In der Arte-Serie „In Therapie“ befindet sich der Therapeut in der Krise, das wiederum teilt ihm seine Analytikerin mit: „Philipp, du bist in der Krise der Fünfziger.“ Ja, ereilt denn auch Frauen eine solche Krise? Das hatten wir bisher angenommen. Wechseljahre und so weiter.

„Die Glücklichen“ geben eine andere Antwort: Nein! Besser kann das Leben gar nicht sein. Es gibt Anlass zum Jubel. Für viele Frauen ist die Lebensmitte heute eine Zeit, in der sie neue Freiheiten genießen können und das Leben ihnen leichter vorkommt. In ihrem Buch „Die Glücklichen“ dreht und wendet Susanne Beyer an dem gängigen Diskurs der gealterten Frau, die kein Mann mehr ansieht. Sie braucht ihn nämlich nicht, da sie einem Beruf nachgeht, der ihr Spaß macht, und überhaupt gesegnet ist mit Erfahrung und Leidenschaft. Mitte des Lebens: ein Ankommen nach der Rushhour vergangener Jahre, „Verständnis und Versöhnung mit sich selbst“, Bereicherung statt Verlust, Gelassenheit.

Bewusst wurde Susanne Beyer dieser Wandel auf ihrem 30-jährigen Abiturtreffen. Während auf dem Foto vom Klassentreffen ihrer Mutter im Jahr 1983 die Frauen älter aussehen, als sie tatsächlich waren – die damals verbreitete Dauerwelle mag eine Teilschuld daran tragen –, kamen Susanne Beyer ihre Klassenkameradinnen keineswegs alt vor. Sie stellte ein neues Selbstbewusstsein fest, „Grandezza“, Weisheit und Würde.

Von 19 großartigen Frauen erzählt Susanne Beyer in ihrem Buch, von Schauspielerin Marie Bäumer, von Autorinnen wie Siri Hustvedt und Eva Menasse, von Sängerin Joy Denalane, von Claudia Schiffer und auch von weniger bekannten, der Pflegerin Olga Schmidt oder der früheren Hausfrau Antje Steffen. Alle sind sie ihren Weg gegangen, haben Klischees infrage gestellt, Lehren gezogen, sich positioniert, sind aufgebrochen.

Im Vorwort beschreibt Susanne Beyer, wie die Idee für ihr Buch entstand: 

„Und dann bereitete ich meinen fünfzigsten Geburtstag vor. Ich freute mich auf dieses Fest. Nach Jahren mit viel zu viel Arbeit nahm ich mir eine Weile frei und wollte etwas tun, was ich seit Langem nicht mehr gemacht hatte: richtig feiern. Ich hatte wenig Routine damit, deswegen würde es kein großes Fest werden, aber ich wollte mich auf jeden Fall bei denen bedanken, die mir auf meinem Weg nahe gewesen waren. Voller Vorfreude suchte ich nach einem Ort, gestaltete die Einladungskarten, bestellte Blumen für die Dekoration und hörte bei all den Vorbereitungen von Jüngeren ständig die Frage: Fünfzig? Und keine schlechte Laune?

Nein, keine schlechte Laune. Im Gegenteil. Da waren nur Freude, Hoffnung und ja, auch ein bisschen Stolz: Ich hatte keine leichten Jahre hinter mir, aber ich war da durchgekommen und hatte nicht das Gefühl, mich dabei selbst verloren zu haben. Mir fiel ein Lied ein, wie uns ständig Lieder einfallen, ob wir sie nun mögen oder nicht: Elton John – ‚I’m still standing, yeah, yeah, yeah.‘

Je mehr ich mich mit dem Thema Frauen in der Lebensmitte beschäftigte, desto häufiger stieß ich auf Hinweise, die mein Lebensgefühl bestätigten. Zum Beispiel diesen Artikel in der Zeit. Die dreiunddreißigjährige Autorin Nadja Schlüter berichtet davon, dass sie ‚verliebt‘ sei. Und zwar in Gillian Anderson, die in der Netflix-Serie Sex Education Jean Milburn, eine alleinerziehende Mutter und Sexualtherapeutin, spielt: ‚Was für eine tolle, vielschichtige Figur, verkörpert von einer tollen Frau. Wäre ich ein Emoji, hätte ich in diesen Momenten Herzchenaugen.‘ Und dann: ‚Gillian Anderson ist 51 Jahre alt.‘ Bisher, so schreibt die Autorin, habe sie Angst davor gehabt, ‚einmal eine Frau um die 50 zu sein‘.

