Berlin - Am Montag, den 22. Februar werden die Grundschulen wieder öffnen und die Schüler der ersten bis dritten Klassen in den Wechselunterricht gehen. Neben den schon bekannten Hygienemaßnahmen hat der Senat nun beschlossen, zum ersten Mal auf die massenhafte Antigen-Testung von Lehrern und Schülern zu setzen. Zunächst hoffte man, sofort die sogenannten Selbsttests einsetzen zu können. Doch da deren Zulassung erst Anfang bis Mitte März zu erwarten ist, werden zunächst Schnelltests durchgeführt.

Wer kann sich testen lassen und wer testet?

Ab dem 22. Februar können sich alle Lehrkräfte testen lassen, die im Präsenzunterricht oder in der Notbetreuung tätig sind. Die Tests werden zunächst von medizinischem Personal zweimal pro Woche durchgeführt. Doch dann sollen auch einige Lehrkräfte an den Schulen in die Lage versetzt werden, die Schnelltests bei ihren Kollegen vorzunehmen. Von Testteams, die aus zwei bis drei Lehrkräften bestehen, ist die Rede. Idealerweise sollen diese Lehrkräfte schon über eine Ersthelfer-Ausbildung verfügen. Die Berliner Hilfsorganisationen (DRK, ASB, DLRG, Johanniter, Malteser) sollen nächste Woche mit den zweistündigen Schulungen anfangen. Studierende der Medizin sollen unterstützen; auch die Produktion eines Demonstrationsvideos ist geplant.

Wie werden die Schnelltests verteilt, gelagert und entsorgt?

Die Test-Kits werden durch die Spedition Dachser zwischen dem 16. und 19. Februar direkt an die Schulen geliefert. Die Kits sollen keinen Frost abbekommen und bei Temperaturen zwischen 2 und 30° Celsius gelagert werden – am besten in einem Raum, der sich auch gut verschließen lässt. Die Schulen sollen jeweils einen Schulungs- und einen Testraum ausweisen, die beide ohne Teppichboden und gut zu lüften sein müssen. Der Abfall kann über den Hausmüll entsorgt werden.

Wie funktionieren die neuen Selbsttests genau?

Beim Selbsttest handelt es sich um das Produkt dedicio® der Firma nal von minden. Durch eine Lockerung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung darf der Test jetzt nicht nur von medizinischen Fachkräften, sondern auch von Laien durchgeführt werden. Der Teststab muss mit 2,5 Zentimeter deutlich weniger tief in die Nase eingeführt werden und erspart den Nutzern damit die schmerzhafte Anwendung tief im Nasen-Rachenraum. Der Testtupfer wird links und rechts fünfmal an der Nasenwand gedreht. Danach kommt der Abstrich in ein sogenanntes Extraktionsröhrchen mit Pufferlösung, aus der man wiederum mit Hilfe eines Tropfaufsatzes drei Tropfen auf die dazugehörige Testkassette gibt, dann heißt es 15 Minuten warten. Die Firma arbeitet, so Julia Rummel (Senior Marketing Specialist), an einem Zeichentrickfilm, der Kindern den Gebrauch veranschaulichen soll. Eine Testung der Verwendung durch Siebtklässler in Regensburg lief problemfrei ab. Die Firma empfiehlt aber eine Durchführung bei Kindern gemeinsam mit einer erwachsenen Person. Der Test erkennt gesunde Menschen mit einer Spezifität von über 99,99% sehr zuverlässig, das heißt, falsch-positive Ergebnisse sind bei korrekter Anwendung extrem selten. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,09% erkennt der Test einen Fall von Covid-19.

Warum sind die Tests freiwillig und was passiert nach einem positiven Testergebnis?

Die Test bleiben aus rechtlichen Gründen sowohl für das Kollegium an der Schule als auch für den Heimgebrauch der Schüler freiwillig. Im Falle eines positiven Tests wird eine Nachtestung mit der PCR veranlasst. Über die Quarantäne der Klasse wird von Fall zu Fall entschieden.

Was denkt eine Berliner Grundschulleiterin über die Schnell- und Selbsttests?

Ruth Stephan, die die Grunewald-Grundschule leitet, ist zuversichtlich, dass schon die Erst- und Zweitklässler lernen können,  im Beisein der Eltern die Tests richtig anzuwenden. „Wahrscheinlich wäre es gut, die Tests in die Morgenroutine einzubinden – und den Test zum Beispiel gleich nach dem Zähneputzen zu machen. Damit die infizierten Kinder gar nicht erst ihre Klasse stolpern und herumspreadern.“ In den letzten Monaten hat die Schulleiterin gemerkt, dass sie sich auf das Verantwortungsgefühl der Familien verlassen kann. „Viele haben ihre Kinder schon präventiv zu Hause gelassen, sobald ein leiser Verdacht aufkam.“ Sie will in ihrer Schulgemeinschaft für die Tests werden. „Denn es ist ja in meinem Interesse, dass wir im positiven Sinne negativ bleiben!“

Gibt es schon Erfahrungen mit systematischen Testungen an Berliner Schulen?

Ja, am Humboldt-Gymnasium wurden seit den Sommerferien alle Schüler und Lehrer, die wollten, einmal pro Woche mit PCR-Tests getestet. Finanziert und ausgewertet wurden die Tests von der Firma Centogene*. Melanie de Waard, Verwaltungsleiterin des Gymnasiums, sagt: „Wir haben an unserer Schule sehr gute Erfahrungen mit den Testungen gemacht. Durch sie konnten infektiöse Menschen schnell gefunden und isoliert werden. Das Infektionsgeschehen an unserer Schule war nicht besonders hoch, aber wir haben natürlich keinen Vergleich, wie es ohne die Testungen gewesen wäre.“

Können die Tests wirklich dazu beitragen, die Schulen sicherer zu machen?

Der Senat hat beschlossen, 32 Millionen Euro in die Anschaffung von zehn Millionen Tests zu investieren. Das zeigt, dass die zuständigen Politiker in ihnen ein großes Potential sehen, die Sicherheit an den Schulen zu verbessern. Es ist wahrscheinlich, dass infektiöse Menschen an den Schulen schneller erkannt und isoliert werden können – deshalb lohnt das Experiment. Dennoch sollte man in den Tests keine „Wunderwaffe gegen den Virus“ sehen. Schließlich können sie die Infektionen nicht verhindern, sondern nur einige aufdecken. Die klassischen Hygienemaßnahmen und eine vorsichtige Lebensweise werden weiter nötig sein.


*Transparenzhinweis: Der Eigentümer des Berliner Verlags, Holger Friedrich, ist Mitglied des Aufsichtsrats der Rostocker Firma Centogene.