Zehntausende haben am Wochenende in Berlin für einen Politikwechsel in der Bundesrepublik demonstriert. Die Teilnehmer der linken Großdemonstration waren mit 200 Bussen und Sonderzügen aus dem ganzen Bundesgebiet angereist. "Kohl muß weg", forderten die Redner am Sonnabend bei der Abschlußkundgebung auf dem Alexanderplatz immer wieder. Zuvor waren der Aufmarsch der NPD sowie die Protestaktionen gegen die ursprünglich am Brandenburger Tor geplante NPD-Demo ohne Zwischenfälle verlaufen. Die Route der NPD-Demo wurde bis zuletzt geheimgehalten. Der Aufmarsch fand schließlich in Hohenschönhausen statt, wo sich um 11 Uhr 300 meist junge Anhänger der rechtsextremen Partei trafen. Die Veranstalter hatten bis zu tausend Teilnehmer erwartet. Unter dem Motto "Arbeitsplätze zuerst für Deutsche Soziale Gerechtigkeit braucht nationale Solidarität" marschierten sie unter starkem Polizeischutz knapp eine Stunde lang durch das Plattenbaugebiet nördlich der Falkenberger Chaussee. Dabei skandierten sie ausländerfeindliche Parolen. Zu Zusammenstößen mit linken Demonstranten kam es nicht, da diese nicht in der Nähe waren. Passanten beschimpften die NPD-Anhänger als "Nazis". Auch bei der kurzen Abschlußkundgebung am Prerower Platz gab es von Passanten keinen Beifall. "Die gehören in den Abfalleimer", sagte eine Kundin des benachbarten Einkaufszentrums. Mit vier gemieteten Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe ("Sonderfahrt") fuhren die NPDler dann zu einer Veranstaltung an den Stadtrand. BVG-Sprecherin Carmen Kirstein erklärte auf Anfrage, eine Privatperson habe die vier doppelstöckigen Busse bestellt. Die NPD sei dabei als Kunde nicht zu erkennen gewesen. "Sonst hätte man vielleicht noch etwas machen können", sagte Frau Kirstein. Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) sagte gegenüber der "Berliner Zeitung", er freue sich, daß es keine Ausschreitungen gegeben habe. Die geringe Teilnehmerzahl bei der NPD-Demo zeige, "daß es gut war, daß wir die Sache vorher nicht hochgeredet haben".Gegen den NPD-Aufmarsch hatten am Brandenburger Tor Künstler und Schriftsteller Texte gelesen. Jalda Reblin sang, Grips-Theater-Chef Volker Ludwig wandte sich gegen Rechtsextremismus, und die Schriftstellerin Christa Wolf ließ die rund 300 Menschen solidarisch grüßen. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Auf der anderen Seite des Brandenburger Tors warnte die CDU vor "Radikalen von links und rechts". Dabei gab es Rangeleien mit PDS-Anhängern. Auch der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) wurde von linken Demonstranten ausgepfiffen: Nach der Eröffnung der Seniorenwoche auf dem Alex flüchtete er unter Polizeischutz zu seinem Dienstwagen.