Berlin - Die Ängste der Erzieher, sich anzustecken, die Bedürfnisse der überanstrengten Eltern, die Nöte der Planer, die meist kurzfristige Vorgaben der Politik umsetzen müssen: Wie soll man das alles unter einen Hut bringen? Und wie kann man gleichzeitig denen gerecht werden, um die es geht? Es sind die Kinder, die ein Recht auf eine altersgerechte Betreuung mit anderen Kindern haben.

Die Kita als Abbild der Gesellschaft 

In der Kinderstube Abeona in der Treptower Elsenstraße hängen an noch kahlen Zweigen liebevoll bemalte Ostereier. In schlichten Tontöpfen wächst die Kresse, die Holzmöbel, gewachst, strahlen Geborgenheit aus. Die 25 Kinder, die hier herkommen, sollen einen behüteten Raum vorfinden, in dem auch sie wachsen können. Die äußeren Bedingungen sind harmonisch, das silberfarbene Kinderkännchen steht präzise ausgerichtet auf dem winzigen Teetisch. Doch was von außen so intakt wirkt, ist im Inneren während der Pandemie in Unordnung geraten.

An einem Freitagnachmittag haben sich das Vorstandsmitglied Michael Nauruschat, die Erzieherin Katja Kleinsorge und Wanja Hüffell, ein Vater, der seine zwei Kinder in der Kita betreuen lässt, zusammen an den großen Esstisch gesetzt. Sie wollen erzählen, welchen zwischenmenschlichen Herausforderungen man sich in Einrichtungen wie ihrer derzeit gegenübersieht. In der Elterninitiativkita in der Nähe des Treptower Parks spielt sich hinter den naturweißen Vorhängen im Kleinen ab, was im Großen der Gesellschaft widerfährt: Es gibt viel Unsicherheit. Und die Gemeinschaft ist gespalten.

Durch die Pandemie entstanden Fronten, die keiner wollte

„Am Anfang waren alle sehr solidarisch miteinander. Doch irgendwann kippte das“, sagt Katja Kleinsorge. Komische Fronten seien entstanden, keiner hatte sie gewollt. Fronten zwischen Eltern und Erziehern, die ihre Ängste erklären mussten. Fronten innerhalb des Teams, wo es für die einen selbstverständlich ist, sich vor Dienstantritt zu testen, für die anderen nicht so wichtig.

Foto:  Sabine Gudath
Katja Kleinsorge steckt als Erzieherin im Dilemma zwischen Selbstfürsorge und der Sorge um die Kinder, die sie betreut.

Es gab Dissens zwischen den Eltern, die als systemrelevant gelten, und denen, die dies offiziell nicht sind. „Dabei sind die Bedürfnisse der Kinder doch nicht abhängig davon, was ihre Eltern arbeiten“, sagt die Erzieherin. Es entstanden Gräben zwischen denen, die auf ihren Betreuungsanspruch pochten, und denen, die zu Hause mit den Kindern zusammen die Wände hochgingen. „Irgendwann haben wir die aus den Augen verloren, um die es eigentlich gehen sollte“, sagt Michael Nauruschat. „Es ging um Systemrelevanz, darum, wie fertig man ist. Nicht mehr um die Kinder.“

Diese spaltende Komponente sei das Letzte, was Kitas in Zeiten des monatelangen Zähne-Zusammenbeißens gebrauchen können, sagt Wanja Hüffell. „Es treibt einen Keil in die ständig beschworene Solidarität, die bislang mal mehr, mal minder, aber doch immer noch aufrechterhalten werden konnte in den meisten Einrichtungen.“

Gestörte Kommunikation auf digitalen Kanälen

In Kitas, wo zig Familien aufeinandertreffen, gibt es immer wieder unterschiedliche Ansichten. Doch das, was in normalen Zeiten hilft, Trennendes zu überwinden, fällt mit Corona weg.

Gemeinschaft, Feste und Aktionen dürfen nicht stattfinden. Doch sie sind der Kitt, der hilft, ein Kitagefüge zusammenzuhalten. „Für Austausch und Gespräche gab es immer einen Rahmen. Der fehlt jetzt“, sagt Michael Nauruschat. Die Kommunikation in digitalen Medien kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. In den Chats wird es in letzter Zeit oft emotional. Was bei einem Garteneinsatz zum Beispiel schnell besprochen und geklärt werden könnte, während man gemeinsam buddelt, bleibt nun im digitalen Raum ungelöst und wird zur Wunde im Miteinander.

Foto: Sabine Gudath
Michael Nauruschat muss als Kita-Vorstand die Belange der Erzieher und die der Eltern unter einen Hut bringen. 

