Leute mit Spülwasser an Ampelkreuzungen sind eine Plage für Autofahrer. Dagegen hilft auch kein Anruf bei der Polizei: Wischen bei Rot

Das Ärgernis ist weiblich, jung, hat lange, schwarz glänzende Haare und trägt einen weit schwingenden Rock, der bis auf die Füße reicht. Die Autofahrer, denen die Frau am Mehringdamm/Ecke Blücherstraße vor den Wagen springt, verdrehen die Augen. Aber nicht vor Entzückung: Die Frau will die Windschutzscheibe putzen.Doch das ist eigentlich gar nicht erlaubt. Nach der Straßenverkehrsordnung dürfen auf Straßen weder Waren noch Dienstleistungen angeboten werden - jedenfalls nicht ohne Reisegewerbekarte, aber die gibt's nicht fürs Scheibenputzen. Und trotzdem sind die Autoscheibenputzer da. Jedes Jahr wieder. Sie agieren in einer rechtlichen Grauzone. Und die zuständigen Behörden tolerieren das. "Autofenster zu putzen, ist keine Dienstleistung. Die Leute müssen nicht entlohnt werden. Sie betteln. Und Bettelei ist nicht verboten", sagt Polizei-Sprecher Thomas Neuendorf.Die junge Frau von der Mehringdamm-Kreuzung ist an diesem Vormittag nicht allein. Sechs Frauen und vier Männer warten hier auf Autofahrer. Es sind Roma aus Rumänien. Ganze Clans lauern zurzeit an Kreuzberger und anderen Kreuzungen, um Autofahrer um ihr Kleingeld zu erleichtern. Seit eine Gruppe Roma im Görlitzer Park campierte, danach das Bethanien-Haus und eine Kirche besetzten, sind Autoscheibenputzer sogar zum Politikum geworden. Die rund 100 Roma, die mittlerweile in einem Flüchtlingsheim in Spandau untergebracht wurden, sollen ihren Lebensunterhalt auf diese Weise verdienen - heißt es jedenfalls. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) spricht vom Missbrauch des Freizügigkeitsrechts in der EU und will die Roma am liebsten nach Rumänien zurückschicken.Die Frauen am Mehringdamm schwärmen über die Kreuzung aus, sobald es rot wird für die Autofahrer. Die Männer bleiben vorerst auf der Bank am Straßenrand sitzen. Ein Mann im Kleinwagen wird umstellt. Er schüttelt den Kopf, aber sein Wille zählt hier nicht. Seine Scheibe wird geputzt - gegen Geld natürlich. Der Mann im Kleinwagen will den Frauen nichts geben. Schließlich hat er nicht gewollt, dass seine Autoscheibe gesäubert wird. Die Frauen stehen jetzt rund um das kleine Auto mit dem einsamen Mann darin. Eigentlich dürfen sie auch das nicht. Fußgänger dürfen die Straße betreten, sie müssen sie aber zügig überqueren.Eine der Frauen lehnt mit ihrem Arm auf dem Außenspiegel. Wegfahren kann der Fahrer jetzt nicht, jedenfalls nicht, ohne sie zu verletzen. Ist das schon Nötigung? Noch zeigt die Ampel Rot. Erst wenn Autofahrer bedrängt würden, sagt Neuendorf, sei gegebenenfalls der Straftatbestand der Nötigung erfüllt. "Das muss aber im Einzelfall nachgewiesen werden", so der Polizeisprecher. Der Mann im kleinen Auto bleibt hart. Zahlt nicht. Schließlich geben die Frauen auf und räumen die Kreuzung, weil die Ampel auf Grün springt.Wie viele der ungebetene Putzkolonnen in Berlin aktiv sind, weiß keiner. Früher sind es meist Punks gewesen, heute wischen Roma die Scheiben. Manchmal kam es zu Zwischenfällen, weil Putzer, die kein Geld bekamen, Fahrer anspuckten, Scheibenwischer verbogen oder Autos zerkratzten. "Aber das ist selten", sagt Polizei-Sprecher Neuendorf. Gleichwohl sei wichtig, dass alle Maßnahmen angemessen sind. Nur bei Problemen werde massiv eingeschritten. Bußgeld und Gewahrsamnahme sind deshalb eher theoretische Möglichkeiten.An der Mehringdamm-Kreuzung ist jetzt Hupen zu hören. Sobald die Frauen wieder auf die Kreuzung strömen, betätigen Autofahrer ihre Scheibenwischer. Aber nicht alle. Zwei Frauen in einem gelben Corsa winken erst ab. Der junge Mann im roten T-Shirt wischt trotzdem. Als er Geld will, diskutieren sie erst, geben ihm dann aber doch was. Seine Kollegin auf der Nebenspur tanzt für eine junge Frau im Kleinwagen und malt ihr ein Herz aus Seifenschaum auf die Scheibe. Das wirkt. Auch tanzen auf der Straße entspricht nicht der Straßenverkehrsordnung."Ich habe kein Essen, kein Haus", antwortet die Scheibenputzerin, wenn man sie fragt, warum sie Autofahrern auflauert. "Wir schlafen im Park." Sie spricht nur schlecht Deutsch. Mit einer Handbewegung macht sie klar, dass dies ihre Kreuzung ist. Außerdem kostet das Gespräch einen Euro und ist beendet, als die Autofahrer wieder an der roten Ampel halten.Zurzeit scheinen friedlichere Scheibenputzer am Werk zu sein als im vergangenen Jahr. Das beobachtet jedenfalls Peter Beckers, SPD-Wirtschaftsstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg. Und deshalb will er die Putzer dulden, solange sie nicht aggressiv sind, niemanden gefährden und bedrohen. "Am Kottbusser Tor behinderten sie im vergangenen Jahr den Verkehr. Dagegen sind wir vorgegangen", sagt er. Platzverweise und Ermittlungen wegen unerlaubter Gewerbeausübung seien durchaus wirksam. "Es ist die Frage, ob man das will", sagt Beckers. Im Moment will er nicht.Um 11.40 Uhr fährt am Mehringdamm eine Funkstreife vor. Denn ganz so locker wie der Stadtrat sehen die Polizeibeamten vor Ort die Sache nicht. Diesmal hat ein genervter Autofahrer die Polizei gerufen. Die Frauen rennen weg, verstecken Wischer und Flaschen in einer Hecke. Die Beamten fahren auf den Bürgersteig, steigen aus, schütten das Wasser aus und kassieren die Utensilien. "Wir dulden das nicht", sagt der Beamte vom Kreuzberger Abschnitt. Manche würden es ja als Bettelei entschuldigen, "wir nicht, wir halten es für gefährlich". Wie zur Bestätigung läuft eine der Frauen fast vor ein Auto. Ihre Personalien werden überprüft, dann wird sie ermahnt und weggeschickt. Im Abschnitt 53 in Kreuzberg gab es seit Jahresanfang 28 solcher Platzverweise. Die meisten Scheibenputzer verschwinden allerdings, sobald die Polizei auftaucht, sind aber nach zehn Minuten wieder da.Diesmal zieht die Gruppe davon, die junge Frau holt einen Wischer aus der Hosentasche. Auf zur nächsten Kreuzung. Bleibt nur der Appell des ADAC: kein Geld geben.------------------------------"Wir dulden die Autowischer, solange sie nicht aggressiv sind und gefährlich." Peter Beckers, Wirtschaftsstadtrat------------------------------Foto: Am Mehringdamm kommt keiner mit dreckigen Scheiben davon. Es wird geputzt, ob der Autofahrer will oder nicht.