Schicksale Hunderttausender jüdischer Menschen, ihr Leben während der NS-Jahre sind bis heute nicht dokumentiert. Sie wurden verdrängt oder einfach nie erzählt. Nach den Schrecken von Krieg und Holocaust erschienen viele der Lebensläufe zu banal, um aus der Masse unaufgeklärter Fälle hervorzutreten. Dabei sind es gerade die kleinen Alltagsgeschichten, mit denen wir uns identifizieren können. Einer, der eine solche Geschichte wiederentdeckte und weitererzählt, ist Stefan Maria Rother.Eher zufällig gelangte der Berliner Fotograf in den Besitz von zwei Umzugskartons voller Papiere und Dokumente. Er entdeckte Unglaubliches: Das waren die Überreste des Nachlasses der jüdischen Fotografin Martha Maas. Ihr Neffe, David Ettlinger, den er vor Jahren zufällig im Schwimmbad kennengelernt hatte, übergab ihn die Sachen eher nebenbei mit den Worten "Du bist doch auch Fotograf." Als Rother später beim Durchblättern der Papiere feststellte, dass Marta Maas ihre Ausbildung zur Fotografin, genau wie er selbst, beim Berliner Lette Verein abgeschlossen hatte, war sein Forscherdrang geweckt. Nach und nach setzte er die Lebensgeschichte der Fotografin aus den hinterlassenen Briefen, Dokumenten und Fotos zusammen, um daraus ein Buch zu machen. Nun erfahren wir vom Leben der Martha Maas auch in einer Ausstellung.Martha wurde 1893, in Aachen als Tochter des jüdischen Ehepaars Salomon und Louisa Rosenfeld geboren. Das schmächtige Mädchen wuchs in gut bürgerlichen Verhältnissen auf. Nach dem Abschluss der Schule in ihrer Heimatstadt besuchte sie ein Mädcheninternat in Bonn. Als sie 18 alt war, starb ihr Vater. Kurze Zeit später brach der Erste Weltkrieg aus. Martha arbeitete als freiwillige Helferin für das Rote Kreuz. Ihre intensive Beschäftigung mit Fotografie begann; sie lernte im Fotostudio Suse Byk am Kurfürstendamm. Drei Jahre später machte sie ihre Prüfung in der Photographischen Lehranstalt des Lette Hauses. Zurück in ihrer Heimatstadt Aachen, eröffnete sie mit einer Kollegin ein eigenes Fotoatelier, das künstlerische Porträtieren wurde ihre Passion. Martha Rosenfeld betreibt die Fotografie voller Fleiß und Engagement. Bald zeigte sogar das Suermondt Museum ihre Bilder und die Presse lobte. Dann schrieb die Fotografin auch eigene Artikel. Darin ging es um theoretische Aspekten ihres Berufes. "Hat sich die moderne Portraitfotografie ihren Weg gebahnt, so wird sie gewiss dem Menschen eine Bereicherung bedeuten, die dann nicht mehr zum Luxus im allgemeinen Sinne gerechnet wird, sondern die mit zu dem Lebensnotwendigen zählt, auf das wir nicht verzichten können."Mit 36 Jahren bekam sie ihren Meisterbrief; sie heiratete Walter Maas und zog mit ihm nach Berlin. Hier in der Großstadt mit ihren Theatern, Cabarets und Filmstudios, war sie in ihrem Element. Sie fand gut zahlende Kunden und konnte ihr Talent beim Porträtieren von Schauspielern, Opernsängern und Künstlern voll ausschöpfen.Das wurde schlagartig anders, als die Nazis an die Macht kamen. Martha Mass' Mann bekam wegen der "Mischehe" mit einer Jüdin kaum noch Arbeit. So eröffneten beide in ihrer Wohnung in der Pariser Straße ein Fotostudio. Aber die Auftragslage war ernüchternd. Restriktionen und Druck der Nazis auf das öffentliche und berufliche Leben in Deutschlands hatten nachhaltige Wirkung. Die Schauspieler-Kundschaft zog sich zurück. Bald blieben nur noch Haustiere als Modelle. Notgedrungen, aber mit der gleichen bewundernswerten Professionalität und Genauigkeit, mit der Martha Maas zuvor Künstler ins Bild gesetzt hatte, nahm sie fortan Rassekatzen und Hunde