Auf dem Sofa sitzen und die Anregungen der Eltern an sich abprallen lassen. 
Illustration : Berliner Zeitung/ Sabine Hecher. 

BerlinDas Kind war ein Dezemberkind. Da es im Jahr 2000 in Berlin zur Welt gekommen war, wurde es mit fünf Jahren zwangseingeschult. Die Eltern hatten das nicht gewollt, das Kind auch nicht, aber der Berliner Senat wollte es so.

Folglich machte das Kind mit siebzehn Jahren Abitur. Im April waren die Prüfungen rum, das Kind war also gerade mal siebzehn und hatte knapp zwölf Jahre Schule hinter sich. Das Ergebnis für uns: Das Kind blieb in dem Alter, in dem Dornröschen sich an der Spindel stach, ganztags zuhause. Ein böses Omen.

Bis zu den Sommerferien fühlte sich das halbwegs normal an, es gab ja noch die offiziellen Feierlichkeiten und den Abiball. Auch nach den Sommerferien blieb das Kind zuhause.

Zur Einschulung hatte es noch keinen einzigen Wackelzahn gehabt. Zum Abitur trug es immer noch eine Zahnspange, zusätzlich einen Metallbügel am Gaumen. Beides musste alle zwei Wochen von der Kieferorthopädin nachgezogen werden. Die Ärztin meinte, in einem halben Jahr könne die Spange frühestens abgenommen werden.

Resistent gegen jeden Vorschlag?

An einen längeren Auslandsaufenthalt war also nicht zu denken. Das Kind war zwar nicht volljährig, aber natürlich kein Kind mehr, sondern ein Teenager, der nichts weniger wusste, als was er werden wollte. Außerdem resistent gegen jeden Vorschlag, den seine Eltern ihm machten.

Wir lobten den Nachbarjungen, der ein freiwilliges ökologisches Jahr im Tierheim machte. Die Antwort: Augenrollen. Wir lobten die Nachbartochter, die ein freiwilliges soziales Jahr an einer Grundschule machte. Die Antwort: „Nicht schon wieder Schule!“

Den Schnellläufer, der um die Ecke wohnte, erwähnten wir nicht. Er hatte ein Schuljahr übersprungen und mit 16 Abi gemacht. Anstatt im Studium durchzustarten, sahen wir ihn nur noch auf einem knallorangenen Lieferando-Fahrrad.

Ich erinnerte mich an meine eigene Schulzeit. In dem Alter, in dem mein Kind sich nun vorläufig zur Ruhe setzte, kam ich in die Oberstufe. Mit 19 machte ich Abitur und begann dann eine Lehre.

Wie, Lehre? 

Wir fragten unsere Tochter, ob eine Lehre für sie nicht auch in Frage käme? „Wie, Lehre?“, war die schlechtgelaunte Rückfrage. Ja, also kaufmännisch, handwerklich oder in der Pflege? Erstmals wurde daraufhin der Wunsch nach einem Studium artikuliert.

Eine Freundin von ihr hatte mit siebzehn ein Jurastudium begonnen. Wer noch nicht volljährig ist, für den gilt in Berlin kein Numerus Clausus. Ich witterte darin zunächst eine tolle Chance. Wow, mein Kind kann studieren, was es will! Mein Mann machte mich auf den Haken aufmerksam: „Es weiß aber nicht, was es studieren will!“

Wir erinnerten uns an den Befund der Lehrerin, kurz nach der Einschulung. Wir sollten bitte jeden Tag mit dem Kind lernen, das sei aber keine Frage des mangelnden Intellekts, sondern der mangelnden Reife! Die Reifung eines Teenagers zu Hause begann.

Mir fiel auf, dass die Prenzlauer-Berg-Kinder aus unserem Freundeskreis, die sich ans Studieren wagten, am liebsten an die Humboldt-Universität gingen. Weil das so schön nah an zuhause war. Oh alte Burschenherrlichkeit! Meine Eltern und schon mein Großvater hatten an drei verschiedenen Universitäten studiert, alle möglichst weit weg von zuhause.

Lauter Geschichten von Hänge-Partien

Als im Oktober alle Bewerbungstermine für Lehre oder Studium abgelaufen waren, dämmerte uns erst, dass wir mitten im berüchtigten Gap-Year waren. Plötzlich outeten sich die ersten Eltern in unserem Freundeskreis. Lauter Hängepartien-Geschichten machten die Runde. Im Lebenslauf werden sie dann mit Praktika im In- und Ausland, Jobs oder Work-and-Travel kaschiert. Aber nicht mal das war bei uns in Sicht.

Soll ich darüber berichten, wie dieses Jahr zuhause genau verlief. Lieber nicht! Aber der schlimmste Tag war der, an dem der Teenager mal wieder um zwölf zum Frühstück kam, als ich im Zimmer nebenan an einer knallharten Telefon-Konferenz teilnahm. Und dann, um guten Willen zu demonstrieren, während meiner Konferenz zu staubsaugen begann.

Unser Staubsauger quietscht laut im Rückwärtsgang. So laut, dass plötzlich ein Kollege in der Runde fragte: „Hat hier jemand Hühner?“ Ich begann zu schwitzen, schwieg natürlich und dachte nur: „So ähnlich.“