Rund 2000 junge Menschen waren bisher mit zis unterwegs.
Foto. zis-Stiftung

Am ersten Tag seiner Reise hat Manuel Boskamp schon 90 Euro ausgegeben, reichen müssen die 600 Euro, die er als Budget von der zis-Stiftung bekommen hat, für einen Monat. Mehr Geld mitnehmen durfte er nicht, das ist die Bedingung für ein zis-Stipendium. Manuel Boskamp ist nach dem Abitur 2018 nach Großbritannien aufgebrochen, um die Transition Towns, eine Nachhaltigkeitsbewegung, zu erforschen.

In London kommt er mit dem Bus an, sein Fahrrad im Gepäck, bei 40 Grad im Schatten. Sogleich muss er sich auf das Rad schwingen und aus London rausstrampeln, damit zurechtkommen, dass es in London keine Radwege gibt. Am folgenden Tag hat er einen Interviewtermin mit den Gründern der Transition-Town-Bewegung in Hastings. Hastings liegt etwa 120 Kilometer entfernt, nach 30 Kilometern spürt er, er wird es nicht schaffen, zu untrainiert ist er und müde nach der langen Reise. Umplanen muss er, den Zug nehmen. Nachts kommt er in Hastings an und stellt fest: kein Zeltplatz. Sein Zelt kann er also nicht wie geplant aufschlagen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als ein Hotel zu suchen. Dankbar dafür, eines gefunden zu haben, geht er dennoch mit einem unruhigen Gefühl schlafen. „Habe ich mich überschätzt?“, fragt er sich. Im Film nennt sich dieser Punkt „the deepest shit point“. Ab da sollte es für den Helden aufwärts gehen.

Solche Situationen sind, ist man mit einem Stipendium der zis-Stiftung unterwegs, nicht ungewöhnlich. Moment? Stipendium? So knapp bemessen, dass man die ganze Zeit ans Sparen denken muss? Ja. Und genau das ist das Aufregende.

Je mehr ich mich in die Reiseberichte der zis-Stipendiaten vertiefe, desto mehr möchte ich selbst auf Reisen gehen, und zwar genauso: mit begrenztem Budget, 600 Euro in der Tasche, zu einem konkreten Thema, für vier Wochen, mit dem Rad oder dem Bus, per Anhalter. Ein 20 bis 30 Kilogramm schwerer Rucksack mit dem Nötigsten. Und dann würde ich erforschen, wie das ist mit dem italienischen Espresso oder wer auf all den kleinen Inseln in den Schären wohnt – den Duft der Freiheit in der Nase, Land und Leute kennenlernen, und vor allem sich selbst. Diese Reise hört ja nie auf.

Fliegen ist mit zis nicht erlaubt. Auch das hat seinen Grund. „Wer sich einem Ziel langsam nähert, kann sich besser auf das vorbereiten, was ihn erwartet“, heißt es auf der Webseite der Stiftung. Manuel hat sich für das Fahrrad als Transportmittel entschieden. Er wollte spüren, wie es sich anfühlt, nachhaltig unterwegs zu sein. Das Radfahren hat ihm ein anderes Gefühl für Entfernungen vermittelt, auch wenn das Rad zuweilen lästig war, weil er es im Zug mitnehmen musste und nicht einfach am Bahnhof lassen konnte.

Das Reisen mit begrenzten Mitteln und Motto mobilisiert die schöpferischen Kräfte der Jugendlichen, die im Alter von 16 bis 20 mit einem Stipendium der zis-Stiftung in die Welt hinausgehen. Ihre Projektreise macht sie glücklich, stolz und ja, größer. Auf dem „Reisefunk Podcast“ erzählt Manuel, nachzuhören auf Spotify oder auf der Webseite der zis-Stiftung: „Ich komme mit Grenzen weiter, ohne hätte ich eine viel langweiligere Reise gemacht.“

Die Begrenzung scheint auch deshalb nicht verkehrt zu sein, weil die westliche Welt besonders auch Jugendlichen ständig suggeriert, sie befänden sich in einer Art Supermarkt mit unzähligen Möglichkeiten. „Tyranny of choice“ hat das die Philosophin Renata Salacl einmal genannt. Begrenzung bedeutet ja auch, sich entscheiden zu müssen.

Aber, halt, nochmal zurück. Wie war das noch? „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen“, heißt es zwar bei Matthias Claudius. Aber da ist doch noch der Anfang von allem, die Planung, der Aufbruch, das Reisefieber. Wer kennt das denn nicht, kurz vor einer Reise, die man unbedingt wollte oder zu der man sich nach langer Überlegung entschlossen hat, da ergreift einen urplötzlich ein mulmiges Gefühl. Ist vielleicht doch nicht so wichtig, murmelt es da, und eine gewisse Lustlosigkeit will sich breit machen. Vorbei die Abenteuerlust, die Angst, die alte Vordränglerin, meint: Och, zu Hause ist es doch auch ganz schön.