Wo die Nerven nach nachmonatelangem Hin und Her blank liegen, fällt es zunehmend schwer, über den eigenen familiären Tellerrand zu schauen. „Ich erlebe Eltern, die sind so fertig wie noch nie. Sie haben keine Kapazitäten, um anderen etwas zuzugestehen“, sagt Katja Kleinsorge. Je stärker der Druck von außen durch Corona wird, desto schärfer treten die Konflikte zutage. „Der aus der Unvereinbarkeit von Kinderbetreuung und voller Berufstätigkeit entstehende Druck der Eltern wird vor allem an die Kitas weitergeben, anstatt auch die Arbeitgeber mehr in die Verantwortung zu nehmen.“

Vorgaben der Politik verschärfen die Situation

Mitten im Ringen um Gerechtigkeit und Planbarkeit verschärfen sich die Vorgaben aus der Politik. Die Situation: Der Senatsbeschluss, die Kitas seit dem 9. März wieder im eingeschränkten Regelbetrieb zu öffnen, macht die Erzieherin wütend. „Hier wurde über meinen Kopf hinweg über meine Gesundheit entschieden“, sagt Katja Kleinsorge. Dass mit dem Wissen, dass es die Möglichkeit gibt, mit Impfungen vorzusorgen, dennoch entschieden wurde, von einem auf den anderen Tag ohne Schutz zu öffnen, sei für sie nicht nachvollziehbar gewesen. Mittlerweile haben alle Erzieher in den Berliner Kitas eine Impfeinladung bekommen. Auch Katja Kleinsorge hat ihre erste Dosis gerade erhalten. Damit ist ein wichtiger Beitrag zur Öffnung geleistet, auch wenn einige ihrer Kolleginnen für sich entschieden haben, sich vorerst lieber nicht impfen zu lassen.

„Ich sehe zu Hause, was Corona mit einem machen kann“, sagt Michael Nauruschat. Seine Frau hat noch immer mit Nachwirkungen zu kämpfen. Er müsse nun aufpassen, die emotionale eigene Erfahrung, die ja längst nicht für alle gelte, nicht zu verallgemeinern, sagt der 34-Jährige. 

Foto: Sabine Gudath
Wanja Hüffell hat in den vergangenen Monaten gemeinsam mit seiner Frau die beiden Kinder meist zu Hause betreut und kam damit an seine Grenzen. 

Wanja Hüffell ist freiberuflicher Tonmeister und hat mit seiner Frau, einer Lehrerin, die beiden gemeinsamen Kinder meist zu Hause betreut. „Wir sind die Decke hochgegangen“, sagt er. Seit die Kinder wieder zur Kita dürfen, sind sie ausgeglichener, und er findet Zeit, um sich beruflich zu sortieren. 

Nach Ostern wird in der Kinderstube Abeona wieder für alle Kinder eine Betreuung möglich sein. Doch wie weiter, angesichts steigender Fallzahlen gerade bei den Jüngsten? Der Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden DaKS, dem auch die Treptower Kita angehört, hat gerade einen Vorschlag dazu gemacht, der Kinder stärker in den Fokus nimmt und für neue Diskussionen sorgen könnte.

„In erster Linie geht es um das Recht der Kinder auf Kontakt mit Gleichaltrigen. Das gemeinsame Spiel zwischen Kindergartenkindern kann von keinem noch so ambitionierten Elternteil ersetzt werden“, schreiben Babett Sperle und Roland Kern, die Vorstände des Verbands. Deshalb habe das Aufrechterhalten eines Angebotes für alle Kinder eine sehr hohe Priorität. „Wir fordern, dass bei einem erneuten Verschärfen der pandemiebedingten Maßnahmen der Zugang in die Kita und Grundschule für alle Kinder erhalten bleiben muss.“

Kleine feste Kita-Gruppen 

Dies könne nur dann gelingen und mit dem Infektionsschutz vereinbar sein, wenn es verpflichtende Vorgaben zu kleinen, stabilen Gruppen gebe, die nur umsetzbar seien, wenn der zeitliche Anspruch auf Betreuung eingeschränkt sei. „Der nachvollziehbare Wunsch der einzelnen Familie nach umfassender Betreuung an fünf Tagen die Woche muss sich dann erneut der gesellschaftlichen Notwendigkeit unterordnen. Anders geht es nicht, denn ein Festhalten an individuellen Rechten in diesem Bereich bedeutet am Ende den Ausschluss von vielen, damit wenige mehr bekommen. Diesen Weg wollen wir nicht mehr gehen!“

Neuer Stoff für Verhandlungen und die Notwendigkeit, sich immer wieder aufeinander einzulassen und andere Meinungen zu akzeptieren, zeichnet sich auch auf einem weiteren Feld ab: Nach den Osterferien sollen alle Kitakinder regelmäßig auf das Coronavirus getestet werden.

Katja Kleinsorge legt den Kopf in die Hände. „Kann man Kleinkindern die Prozedur eines Nasenabstrichs regelmäßig wirklich zumuten?“, fragt sie. Und wie werden sie damit umgehen, wenn einige Eltern das unbedingt wollen, andere auf gar keinen Fall? Wie damit klarkommen, dass immer neue wunde Punkte entstehen, bevor die alten verheilen konnten?

„Wir müssen in der Kita und in der Gesellschaft aufpassen, dass wir die, die jetzt hinten runterrutschen, wieder auffangen“, sagt Michael Nauruschat. Irgendwann, wenn die Zerreißprobe überstanden ist.