Linet Masai aus Kenia beendet die Dominanz der Äthiopierinnen über die 10 000 Meter - und findet das selbstverständlich: Die unsichtbare Erste

BERLIN. Fast schien es, als sei es Linet Chepkwemoi Masai ein bisschen peinlich, dass sie einfach so Weltmeisterin über 10 000 Meter geworden war. Scheu lächelte die 19-Jährige in die Runde, beantwortete Fragen mit leiser Stimme, so knapp es nur ging, und erweckte insgesamt den Eindruck, als würde sie sich am liebsten ins nächstgelegene Mauseloch verkriechen. Die sind in einem Interviewzelt allerdings rar, außerdem täuschte der Eindruck. So schüchtern die Kenianerin auch wirkte, ihre Worte waren es ganz und gar nicht. "Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich gewinne", sagte Masai, und auf die Frage, ob es etwas geändert hätte, wenn die verletzt fehlende Titelverteidigerin Tirunesh Dibaba aus Äthiopien gestartet wäre, sagte sie fast erstaunt: "Kein bisschen! Ich bin dieses Jahr in New York gegen sie gelaufen und habe gewonnen."Selbstbewusste Worte, dafür, dass Linet Masai gerade eine zehnjährige Dominanz der Äthiopierinnen über diese Strecke beendet hatte und dass ihr Sieg auf höchst dramatische Weise in einem für Langstreckenverhältnisse mikroskopisch engen Finish zustande kam.Seit 1999 in Sevilla Gete Wami über 10 000 Meter triumphierte, waren die beiden Langstrecken einen Domäne der Äthiopierinnen gewesen. Sie gewannen acht von zehn Goldmedaillen über 5 000 und 10 000 Meter bei Weltmeisterschaften, als Zugabe sprangen drei Olympiasiege heraus. Mehrfach ließen sie keine andere Nation aufs Podium, und auch diesmal sah es ganz danach aus, trotz des Fehlens von Dibaba. In deren Abwesenheit schien es ausgemacht zu sein, dass ihre große Rivalin im eigenen Lager, Meseret Defar, gewinnen würde.Gerüchteweise hieß es sogar, die Äthiopierinnen wollten mit perfekter Teamarbeit ein Höllentempo vorlegen, um Meseret Defar auch noch den Weltrekord zu ermöglichen. "Das war nie der Plan", dementierte hinterher die Silbermedaillengewinnerin Meselech Melkamu, und die vertrödelten ersten 7 000 Meter hatten das auch deutlich gezeigt. Die drittplatzierte Wude Alajew sinnierte später reumütig: "Wären wir ein höheres Tempo gegangen, hätten wir gewonnen."Äthiopierinnen reden gern in der Wir-Form, lassen keine Gelegenheit aus, ihren Kollektivgeist zu betonen, und äußerten daher auch in erster Linie Mitgefühl für die große Verliererin des Abends, Meseret Defar, die am Ende nur Fünfte wurde. "Ich freue mich über meine Medaille", sagte Melkamu, "bin aber traurig, dass Meseret Defar nicht gewonnen hat." Erst auf Nachfrage ließ sie sich entlocken, dass sie durchaus enttäuscht sei, nicht selbst gesiegt zu haben. Immerhin hatte sie auf der Ziellinie schon die Arme hochgerissen und sich als sichere Weltmeisterin gefühlt. Nur schaute sie zur falschen Seite und bemerkte nicht, wie Masai an ihr vorbei schoss. "Ich habe die Kenianerin nie gesehen", gab sie zu.Es war ein Rennen, das alles hatte, was die Langstrecken ausmacht: ausgiebiges gegenseitiges Belauern, taktische Spielchen, Tempoverschärfungen und eine faszinierende letzte Runde. Nach 7 000 Metern wurde den Kenianerinnen Masai und Grace Momanyi die Sache zu langweilig, und sie zogen das Tempo so scharf an, dass bloß die drei Äthiopierinnen folgen konnten. "Wir haben das gemacht, weil wir wussten, dass wir so gewinnen", erläuterte Linet Masai mit nun schon gewohnter Selbstgewissheit.Das Unternehmen drohte aber zu scheitern, als Linet Masai beim Anziehen des Schlussspurts 300 Meter vor dem Ziel auf überrundete Läuferinnen traf und blockiert wurde. Meseret Defar zog scheinbar unwiderstehlich davon, doch als Linet Masai endlich wieder freie Bahn hatte, nahm sie die Verfolgung auf. "Ich habe nie aufgegeben", sagte sie später.50 Meter vor dem Ziel strauchelte die erschöpfte Meseret Defar und brachte das Führungstrio etwas aus dem Rhythmus. "Ich hatte Mühe, die Beine zu heben", sagte sie, doch immer noch sah es so aus, als sei ihren beiden Mitstreiterinnen der Sieg nicht zu nehmen. Mit Riesenschritten kam jedoch Linet Chepkwemoi Masai, begeistert angefeuert vom Berliner Publikum, das Phasen langer Dominanz nicht eben schätzt, und fing Melkamu auf der Ziellinie ab. "Ich habe nie gezweifelt, dass es reicht", kommentierte die Olympiavierte von Peking lapidar ihren fulminanten Endspurt. Die Äthiopierinnen blickten derweil leicht finster. Sie werden sich an solche Sätze aus Kenia wohl gewöhnen müssen.------------------------------Foto: 19 Jahre jung: Linet Masai.