Manuel versuchte vor seiner Reise Kontakt mit den Transition-Towns-Gründern aufzunehmen. Oft aber gelang das nicht. Als er losfuhr, hatte er deshalb nur zwei feste Termine. Kann das gutgehen?

Für solcherart Zweifel, Sorgen, Ängste stehen den Stipendiaten Mentoren zur Seite, Ehemalige, die ihre Reise schon hinter sich haben und all diese Gefühle kennen. Sie helfen mit der Planung und Konkretisierung des Abenteuers, helfen, die richtigen Fragen zu stellen: Wie realistisch ist mein Projekt? Reicht mein Geld für das, was ich vorhabe? Wie will ich unterwegs sein? Was muss in den Rucksack? Wie gehe ich auf Fremde zu? Was tun, wenn Heimweh mich überfällt?

Für Manuel Boskamp ging es nach seiner Nacht im Hotel steil nach oben, nicht nur, weil er an der bergigen Südküste Englands Höhenkilometer abstrampeln musste, die er dafür nachher runterbrettern durfte, sondern auch, weil er Menschen begegnete, die ihm halfen und bereitwillig erzählten. In London besuchte er ein „Pay what you can“-Café. Dort erfuhr er, dass für die Gerichte übrig gebliebene Lebensmittel verwertet werden, dass arm und reich hier aufeinandertreffen. Zwar gibt es einen vorgeschlagenen Preis, aber wenn der Reiche zehn Pfund für ein Avocado-Sandwich zahlt, bezahlt ein anderer vielleicht nichts. So hat dieses Café auch eine soziale Nachhaltigkeits-Komponente: Es bringt Menschen zusammen, die sonst nichts voneinander wissen. Damit sind wir bei einem weiteren Gedanken der zis-Stiftung: Menschen verbinden, über nationalstaatliche und kulturelle Grenzen hinweg.

Begegnung und Gespräche über kulturelle Grenzen hinweg.
Foto: zis-Stiftung

Sämtliche Erfahrungsberichte und Reisetagebücher, einsehbar auf der Internetseite der Stiftung, erzählen von den universellen Wahrheiten des Reisens und von diesem unverschämten „zis-Glück“. Bedeutet ungefähr, dass man unerwartet auf Fremde trifft, die einem helfen, einen willkommen heißen. Und auch, dass man vertrauen kann – sich und den Anderen. Diese Erkenntnis wünscht man dieser Tage all denjenigen, die mit Misstrauen und Paranoia – „der Andere verfolgt mich“ – durch die Welt laufen. Mehr zis-Erfahrung würde da helfen. Es spielt eben eine Rolle, wie man dem anderen begegnet, wie man sich selbst zu dieser Welt stellt. Und so endet das berühmte Gedicht von Matthias Claudius „Die Reise Urians um die Welt“ ja auch: „Und sah bei der Gelegenheit / Viel Städt' und Menschenkinder (…) Die Menschen gerade so wie wir, / und eben solche Narren.“

Seit der Gründung hat die kleine Stiftung, die nur aus einer hauptamtlichen Geschäftsführerin und ehrenamtlichen Helfern besteht, mehr als 2000 Jugendliche ins Ausland geschickt. Zu verdanken haben sie es unter anderem Marina Ewald, pädagogische Mitarbeiterin im Internat Salem.

„Ich bin gekommen, um Ihnen Ihre Idee zu stehlen“, erklärte diese, als sie 1955 den Franzosen Jean Walter aufsuchte. Der französische Unternehmer hatte die Zellidja-Organisation gegründet, die Jugendlichen eine Auslandsreise ermöglicht, damals etwas Außergewöhnliches. Jean Walter war selbst viel gereist, hatte dabei viel gelernt und wollte diese Erfahrung weitergeben. Mit dem „Diebstahl“ war er gleich einverstanden. Marina Ewald baute die zis-Stiftung in Überlingen auf, die seit 1956 Jugendlichen die Reisen ermöglicht. Der Name zis steht etwas kompliziert für „Zusammenarbeit Internationaler Studienreisestipendien“.

Ausgewählt werden jedes Jahr etwa 60 bis 80 Stipendiaten, die Nationalität spielt keine Rolle. Während ihrer Zeit im Ausland führen sie ein Tagebuch und erstellen anschließend einen Projektbericht, den sie nach der Reise einreichen. Das kann wie auch bei Manuel Boskamp die Form eines Podcast annehmen oder ein Kunstprojekt sein, ein Skizzenbuch.

Also, was kann schon passieren? Auf, auf! Und dieses mulmige Gefühl kurz vor dem Aufbruch? Schon vergessen, sobald man in den Zug, in den Bus oder aufs Fahrrad gestiegen ist. Dann  ergreift uns eine tiefe Freude, und wir ahnen: Ist nicht genau das der Sinn des Lebens? Erkundung. Das Neue. Der Andere. Sich verbinden mit dieser Welt. Ach, Reisen, Bildung … Man kann es nicht anders sagen: Gut geklaut, Frau Ewald!