Nach 16 Jahren ist Udo Zimmermanns "Levins Mühle" wieder aufgeführt worden, an der Oper Leipzig. Zimmermann zeigt in seiner Abschieds-Spielzeit, vor dem Umzug nach Berlin, noch einige schöne Werke; mit allen Einschränkungen, die die wirtschaftlich angeschlagene Oper Leipzig schönen Spielplan-Ideen auferlegt. Doch Zimmermann will vielleicht nicht eigentlich bilanzieren. Mit "Levins Mühle" stellt er sich als Künstler vor, nicht als Leiter seines Hauses.Es sei einmal interessant, sagte Zimmermann, diese Musik aus den 70er-Jahren (Harry Kupfer brachte die Oper 1973 in Dresden heraus) in unserer Gegenwart wahrzunehmen. Das ist ein ästhetisches Argument. Und dann haben die Verantwortlichen der Leipziger Produktion bemerkt, dass "Levins Mühle" eine politische oder soziologische Aktualität besitzt. In der Oper, nach dem gleichnamigen Roman Johannes Bobrowskis von 1956, wird das Zusammenleben von Volksgruppen dargestellt. In einem Dorf an einem der Nebenflüsse der Weichsel treffen Menschen aufeinander, die sich als Polen, Juden, Zigeuner und Deutsche definieren. Unglücklicherweise sind es hier die preußischen Nationalisten, die mit der Attitüde des Herrenmenschen den anderen, ja, ja, ja: den Fremden das Leben schwer machen, und wohin das führt, macht jetzt auch die Inszenierung Alfred Kirchners klar, lange Reihen dunkler Mäntel hängen an Kleiderhaken auf beiden Seiten der Bühne, ein Topos aus der Holocaust-Ikonografie. Wie auch immer Zimmermann seine Spielplan-Entscheidung begründet, das Werk selbst sorgt dafür, dass die Motive verschränkt bleiben. Zwei Wege kreuzen sich, so fängt "Levins Mühle" an. Korrinth und Nieswandt, zwei polnische Mühlenarbeiter, ziehen einen Karren, auf dem die Trümmer von Leo Levins Mühle liegen, die der Konkurrenzneid des deutschen Großmüllers Johann soeben vernichtet hat. Aus einer anderen Richtung kommen Habedank, ein Zigeuner, und Weiszmantel, der Liedersänger. Weiszmantel singt sein Lied, wo immer Unrecht geschieht auf dieser Welt. Die vier treffen sich an der Kreuzung, die Künstler fragen, die Arbeiter erzählen, und schon ist das Publikum mitten dabei, wie Musik aus dem Leben entsteht.Und da könnte man jetzt viel erzählen. Es ist viel los, auf der Bühne, es gibt viele Typen, den Mühlenbesitzer Johann, dessen unangenehme Ansichten der Sänger Florian Cerny in den unangenehmsten Momenten herausbellt, es gibt Marie, die Braut des Müllers Levin, deren Spitzentöne Ofelia Sala mit einem Vibrato beseelt, das leuchtet wie der Himmel, weiter gibt es Tante Huse, die moralisch so sehr recht hat, dass sie das schöne Singen anderen überlässt, außerdem die lebenskräftigen Zigeunertypen. Und neben den Typen gibt es das Volk, das eigentlich auch typisch agiert, mit Sprechchören, Männerchören oder frommem Choral. Oft geht alles drunter und drübereinander, ungefähr wie Geschichte entsteht und mit jenem musikalischen Drive, der in diesem bildhaften Genre einmal die Fortschrittsgeschichte darzustellen hatte.Das hört sich jetzt vielleicht so an, als sähen diese 70er-Jahre ein bisschen alt aus. Interessant ist es aber doch, diese Art von Volkstheater, in der das Leben Gesang ist, und der Gesang - im Protestchor etwa, im Liebeslied, im Kontrast homophoner und polyphoner Gesellschaftlichkeit - eine Form des Lebens. Wer eine historische Kenntnis von Zimmermanns 70er-Jahren in der DDR hat, wird bestimmt viele Subtilitäten entdecken. Aber auch ohne diese lässt sich bemerken, wie die Satztechnik Zimmermanns ideologischen und nationalistischen Dogmen widerspricht. Die stilistische Basis dieser Oper ist der epische Stil etwa Kurt Weills, das meiste, das in diesen gut zwei Stunden gesprochen und gesungen wird, ist in ein beherzt vorwärts schreitendes Gerüst von Marsch-, Dumky- und ähnlichen auch harmonisch und intervallisch stereotypen Rhythmusmustern gehängt.Aber dann gibt es die Aleatorik, es gibt ostentativ herausgestellte Reihen-Folgen, es gibt engintervallische Clusterflächen wie bei Ligeti, die E-Gitarre wie in Schnittkes ersten polystilistischen Concerti, das Akkordeon und auch die Collagen Berios, die Gebrauchs- und Kunstmusik übereinanderschichten, es gibt die Geist-Erscheinungen aus Verdis "Macbeth", die Prügelfuge aus den "Meistersingern" und, und, und das Gute wird benannt, die Bösen werden namhaft gemacht, also, man muss es kaum noch sagen - eine h erzvolle und gar nicht mickrige Ansicht von dramatischer Musik ist hier entfaltet, der in Leipzig wirklich hervorragende Musiker in großer Zahl Wirkung verschaffen.Levins Mühle // Musikalische Leitung: Michail Jurowski. Inszenierung: Alfred Kirchner. Bühne und Kostüme: Maria-Elena Amos Darsteller: Tom Erik Lie (Leo Levin), Roland Schubert (Habedank), Ofelia Sala (Marie), Walter Raffeiner (Weiszmantel), Jürgen Kurth (Willuhn), Joszef Frakstein (Korrinth) und Victor Sawaley (Nieswandt, zwei polnische Mühlenarbeiter), Marita Knobel (Tante Huse), Florian Cerny (Johann), Edith Chmiel, Helmut Klotz, Martin Petzold, Rudolf Riemer, Konrad Rupf und viele andere. Chor und Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester.DPA/WOLFGANG KLUGE Tom Erik Lie und Ofelia Sala als Leo Levin und Marie in "Levins Mühle"