Liberales Familiengesetz in Mali nach Protesten blockiert: Frau bleibt Frau

NAIROBI/BAMAKO. Die Demonstranten sind verärgert, manche sind so wütend, dass sie sich fast die Seele aus dem Hals schreien. "Frau bleibt Frau, Mann bleibt Mann!", lautet einer ihrer Sprechchöre, und "Gegen ein Gesetz, das die Nation spaltet", steht auf einem Plakat. Es sind Zehntausende, die seit Wochen überall im Sahelstaat gegen das neue "Personen- und Familiengesetz" protestiert haben. Mit Erfolg: Malis Präsident Amadou Touré erklärte gestern in einer Fernsehansprache, er werde das Gesetz nicht unterschreiben. "Ich sende das Gesetz nach zahlreichen Gesprächen zu einer zweiten Lesung zurück, damit das Parlament um mehr Unterstützung im Land werben kann."Das ist überraschend, wenn man bedenkt, dass Anfang des Monats 117 Abgeordnete für das Gesetz gestimmt haben - nur fünf waren dagegen. Noch erstaunlicher erscheint der Protest, wenn man sich das Gesetz zu Gemüte führt. "Ehemann und Ehefrau", so heißt es da, "sind dazu verpflichtet, einander loyal zu sein und sich gegenseitig zubeschützen." Bislang schreibt die Gesetzgebung in dem verarmten Sahelstaat fest, dass eine Frau ihrem Ehemann bedingungslos zu gehorchen hat. Weitere Änderungen: Frauen sollen, ebenso wie uneheliche Kinder, in Zukunft erben dürfen. Das Mindestalter für Ehen wird auf 18 festgesetzt, und Imame dürfen nicht mehr allein die Ehe schließen - dazu bedarf es der Zustimmung durch eine Art Standesamt.Derlei Freiheiten gehen Vielen zu weit. Mahmoud Dicko etwa, der Präsident des hohen islamischen Rates in Mali und Organisator der Proteste, lobte Präsident Touré für seine "richtige Entscheidung". Zuvor hatten Dicko und die Imame im Land dem Präsidenten und allen Unterstützern des Gesetzes gedroht, ihnen alle muslimischen Zeremonien zu verweigern.Es sind bei weitem aber nicht nur Männer, die auf den Fortbestand des "unbedingten Gehorsams" in der Ehe dringen. Auch tausende Frauen haben sich in den vergangenen Tagen lautstark gegen die Aufwertung ihrer Rechte gewehrt. "Es gibt nur eine Minderheit der Intellektuellen, die dieses Gesetz unterstützt", sagt etwa Hadja Sapiato Dembele, die Chefin des Dachverbandes der muslimischen Frauengruppen in Mali. "Die armen Frauen im Land sind dagegen." Dembele begründet das mit ihrer Religiosität: "Wir müssen uns an den Koran halten: Der Ehemann beschützt seine Frau, dafür gehorcht die Frau ihrem Ehemann."Frauenrechtlerinnen in Bamako, die seit Jahren für eine Lockerung der drakonischen Gesetze kämpfen, sind entsetzt. Dabei zeigt der Streit vor allem, wie zerrissen eines der ärmsten Länder der Welt zwischen Tradition und Moderne ist. Während Frauen in Bamako kleine Geschäftsimperien verwalten und sich ganz selbstverständlich politisch engagieren, scheinen sich weite Teile des Hinterlands seit Jahrhunderten nicht verändert zu haben. Auf dem Land nahe der Baumwollplantagen, wo die meisten Menschen leben, und in den vernachlässigten Wüstenregionen des Nordens haben extremistische Gruppen seit Jahren steigenden Zulauf. Der Koran gilt gerade den Ärmsten hier als letzter verlässlicher Anker.------------------------------Karte: MALI