Junger Schüler mit Ipad. 
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BerlinSo viel scheint gar nicht passiert zu sein in den vergangenen 150 Jahren, zumindest was die Äußerungen zur Schulbildung angeht. Der große Schriftsteller und Schulrat Adalbert Stifter beklagte Mitte des 19. Jahrhunderts das „Maschinenartige des Erlernens“, Daniel Jung, ein Mathe-Klickheld der YouTube-Generation, spricht heutzutage von „Druckbetankung im Schulunterricht“.

Erkenntnis der Pisa-Studie

Der bald 40-jährige Jung gehört zu den Vorzeige-YouTubern in Deutschland. Vor acht Jahren hat er begonnen, Aufgaben aus dem Mathematik-Unterricht aufzugreifen und den Lösungsweg zu erklären. Inzwischen hat sein Kanal „Mathe by Daniel“ fast 600.000 Abonennten, der Pädagogik-Experte wird zu Konferenzen und Tagungen geladen, zuletzt war er vor ein paar Tagen bei einer Veranstaltung  von Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) und Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) im Kanzleramt zu Gast. Am Donnerstag gehörte er zu den YouTubern, die bei einem Event des Konzerns ausgezeichnet wurden.

Stochastik: Hypothesen testen kann extrem spannend sein.

Video: YouTube

Aber YouTube und Bildung – passt das noch zusammen? Im Frühjahr sorgte eine Studie, die sich mit der Nutzung kultureller Bildungsangebote der Jugend beschäftigte, für Schlagzeilen, denn 42 Prozent der Befragten 12- bis 19-Jährigen gab damals an, dass YouTube für die Hausaufgaben  wichtig sei, für 28 Prozent der Befragen sogar sehr wichtig.

Wie erreicht Bildung die Jungen? 

Vor ein paar Tagen kamen dann die neuesten Zahlen der Pisa-Studie auf den Markt. Erschreckende Erkenntnis: Die Leistung der deutschen Schüler hat sich im internationalen Vergleich in den vergangenen drei Jahre n verschlechtert. Sie kamen in allen drei Bereichen des internationalen Vergleichs – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – auf leicht schlechtere Werte. Nicht wenige Bildungsexperten nannten den Konsum der digitalen Medien als Grund für die Verschlechterung vor allem im Lesebereich.

Rezo auf Platz eins

Politik: Mehr als 16 Millionen Menschen haben seit Mai das Video von der „Zerstörung“ der CDU gesehen. Rezo berichtet von den Versäumnissen der Regierungspartei vor allem beim Klimaschutz. Der Spiegel nannte die junge Generation später „Rezoluzzer“. Die CDU-Parteiführung um Annegret Kramp-Karrenbauer wirkte hoffnungslos überfordert.

Musik:
Die Top-10-Liste der erfolgreichsten YouTube-Musikvideos wird von Deutschrap dominiert: Mero landet auf Platz eins, Capital Bra sichert sich insgesamt fünf Platzierungen in den Charts.   Meros Hit „Hobby Hobby“ erschien im Januar. Bereits am ersten Tag des Erscheinens verzeichnete der Song drei Millionen Aufrufe, bei Spotify 1,7 Millionen Streams.

Gesundheit:
Völlig überrascht von ihrem Erfolg als „Aufsteiger des Jahres“ waren die Macher von „Gewitter im Kopf“. Eigentlich wollten Jan Zimmermann und Tim Lehmann nur ein paar Fragen zum Thema „Leben mit Tourette“ nach einem Fernsehbeitrag beantworten. Herausgekommen ist ein Kanal, der  1,58 Millionen Abonnenten hat und sich um Jans Erkrankung dreht.

Wer bei der YouTube-Preisverleihung genau zugehört hat, konnte schnell bemerken, dass auf den Kanälen immer noch vor allem junge Menschen angesprochen werden, die längst ihren eigenen Zugang zu modernen Medien gefunden und ihre eigene Sprache entwickelt haben. „Ich küsse euch die Herzen“, sagte einer der Newcomer des Jahres. „Ihr müsst alle gleichzeitig drücken, dann fliegt es schon vorher los“, lautete die Botschaft eines Gamers und Rezo, der mit seiner Politik-Abrechnung die meiste Aufmerksamkeit in diesem Jahr erzielte, war auch kurz zu hören mit einem Zitat aus „Die Zerstörung der CDU“.

Revolution von außen

Das enorme Interesse junger Leute, Videos zu machen und zu gucken, müsste viel besser genutzt werden, forderte deshalb Daniel Jung im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Er wünscht sich mehr qualitativ-hochwertigen Content für die Schüler. Und weil er bei seinen Diskussionen oft auf eher zögerliche Politiker und Pädagogen trifft, wünscht er sich eine Bildungsrevolution von außen, wie er sagt. Lehrer, Eltern und begabte Schüler sollten sich aufmachen, ihre Kanäle zu eröffnen und sie mit Bildungsvideos fluten.

Als gelungene Beispiele nennt er die Kanäle „Lehrerschmidt“ und „Veritasium“, gestaltet vom kanadischen Wissenschaftler Derek Muller. Und noch einmal zurück zu Adalbert Stifter. Die Frankfurter Allgemeine beendet ihre aktuelle Rezension zu „Amtliche Schriften zu Schule und Universität“ mit dem Zitat: Wer lehren will und sich nicht in seine Schüler hineinversetzen kann, wird nicht weit kommen. In Zeiten der Digitalisierung ist das nicht anders.