Auf der Suche nach einem Berliner Original muss man schon in eine abgelegene Ecke Kreuzbergs fahren. In nächster Nähe zur Yorckstraße - zwischen türkischen Vereinen, Altbauten und Aral-Tankstelle - liegt das Leydicke.Wir schwingen die Holztür auf, Rauchwolken entweichen an die frische Luft. Raimon Marquardt, ein Mann mit Holzfällerhemd und buschigen Koteletten, steht hinter dem Tresen. Es ist 23 Uhr, es ist voll, Marquardt zapft Bier und köpft selbst destillierte Weine, dazu produziert er zackige Sprüche. "Du kriegst noch ein Bier", sagt er zu einem wartenden Studenten. "Und der Sven kriegt noch einen Erdbeerwein, weil der immer noch nix sagt." Meine Begleitung nickt und lächelt irritiert. Doch das klebrige Gesöff lockert tatsächlich die Zunge. Schon bald sitzen wir mittendrin. Zwischen Touristen, einer spanischen Großfamilie, an einem kleinen runden Tisch.Am Nachbartisch: Ein paar ältere Damen aus Oldenburg, sie sind auf Urlaub in Berlin. Einige Weine haben sie schon intus, sie lächeln zufrieden. Sie bestaunen Likörflaschen aus den 1920ern und die alten Wandschränke aus dunklem Holz. "Wie ein Antiquariat, richtig urig", sagt eine der Damen. Marquardt tippt stolz auf die vergilbten Wände. "Hundert Jahre nicht renoviert", sagt er. Der Oldenburger Frauenclub nickt begeistert. So haben sie sich eine echte Kreuzberger Kneipe vorgestellt. Ein bisschen verramscht, günstig, mit süffigen Weinen und einem flotten Wirt. "Wir kommen wieder", sagen sie. Sven und ich auch. Bald.Wer war da? Kreuzberger und Touristen.Was lief? Nichts.Wie teuer war's? Flasche Erdbeerwein: 10 Euro.Leydicke: Mansteinstr. 4, Kreuzberg, tgl. 18-1 Uhr, Sa ab 16 Uhr