Vor zehn Jahren wurde in Berlin die Hauptschule abgeschaft. (Symbolbild)
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BerlinDie Industrie und Handelskammer zu Berlin (IHK) ist der Ansicht, die Schulreform vor zehn Jahren habe die Qualitätsprobleme nicht lösen können. In ihren Umfragen beklage etwa immer noch 58 Prozent der Berliner Ausbildungsunternehmen, potentielle Auszubildende hätten mündlich und schriftlich ein mangelhaftes Ausdrucksvermögen. „Die Reform war sicher in der Struktur richtig, die Ergebnisse sind aber aus unserer Sicht leider noch nicht zufriedenstellend“, sagte Jörg Nolte von der IHK. Berlin habe seine selbstgesteckten Ziele nicht erreicht.

Ein Ziel der Schulstrukturreform war gewesen, die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren, die besonders an den ehemaligen Hauptschulen mit bis zu 30 Prozent zum Teil extrem hoch war. Das sei nicht gelungen, so die IHK: „Berlin ist in Bezug auf die Schulabbrecherquote immer noch auf den letzten Plätzen.“

Keine Verbesserung bei der Schulabbrecherquote

Eine Einschätzung, die neue Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie nicht widerlegen können: Mit 8 Prozent im Schuljahr 2018/2019 hat Berlin zwar wieder eine etwas geringere Quote an Schulabbrechern ohne Berufsbildungsreife als in den beiden Vorjahren (8,6 und 8,1 Prozent), liegt damit aber sogar noch über der Schulabbrecherquote vor Einführung der Schulreform (7,5 Prozent). Die Caritas meldete im vergangenen Sommer auf der Grundlage einer eigenen Studie für das Jahr 2017 sogar eine Schulabbrecherquote von 11,7 Prozent.

Die IHK bemängelt außerdem, das „Resterampe“-Image der Hauptschulen sei nach der Reform nicht verschwunden, sondern lediglich auf die Integrierten Sekundarschulen (ISS) ohne erweiterte gymnasiale Oberstufe übergegangen.

Norman Heise, Vertreter des Landeselternausschusses, bekräftigt diesen Eindruck. Eltern, die sich für den Bildungserfolg ihrer Kinder engagierten, bemühten sich, diese an Sekundarschulen anzumelden, die Schülerinnen und Schüler zum Abitur führen können. Die anderen Schulen hätten die „schwierigere Klientel“ – und aus seiner Sicht durch höhere Klassenstärken auch weniger Fördermöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler als die ehemaligen Hauptschulen. „Es kann jetzt aber nicht darum gehen zu sagen: Früher war alles besser“, sagte Heise. „Die Frage ist, wie man die Sekundarschulen dabei unterstützen kann, Schüler mit besonderem Bedarf stärker individuell zu fördern.“

Senatsverwaltung für Bildung: „Reform grundsätzlich wirksam“

Aus der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hieß es, die Wirksamkeit der Schulstrukturreform werde von niemandem grundsätzlich angezweifelt. „Natürlich gibt es in den Bereichen Unterrichtsqualität und individuelle Förderung noch einiges zu tun“, sagte ein Sprecher. Integrierte Sekundarschulen sorgten für mehr Motivation in der Schülerschaft: Es sei für Schülerinnen und Schüler einfacher, einen höheren Abschluss anzustreben, wenn sie dafür nicht die Schule wechseln müssten. Außerdem sei die Anzahl der „Risikoschulen“, an denen besonders viele Schülerinnen und Schüler Gefahr laufen, ohne Abschluss abzugehen, seit der Reform von 29 auf 12 gesunken.

Seit dem Schuljahr 2010/2011 gibt es in Berlin das zweigliedrige öffentliche Schulsystem: Nach der Grundschule haben Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, das Gymnasium zu besuchen, wo sie in der Regel nach dem 12. Schuljahr das Abitur machen. Die zweite Schulform ist die Integrierte Sekundarschule (ISS), eine Schulform, die die ehemalige Hauptschule, Realschule und Gesamtschule in sich vereint. Dort können sie die Berufsbildungsreife, die Mittlere Reife sowie in 13 Jahren auch das Abitur erreichen – wenn die Sekundarschule eine eigene gymnasiale Oberstufe hat oder sie in Kooperation mit anderen Sekundarschulen oder Oberstufenzentren anbietet. Bisher ist das allerdings erst bei etwa 50 von insgesamt 126 Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen der Fall.