich mich gerne. Immer gilt: Das Kind muss sich wohlfühlen. Es darf nicht Nebensache sein. Und ganz im Handumdrehen können sich dann sogar mal kurz die Rollen vertauschen und aus der kindlichen Reisegefährtin wird eine kompetente Assistentin, die durch eine Talsohle führt.

Als sie zehn war, begaben wir uns auf Diner-Tour durch Neuengland und, oh mein Gott, all diese gefüllten Waffeln und French Toast und Pfannkuchen, die wir uns jeden Tag an einem neuen Ort zu Gemüte führten! Wir besuchten die ältesten der chromglänzenden Restaurants, studierten ihre Geschichte, und im Diner-Museum in Providence konnte Noemi sich als Diner-Waitress verkleiden und Eier braten. Aber dann kam auf dem Weg zur nächsten Kleinstadt in Vermont der tropische Sturm vom Himmel, der eigentlich nur für New York vorausgesagt worden war und der jetzt über Vermont fast Hurrikan-Stärke erreichte. Das Wasser im Bach neben der Straße sprudelte wie kochendes Wasser, auf der hügeligen Straße hatten sich Seen gebildet, die ich mich irgendwann nicht mehr zu durchfahren traute. Der Wind heulte ums Auto, da sprach mir Noemi von hinten zu, ganz ruhig, Mama, wir schaffen das. Wenig später strandeten wir an einem einsamen Haus, und wurden zwei Tage von unfasslich netten Amerikanern aufgenommen, mit denen wir dann am dritten Tag anschauten, was passiert war: Straßen, die plötzlich im Abgrund endeten; Häuser, neben denen das Dach lag.

Gerade in den USA haben wir sie wieder und wieder erlebt, jene „Kindness of Strangers“, von der Tennessee Williams schrieb, die „Freundlichkeit von Fremden“, ohne die Reisen, ja, ohne die Leben eigentlich nicht geht. Als Noemi elf war, durften wir für drei Monate in der unbeschreiblich schönen Villa von Lion und Marta Feuchtwanger, heute Künstlerresidenz Villa Aurora in Los Angeles, Wohnsitz nehmen und wir fühlten uns jeden Morgen für Momente wie eine amerikanische Familie, wenn ich mich im Leihwagen in die lange Autoschlange der Eltern vor ihrer Public School einreihte. Zu dem Zeitpunkt war Noemi längst meine Assistentin geworden – die sich Wege besser merkte als ich, mit der ich Geschichten besprechen konnte. Nach Los Angeles kehrten wir zwei Jahre später zurück – und nahmen aus dieser glücklichen Großstadterfahrung den einhelligen Wunsch mit, nach Berlin zu ziehen. Das war vor viereinhalb Jahren, und voilà: Da sind wir.

Wie würde sie später zum Reisen stehen, fragte ich mich natürlich oft. Würde sie es lieben? Hassen? Einen ersten Hinweis erhielt ich, als sie sich selbst „Reisemaus“ nannte – und später diesen Titel in ihre erste Mail-Adresse aufnahm. Und ganz aktuell sieht es so aus, als dürfte ich aufatmen. Zu ihrem 19. Geburtstag vor einigen Wochen hat sie sich ein Zelt gewünscht und einen Kocher, ist an die Ostsee gereist und hat, zum Erstaunen von Caravan-Bewohnern als einzige die Stellung auf der Zeltwiese gehalten.

Kürzlich sprachen wir über die Reisen in ihren kleinen und jungen Jahren und sie sagte mir: „Man hat überall Freunde, man sieht die Welt, es ist toll … aber da gibt es noch dieses eine Versprechen, das du gebrochen hast – nein, nicht das mit dem Hund, den ich nicht bekommen habe, das andere!“ Ich gucke ratlos. „Du hast mir damals versprochen, ich dürfte den Gletscher berühren, und wir sind vorher umgedreht.“ „Es hat gewittert“, sagte ich. „Egal“, antwortete Noemi achselzuckend, „das steht noch aus.“