Wir alle kennen diese Sprüche: Vierzig sei das neue Zwanzig, Fünfzig das neue Dreißig – Sprüche wie Trostpflaster, die im Grunde nicht mit Zuschreibungen aufräumen, sondern diese sogar noch festschreiben, weil sie nahelegen, dass das Älterwerden etwas Furchterregendes ist. Der Zeit-Artikel bestätigt, dass Frauen in der Lebensmitte Jüngeren ein Vorbild sein können, so wie auch ich es erlebt habe und weiterhin erlebe. Doch anders als in meiner Generation gibt es jetzt viel mehr von diesen Vorbildern: Auf einmal seien da so viele ‚toughe, oft bewundernswerte Frauen jenseits der Vierzig‘, schreibt die Zeit-Autorin. ‚Im Kino und im Fernsehen, auf Podien, auf wichtigen Posten und in der Politik. Ich finde das großartig.‘ Sie zählt Beispiele aus der Popkultur und aus ihrem Umfeld auf, jubelt: ‚wow – sind die toll‘, und sagt: ‚So will ich sein! So selbstbewusst und gelassen, so sehr at ease.‘

Fünfzig ist also nicht das neue Dreißig, Fünfzig ist das neue Fünfzig, weil sich das Verständnis – und auch das Erleben – von diesem Alter verändert hat. Heutzutage ist etwas möglich, das die Schweizer Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello, Autorin des Buches „In der Lebensmitte“, ‚das Primat des individualisierten Glücks‘ nennt. Moralisch gesehen werde Menschen nicht mehr viel vorgeschrieben, sie müssten kaum Rücksicht nehmen und könnten ihr Leben so gestalten, wie es ihnen gefalle: einen neuen Job suchen, sich einen anderen Beruf aneignen oder sich nach einer Trennung neu verlieben. Diejenigen, die heute in der Lebensmitte angekommen seien, hätten Freiheiten, die frühere Generationen nicht im Geringsten gehabt hätten.

Diese Freiheiten haben zur Folge, dass man es eben nicht mehr anstreben muss, irgendwo anzukommen, wie noch die Generation unserer Mütter. Das bewirkt, dass wir in Bewegung bleiben – ein Privileg, das früher der Jugend vorbehalten war.

Foto: Christian Körte
Die Autorin 

Susanne Beyer, geboren 1969, ist seit 1996 beim Spiegel tätig, 18 Jahre lang als Kulturredakteurin, auch als stellvertretende Leiterin des Kulturressorts. Vier Jahre lang war sie stellvertretende Chefredakteurin des Nachrichten-Magazins. Heute ist sie Autorin im politischen Ressort des Hauptstadtbüros. Susanne Beyer hat zwei Töchter und lebt in Hamburg und Berlin.

Die Medizin hat große Fortschritte gemacht, harte körperliche Arbeit ist in der westlichen Welt so selten geworden, dass sich immer mehr Menschen gerade in der Lebensmitte gesund fühlen. Das gilt leider noch nicht für alle, aber für einen so großen Teil der Bevölkerung wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. In Deutschland zum Beispiel ist es binnen einhundertdreißig Jahren gelungen, die durchschnittliche Lebenserwartung mehr als zu verdoppeln. Wenn wir ab der Lebensmitte also noch erwarten können, eine längere Zeitspanne bei guter Gesundheit vor uns zu haben, können wir versuchen, sie bewusst zu gestalten, uns weiterentwickeln, korrigieren oder sogar etwas Neues beginnen. (…)

Wenn wir den Blick auf die vielen Probleme der heutigen Zeit richten, dann wird schnell klar, dass es besser ist, wenn sich möglichst viele Menschen aufgerufen fühlen, sich diesen Problemen zu stellen – je mehr, desto besser. Pflegenotstand, Klimawandel, Kriege – es braucht Menschen, die sich zutrauen, sich den Herausforderungen zu stellen, und die im guten Sinne selbstbewusst sind. Selbstbewusstsein ist das Gegenteil von Narzissmus.

‚Freude ist eine Form des Widerstands‘, sagte die R&B-Sängerin Alicia Keys bei einer Veranstaltung im Vorfeld der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen im Herbst 2020. Und das stimmt, auch in Bezug darauf, wie wir uns selbst sehen und wie wir gesehen werden. Wenn wir einstimmen in die Klagen darüber, was uns Frauen alles verloren geht, wenn die jungen Jahre hinter uns liegen, bestätigen wir den patriarchal geprägten Blick auf uns und damit auch den Glaubenssatz, dass jüngere Frauen mehr wert seien als ältere. Wenn wir aber die Perspektive wenden und schauen, was an Gutem da ist, wenn wir eine neue Erzählung über uns finden, befreien wir uns von Zuschreibungen, deren Funktion darin liegt, uns kleinzumachen.

Frauen, die sich des Lebens freuen, sind stark, sie sind anziehend, und sie stellen Machtverhältnisse infrage, die im Grunde alle beschränken, auch diejenigen, die vermeintlich davon profitieren: Das Bild des ewig kraftstrotzenden Mannes kann genauso erdrückend sein wie das der mit dem Älterwerden gestraften Frau. Glück ist ein Geschenk, ja, aber glücklich zu sein kann auch zum Vorsatz werden, jedenfalls wenn die Voraussetzungen dafür einigermaßen stimmen. Glücklichsein über das Leben, das uns geschenkt wurde, glücklich über die anderen, die uns umgeben, glücklich über uns selbst.“


Die Hinführung zum Text schrieb Stephanie von Hayek. 

Susanne Beyer: Die Glücklichen. Warum Frauen die Mitte des Lebens so großartig finden. Blessing, 224, S, 22 Euro