Liebevoll, leicht, heiter: Woody Allens "Midnight in Paris" zur Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes: Besser geht's nicht

Beim ersten Mal hätte man die Präsidentengattin fast verpasst. Ihrem Status entsprechend diskret, ja fast unauffällig gerät Carla Bruni-Sarkozy in Woody Allens neuem Film "Midnight in Paris" ins Bild. Mit freundlicher Bestimmtheit stellt sie als Mitarbeiterin des Musée Rodin die Behauptungen eines schlaumeiern- den Amerikaners richtig, der während seines Paris-Aufenthalts all die Stätten von Kunst und Bildung aufsucht, an denen die Stadt der Lichter so reich ist. "Midnight in Paris" ist eine Hommage an den Mythos Paris und an dessen Geschichte. Die Orte, die diesen Mythos symbolisieren, fasst Allen gleich in den ersten Sequenzen seines Films zusammen wie ein Best of der Metropole: Postkartenansichten von Notre Dame und Eiffelturm, von den Cafés, großen Boulevards und verträumten Gassen. Man kennt das, wenigstens aus dem Fernsehen, und doch sieht man es irgendwie neu, weil Allen die Schönheit dieser Stadt noch einmal entrückt und erhöht. Paris bei Sonne und, natürlich, Paris im Regen - nie sei Paris schöner. Das findet nicht nur Gil Pender.Gil ist der Held von "Midnight in Paris": ein verhuschter, neurotischer Autor, in dem man das Alter Ego des Regisseurs zu erkennen meint. Und doch verhält es sich mit Gil wie mit Paris - wir müssen ihn ebenso neu sehen lernen, wie er sich selbst. Anfangs zeigt der Film ihn noch in einer Art Verpuppungsstadium: verlobt mit einer nervtötend dominanten Tochter aus reichem Hause und seiner selbst unsicher. Da der Schwiegervater in spe geschäftlich in Paris zu tun hat, will man die Reise zu viert nutzen, um sich näher zu kommen. Ein vergebliches Unterfangen, wie in einem der schönsten Dialoge der Komödiengeschichte deutlich wird: Gil ist für die Schwiegereltern so etwas wie ein hirnkranker Kommunist, während er selbst die Alten praktisch für Tea Party und Irak-Krieg verantwortlich macht. Damit ist der innerfamiliäre Ton gesetzt (beißend); Gil (Owen Wilson) muss schon der Interessen halber einen anderen nehmen als seine Verlobte Inez (Rachel McAdams). Sie geht gern shoppen und findet die Gegenwart völlig okay; er arbeitet an einem Roman, ist literarisch gebildet und hätte gern im Paris der 1920er-Jahre gelebt.Dieser Traum wird plötzlich um Mitternacht wahr, als Gil beim einsamen Spaziergang auf den Stufen einer Kirche ausruht. Plötzlich hält ein an die 90 Jahre alter Peugeot vor ihm, die Insassen nötigen ihn zum Einsteigen, natürlich trinken sie Champagner während der Fahrt - das passiert in Paris ja dauernd! Dass man sich so etwas nun nicht mit müder Ironie, sondern mit einem glücklichen Lächeln sagt, ist einzig Woody Allen zu danken. Der hat die Trennwand zwischen Realität und Imagination ja schon öfter niedergerissen (etwa in "Purple Rose of Cairo"), aber was der 78-Jährige hier veranstaltet, sprengt alles Dagewesene. Der alte Peugeot fährt nämlich geradewegs durch das Paris der 1920er, und in der Folge begegnet Gil all den Größen dieser Epoche am Ort - doch der Witz ist, dass diese Künstleridole sich genau so verhalten, wie es die Legenden des Kunstbetriebs überliefert haben und wie Gil es sich immer vorgestellt hat. Das ist zum Teil schreiend komisch, etwa wenn Ernest Hemingway, ganz Macker, die "saubere, ehrliche Prosa" preist und ein Glas nach dem anderen kippt. Oder wenn Adrien Brody als Salvador Dalí immer wieder genialisch mit den Augen rollt und "Rhinozeros!" deklamiert. In der Bar, die Gil betritt, sitzt selbstredend Cole Porter am Klavier, während sich Zelda und Scott Fitzgerald langweilen. Hemingway wiederum hängt im Haus von Gertrude Stein (perfekt besetzt: Kathy Bates) ab, wo auch Picasso herumlungert, um sein neues Bild von ihr kritisieren zu lassen. Später trifft Gil in der Kneipe noch Man Ray, Modigliani, Luis Buñuel und wie sie alle hießen - es ist einer der wunderbaren Einfälle dieses Films, den pragmatischen Realismus unserer Gegenwart mit all seinen Erfindungen und Wortschöpfungen auf die jungen Surrealisten von damals prallen zu lassen. Was "daten" ist, wissen sie nicht, und Adriana (Marion Cotillard) ist zwar die Geliebte vieler dieser Künstler, denen Gil begegnet, aber eben kein "art groupie", sondern eine Muse. Adriana wiederum, dieses Kind der 1920er, hätte lieber in der Belle Epoche gelebt, und der kleine Ausflug, den sie mit Gil dorthin unternimmt, dreht die Zeitspirale noch weiter rückwärts, zu Idolen und legendenhaften Überschreibungen, die heute fortwirken. "Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen", hat Faulkner geschrieben; Allen zitiert ihn gewiss nicht zufällig."Midnight in Paris" befragt aber nicht nur unser Verhältnis zur vergehenden Zeit, sondern auch viele Seiten des französisch-amerikanischen Verhältnisses: den ungebrochenen heimlichen Neid der neuen Welt auf die Kultur des alten Europa und deren romantische Verklärung, eingeschlossen den Kult um die sogenannten "Expatriates", die Pariser Exil-Amerikaner der 1920er. Natürlich vergisst der Film deren kollektive Heimat, die Pariser Buchhandlung "Shakespeare & Companiy", nicht.Wie liebevoll und mit welcher Leichtigkeit und Heiterkeit Allen das zusammenbringt, ist nur bewundernswert. Wie auch sein Umgang mit den Schauspielern: Owen Wilson musste offenbar erst auf Woody Allen treffen, um in seiner Vielschichtigkeit als Darsteller voll zur Geltung zu kommen. Kein Regisseur hat so viel aus diesem Mann herausgeholt. Was für ein zauberhafter Film! Einem Festival kann nichts Besseres passieren zur Eröffnung, entsprechend wurde "Midnight in Paris" gestern auch gefeiert. Carla Bruni-Sarkozy hatte ihr Kommen abgesagt. Aber im Film trifft man sie noch zwei Mal.------------------------------Der alte Peugeot fährt geradewegs durch das Paris der 1920er und in der Bar sitzt selbstredend Cole Porter am Klavier.Foto: Owen Wilson und in einer Nebenrolle Carla Bruni-Sarkozy in Woody Allens Cannes-Eröffnungsfilm"Midnight in Paris".