Auch ein Stoff, aus dem der Traum vom nomadischen Arbeiten heute sein kann. 
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Berlin Ich bin ja eine Freundin der englischen Sprache. Und den Begriff „Homeoffice“ gibt es anders als das „Handy“ dort auch tatsächlich. Trotzdem muss man feststellen, dass darin inzwischen doch eine Menge Lebenswirklichkeit verschwindet. Es gibt natürlich Menschen, die zum Arbeiten tatsächlich ins Büro gehen, selbst wenn die früher wohl kaum gesagt haben, sie gingen jetzt mal „ins Office“ (wie man zumindest hoffen will). Etliche aber gingen immer auch anderswohin: in die Agentur, ins Labor, in die Schule, zum Dienst, in den Verlag, in die Akademie, in die Uni, in den Schneideraum, in die Kanzlei, in den Laden und so weiter. Geht man aber nicht dorthin, „ist“ man jetzt automatisch „im Home-Office“. Oder „macht“ sogar Home-Office. Und wie „macht“ man es? Indem man es „ist“.

 Jene, die durch die Hygienevorschriften ihren Job nicht verlieren, performen jetzt alle zu Hause den gleichen Arbeitszusammenhang, der sich dadurch auszeichnet, dass man einen Tisch hat, auf dem ein Computer steht, mit dem man kommunizieren kann. Denn mehr braucht man ja inzwischen nicht in einem Büro. Wobei auch dieser Begriff kein ursprünglich deutscher ist. Laut Wahrigs Wörterbuch geht das französische bureau auf das lateinische burra zurück, ein „zottiges Gewand“ aus dem burel wurde, der grobe Stoff, mit dem Tische bezogen waren, auf denen man Münzen prüfte. „Vom Stoff ging dann die Bezeichnung auf den Tisch über, vom Tisch auf den Raum und schließlich vom Raum auf die in ihm arbeitenden Angestellten.“

Ein Satz von fast biblischer Schönheit (der einem auch erklärt, woher – zumindest im Deutschen – die Doppelbedeutung von Stoff und Inhalt kommt) und mit sozialen Folgen, wenn man weiterdenkt, dass die Stoffgeborenen, also die Angestellten, begrifflich jetzt nicht nur von neun bis fünf darin verschwinden (sich in den Stoff einhüllen), sondern sogar damit überhaupt identisch geworden sind. Kinder können von außen schließlich nicht erkennen, ob ihre Eltern gerade (im) Homeoffice sind (ihr Stoffzelt des nomadischen Arbeitens zu Hause aufgeschlagen haben) oder bei Ikea eine Küche bestellen.

Tatsächlich ist die Arbeitsperformance, die die modernen Heimarbeiter bieten, eine, die ohne Publikum auskommt und insofern der Performance der Aktien und anderen Finanzpapiere ähnelt, die es ja physisch auch nicht gibt, sondern die man nur an der Veränderung von Zahlen erkennt, die wie der Luftdruck mal steigen (gut), mal fallen (schlecht) – die Atembewegung des postindustriellen Zeitalters. Diese Normierung ist eine andere als die Typisierung von Angehörigen bestimmter Berufsgruppen, die es schon immer gegeben hat und die sich in Kleidung und Zuschreibungen ausgedrückt hat. In ihr hebt sich die Grenze zwischen Produzierendem und Produkt, die als kapitalistische Entfremdung markiert wurde, wieder auf – allerdings zugunsten des Kapitals.

Was alles nicht gegen das Home-Office spricht, das kurzfristig ja viele individuellen Vorteile bietet und vielleicht auch langfristig ein Sprung in ein neues Verständnis von Arbeit sein kann. Dass aber bei der Suche nach einer besseren Vereinbarkeit von Privatem und Beruflichen das Verschwinden des Privaten im Beruflichen zwar eine äußerlich saubere, inwendig am Ende aber vielleicht doch nicht wirklich erstrebenswerte Lösung sein mag, wollte ich mal zu bedenken geben.