auf. Dann kam das Berufsverbot. Ausgerechnet zu Weihnachten 1938 erhielt sie eine Postkarte von der Handwerkskammer, auf der sie "Laut Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" aufgefordert wurde, ihre Zulassung zurückzugeben. Die Existenz war zerstört.Nach dem Krieg gerieten Arbeit und Leben der jüdischen Fotografin in Vergessenheit. Erst der Zufall und das Engagement Stefan Maria Rothers, brachten sie 70 Jahre später wieder zurück an die Öffentlichkeit. Rother war vom Schicksal der Fotografin tief beeindruckt. Martha Maas schrieb einmal: "Der Beruf des Fotografen erfordert einen ganzen Menschen. Es ist ferner Bedingung, dass er ein gebildeter und psychologisch fein empfindender Mensch ist. Er muss die Fähigkeit haben, sich schnell in das Wesen und zwar in das Charakteristische des Wesens seines Modells einzufühlen."Tatsächlich sind Einfühlungsvermögen, Detailgenauigkeit und perfektes Handwerk Eigenschaften, die sie und den Fotografen, der nun ihre Hinterlassenschaft bekannt macht, verbinden. Ihre Porträts sind perfekt beleuchtet und wirken trotzdem nicht gestellt - beinahe natürlich. Noch auf ihren späten Privatfotos finden sich handschriftliche Randbemerkungen wie "Gegenlicht" oder "fast eine Trickaufnahme". In den 14 Schaukästen, die jetzt in der Bibliothek des Lette-Vereins ausgestellt sind, kann man den Lebensweg von Martha Maas chronologisch geordnet nachvollziehen. Es kostet ein wenig Mühe, sich durch die Tischreihen zu schlängeln, aber für Rother ist dieser Ort genau der richtige Platz, um die Papiere und Fotos, die beinahe verloren gegangen wären, der Öffentlichkeit vorzustellen. "Ich wollte, dass die Leute an die Dokumente rangehen, so wie ich auch. Ich habe Martha Maas darüber kennen gelernt. Dass diese Dokumente wirklich ein Leben erzählen, ist ein Glück."Durch den Ausbruch des Weltkrieges 1939 wurde die Ausreise des Ehepaares Maas nach Australien verhindert, beide durften Deutschland nicht mehr verlassen. Er musste zur Wehrmacht, wurde aber bald wieder entlassen, "wehrunwürdig wegen nichtarischer Versippung". Danach arbeitet er in einen Rüstungsbetrieb und auch seine Frau musste Zwangsarbeit leisten. Bei einer "Mischehenaktion" wurde sie von der SS verhaftet. Mehrere Tage verbrachte sie im Sammellager Rosenstraße, wurde zum Glück entlassen, derweil ihre alte Mutter nach Theresienstadt gebracht wurde und dort umkam. Nach dem Krieg rührte Martha Maas keine Kamera mehr an, die Spuren der NS-Zeit lähmten ihre Energie, sie zog mit ihrem Mann in die Schweiz und starb dort 1970.Ein großer Teil ihres Nachlasses ging verloren. Einige Stücke befinden sich heute im Holocaust Memorial Museum in Washington. Andere Dokumente, vor allem über Walter Maas, lagern im Archiv der Akademie der Künste Berlin. Der Rest passt in jene zwei Umzugskartons, die Stefan Rother vor dem Vergessen bewahrte. Noch bis Ende Februar sind viele der Stücke in Berlin zu sehen. Danach soll die Ausstellung in Essen gezeigt werden.Martha Maas. Eine jüdische Fotografin aus Deutschland 1893-1970.Bis zum 28. Februar, Lette-Verein - Bibliothek, Viktoria-Luise-Platz 6 (Schöneberg), Mo-Mi: 9-15, Do 9-17/ Fr 9 -13 Uhr.------------------------------Foto: Kinderporträt und Selbstporträt (unten) der fast vergessenen Fotografin Martha Maas. Daran glaubte sie: "Hat sich die moderne Portraitfotografie ihren Weg gebahnt, so wird sie gewiss dem Menschen eine Bereicherung bedeuten, die dann nicht mehr zum Luxus im allgemeinen Sinne gerechnet wird, sondern die mit zu dem Lebensnotwendigen zählt, auf das wir nicht verzichten können."