TEL AVIV, 21. Dezember. Wenn es um sein Atomprogramm geht, hält sich Israel völlig bedeckt. Verschwiegenheit ist ein integraler Bestandteil der atomaren Abschreckung des Landes. "Sein Land werde nicht als erstes Nuklearwaffen im Nahen Osten einführen", bekräftigt Yuval Steinitz, der die parlamentarische Kommission für Sicherheit und Außenpolitik präsidiert. Das sei seit Jahrzehnten die offizielle Haltung Israels, und dem habe er nichts hinzuzufügen. Mit der Verschwiegenheit verfolgt Israel zwei Ziele. Die Offenlegung des atomaren Potenzials hätte Sanktionen zur Folge. Anderseits soll die Diskretion die Nachbarn abschrecken.Deshalb hat Israel den Besitz von Atomwaffen niemals bestätigt, aber auch nie dementiert. Da es zudem den Vertrag zur Nichtverbreitung von Atomwaffen aus dem Jahr 1970 nicht unterschrieben hat, blieben seine atomaren Zentren den internationalen Kontrolleuren bisher verschlossen. Spätestens seit 1986 existieren aber Beweise dafür, dass Israel in der Wüstenstadt Dimona ein nukleares Waffenarsenal lagert. Damals verriet Mordechai Vanunu, ein ehemaliger Techniker des Atomforschungszentrums Dimona, das Geheimnis des Reaktors. Das Potenzial hoch entwickelter thermonuklearer Waffen erwies sich als noch größer, als Experten zuvor angenommen hatten. 200 NuklearwaffenIsrael besitzt bis zu 500 Kilogramm waffenfähiges Plutonium. Diese Menge reiche für mindestens 200 Nuklearwaffen aus, schätzte das US-Energie-Ministerium 1999. Seither ist einiges hinzugekommen. Jedes Jahr könne Israel im Schwerwasser-Reaktor 40 Kilogramm Plutonium oder 10 bis 12 neue Atombomben herstellen, rechnete Shai Feldman vom Jaffee Zentrum für strategische Studien in Tel Aviv unter Berufung auf ausländische Quellen kürzlich vor. Ein leistungsfähiges Trägersystem macht aus Israel eine der potentesten Nuklear-Mächte. Die rund 50 Jericho-2-Raketen können 1 000 Kilogramm schwere Kriegsköpfe mindestens 1 500 Kilometer weit transportieren. Auch F-16- und F-15-Kampfjäger, die von den USA an Israel geliefert wurden, sind Kandidaten, um nukleare Geschosse aufzunehmen. Gemäß einem Bericht des Newsletters Nuclear Notebook sind israelische Kampfpiloten für Nuklearschläge ausgebildet worden. Zudem soll nun auch die Marine zur Atomwaffenträgerin aufgerüstet werden. 1999 und 2000 lieferte Deutschland drei U-Boote der Delphin-Klasse, die eine Reichweite von mehreren Tausend Kilometern haben und bis zu einem Monat auf See bleiben können. Die U-Boote sollen in der Lage sein, nukleare Marschflugkörper auszuschicken, wie der Chef der israelischen Marine, Generalmajor Yedida Ya ary, vor einem Jahr in einem Vortrag unterstrich. "Israel muss eine Unterwasser-Zweitschlag-Kapazität erhalten", so Ya ary, "um auf künftige Terroristenangriffe antworten zu können". Atomar bestückte Unterwasser-Boote werden in Tel Aviv als Waffe gegen weit entfernte Feinde wie der Iran gepriesen. Israel ist deshalb an weiteren U-Booten aus Deutschland interessiert.Israel will seine Stellung als atomarer Monopolist mit Gewalt bewahren. Verteidigungsminister Schaul Mofaz bezeichnet das iranische Atomwaffenprogramm als unerträglich. Sein Land werde allenfalls die notwendigen Schritte unternehmen, um die Gefahr auszuschalten. Das muss keine leere Drohung bleiben: 1981 hatte die israelische Luftwaffe auf Befehl des damaligen Premierministers Menachem Begin irakische Atomanlagen bombardiert und damit dem Atombeschaffungsprogramm Saddam Husseins ein Ende gesetzt.