Am dreißigsten Juni geht die Intendantenzeit Thomas Langhoffs zu Ende. Je näher dieser Termin rückt, desto symbolischer wird jeder Schritt, jeder Griff, der im Theater getan wird, jedes Wort, das fällt; desto gefühlsbeladener gerät der Gang über den Vorplatz, mit seiner Kutschen-Auffahrt vor der gelb-blauen Fassade, die nach Modelleisenbahn aussieht, mit seinem Büstengeviert der augenhohen Bronzeköpfe von Otto Brahm, Max Reinhardt, Heinz Hilpert und Wolfgang Langhoff, auf deren Steinstelen sich einer Unsitte nach prima Weingläser abstellen lassen. Viele werden, je näher der Termin rückt, beim Betreten oder Verlassen der Häuser die schweren aber gängigen Klinken ein wenig länger in die Hand nehmen und auf einen grüßenden Gegendruck hoffen. Klinken sind die Hände von Häusern. 35 Mitarbeiter des Deutschen Theaters werden am nächsten Mittwoch auf der Vollversammlung offiziell verabschiedet. 20 von ihnen sind Schauspieler. "Da wird geheult."Ein neues Konzept verlangt neue Leute. Deswegen müssen andere gehen. Das hat nichts mit deren Qualität zu tun, das können sie sich beim kommenden Direktor Bernd Wilms in gesetzlich einforderbaren Anhörungen bestätigen lassen. Einige haben von diesem Recht Gebrauch gemacht, ob es ihnen den Abschied leichter macht, sei dahingestellt. Die Schauspielerin Franziska Hayner kam mit 28 Jahren. Nach knapp zwölf Jahren wird sie nun gehen. Diese Zeit reicht, dass einem der Arbeitsplatz ans Leben wächst. "Mit 28, da ist man ein Schwamm, der alles aufsaugt", sagt sie, "gebt mir Rollen, ich will lernen!" Sie erinnert sich, mit welcher Fürsorge sie aufgenommen wurde, an die langen Gespräche mit Käthe Reichel, an die Kritik der älteren Kollegen: "Mädel, was denkst du auf der Bühne?" Der Vergleich eines Ensembles mit einer Familie dürfte ziemlich überstrapaziert sein, für das stolze Schauspielerkollegium des Deutschen Theaters ist er angebracht. Man spielte am Ersten Haus der DDR, setzte eine Spitzentradition fort. Die Adoption erfolgte nicht automatisch, wer nicht passte, ging bald wieder. Wenn Franziska Hayner, so erzählt sie, durch das Foyer geht - an den Bildern von Alexander Moissi, Josef Kainz, Tilla Durieux und Wolfgang Heinz vorbei - spüre sie ganz deutlich den Geist des Hauses. "Ohne Quatsch!" Sie sagt das so selbstverständlich, dass sich der Autor auf die Suche nach diesem Hausgeist macht. Er ist ihm zweimal begegnet. Einmal, als dieser sich zu der Aura von Inge Keller gesellte, die sich würde- und gefühlvoll verbeugte, eigentlich nur nickte, aber das gesamte Parkett und beide Ränge in dieses Nicken einschloss. Das zweite Mal saß der Geist mit am Tisch, als Monika Bollenberg, die Kantinenchefin, ihre Gefühle ausschüttete. Sie hat, nach eigenen Angaben, 99 Prozent der Produktionen gesehen, sie liebt "ihre Leute". Ein Kritiker, der sich erdreistete, seinem Unwillen durch Pfeifen Ausdruck zu verleihen, bekam das zu spüren. "Den hab ich rausgeschmissen. Auch noch billig in der Kantine essen wollen." Was die mit der "kleinen Franziska" machen würden, sei einfach schlimm. Man müsse doch auch das "Menschliche bei der Sache" sehen. "Ich habe solche Achtung vor Schauspielern!" Kein anderer Beruf verlange so viel Zuverlässigkeit. "Was die leisten, allein in sportlicher Hinsicht ." Frau Bollenberg wird das Theater verlassen. Ob der Geist des Deutschen Theaters sich vom neuen Kantinenchef verköstigen lassen wird?Vielleicht will die neue Crew den Geist gar nicht im Hause behalten, es fänden sich bei etwaiger Anhörung vielleicht Gründe für seinen Rausschmiss. Bernd Wilms Leute wollen sich keine Schwierigkeiten mit Traditionen leisten, die besagten Bilder werden abgehängt: "Alle toten Schauspieler kommen raus." Voller Ungeduld und Euphorie sieht man "die Neuen" über den Vorplatz huschen, in der Baracke wird schon geprobt. Sie scheinen den Druck, der auf ihnen lastet, zu genießen. Der Schauspieler Robert Gallinowski kann sich mit ihnen freuen. Er kam 1999 ans Haus und wird bleiben. Ihm ist es gelungen, sich trotz der Kammer-Umbau-Wirren zu profilieren. Er ist in der beneidenswerten Situation, dass er sich eins von vier Häusern in Berlin aussuchen kann. Die Angebote von Ostermeier (Schaubühne), Peymann (Berliner Ensemble) und Hesse (Maxim Gorki Theater) schlug er aus. Es ginge nicht um Geld, "ich habe keine überhöhten Forderungen", sondern um den Einfluss auf seine Besetzung. Bei Wilms, so seine pragmatische Entscheidung, konnte er die besten Bedingungen aushandeln. Dass man überhaupt überlegt, wenn man vom Deutschen Theater ein Angebot bekommt, wäre in der DDR nicht denkbar gewesen. Wenn man auf den Olymp eingeladen wird, zögert man nicht. "So was", er nickt mit dem Kopf in Richtung Deutsches Theater, "gibt es dann nicht mehr." Für den Chefinspizienten Tommy Sommer, der seit 1974 am DT arbeitet, war das Theater in der DDR "die Spitze der Pyramide". Eigentlich will er gar nichts zu dem Wechsel sagen: "Eins können Sie aber ruhig schreiben: Das Deutsche Theater war immer ein Schauspielertheater, und kein Künstlertheater." Sind Schauspieler keine Künstler? "Nein." Darf ich das aufschreiben? "Ja." Diese eigenartig rigorose Kategorisierung hängt mit der Achtung des Hauses vor dem Handwerk zusammen. Erst kommt die Leistung, dann die Allüre. Da findet ein Lichteinsatz seine Wertschätzung wie die deutliche Aussprache von Inge Keller, die Frau Bollenberg fast Tränen in die Augen treibt. "Da versteht man jedes Wort bis in den zweiten Rang. Heute hört es doch schon ab der fünften Reihe auf. Aber vielleicht bin ich ja schwerhörig geworden." Die fein gesponnene Hierarchie dieses Institutes gilt als altmodisch. Sie führt aber dazu, dass sich auch die Gewerke mit dem Haus identifizieren. Andreas Müller, stellvertretender Chefmaskenbildner, kam vor vier Jahren. Er wollte ausdrücklich an ein Haus, in dem man für ein Theater arbeitet und nicht lediglich für vorüberziehende Regieteams. "Ich möchte nicht nur ein Erfüllungsgehilfe sein, sondern kreativ einwirken." Auf dem Besetzungszettel für die nächste Produktion ist sein Name hinter den des Dramaturgieassistenten gerutscht. Was Identifizierung mit einem Haus bedeutet, kann man erleben, wenn man von Angela Gützkow, der Leiterin der Serviceabteilung, betreut wird. Sie stellt Kontakte zwischen den Presseleuten und den Mitarbeitern her, die sich Hals über Kopf an einen Tisch zusammengesetzt wiederfinden, dass ihnen gar nichts Anderes übrig bleibt, als miteinander zu reden. Wenn man sich als Kritiker terminlich nicht festzulegen im Stande fühlt, nimmt sie einem die Entscheidung kurzerhand ab: "Sie kommen." Und wehe dem, der eine Pressekarte verfallen lässt. Sie ist pünktlich 65 geworden. Dass ein so verknotetes Kollegium ziemlich unbeweglich sei, findet man am Haus auch. Thomas Langhoff hätte es versäumt, das Ensemble zu verjüngen. Aber wie soll ein Vater jemanden aus der Familie entlassen? Die Qualität wurde zum Problem. Jetzt heißt es hoffen, dass mit dem Problem nicht die Qualität verschwindet.Das alte Ensemble (ohne Gäste) // Es gehen: Claudia Geisler, Franziska Hayner, Cornelia Heyse, Nina Hoss, Claudia Hübbecker, Ulrike Krumbiegel, Dagmar Manzel, Cornelia Schirmer, Eva Weißenborn, Reimar Joh. Baur, Guntram Brattia, Wilhelm Eilers, Uwe Fischer, Stephan Grossmann, Horst Hiemer, Dietrich Körner, Udo Kroschwald, Tim Lang, Horst Manz, Erhard Marggraf, Otto Mellies, Roman S.Pauls, Tom Quaas, Lutz Schneider, Götz Schubert, Friedo Solter, Hans-Jochen Wagner, Horst Weinheimer Es bleiben: Margit Bendokat, Gabriele Heinz, Katrin Klein, Heidrun Perdelwitz, Gudrun Ritter, Barbara Schnitzler, Christine Schorn, Ursula Staack, Jutta Wachowiak, Simone von Zglinicki, Günter Falkenau, Robert Gallinowski, Michael Gerber, Christian Grashof, Jürgen Huth, Volkmar Kleinert, Jörg Gudzuhn, Horst Lebinsky, Dieter Mann, Michael Schweighöfer, Bernd Stempel BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Das Foye r: "Alle toten Schauspieler kommen raus. "