Ein Dienstagmorgen im September. Hauke Heumann ist früh aufgestanden, um seiner Mitschülerin Lisa Scheibner beim Proben zuzusehen. Es ist das erste Mal, dass sie ihren Monolog für das Intendantenvorsprechen auf der großen Bühne im Theater- und Probensaal der Universität der Künste (UdK) übt. Hauke macht sich Notizen, während sie spielt. Er ist streng mit ihr, sie findet das gut. Das kostbarste Gut im Schauspielstudium sind die Bühnenzeiten. Jene Stunden also, die jedem einzelnen Studenten zugeteilt sind, um dort zu proben, wo auch aufgeführt wird. Vier Jahrgänge hat der Studiengang Schauspiel an der UdK, in jedem studieren in der Regel zwölf Studenten. Also knapp fünfzig Personen, die sich darum reißen, Zeit für ihren Monolog oder ihre Partnerszene zu haben. Das erste Mal stand Lisa Scheibner vor mehr als dreieinhalb Jahren ganz allein auf dieser riesigen Bühne. Damals fand hier das Vorsprechen statt, also die Aufnahmeprüfung des Schauspielstudienganges der UdK. Etwa dreihundert Bewerber werden jedes Jahr im Februar und März eingeladen, mehrere Tage dauert das Vorsprechen, nur noch wenige Bewerber kommen in die zweite Runde. Nach einer dreiwöchigen Aufnahmeprozedur hängen die Namen der Auserwählten als Liste aus, unfeierlich mit Filzstift auf braunes Papier geschrieben. Für abgelehnte Bewerber steht darunter eine Telefonnummer, unter der sie Beratungsgespräche vereinbaren können. Lisa hat damals, im März 2001, jene Liste fotografiert, auf der ihr Name stand. So konnte sie nachträglich diesen feierlichen Moment mit anderen teilen.Privatleben auf SparflammeHeute kommt sie ins achte Semester. Mit ihrem Studium ist die 24-Jährige fast fertig, insgesamt dauert es vier Jahre. Vier Jahre, die alles verändert haben, wie sie sagt. "Die ersten beiden Jahre waren heftig", erzählt sie. "Damals war für nichts außerhalb des Studiums Zeit. Manchmal haben wir sechs Wochen am Stück gearbeitet, ohne einen einzigen Tag frei, auch samstags und sonntags hatten wir Unterricht, und wenn nicht, dann haben wir uns zu Proben getroffen." Beziehungen einiger Mitstudenten zerbrachen, das Privatleben lief bei allen auf Sparflamme. Nebenbeschäftigungen sind Schauspielstudenten während der ersten zwei Jahre ohnehin verboten, die volle Konzentration soll dem Studium gelten. Doch echte Klagen über den Zeitstress sind heute, zwei Jahre später, von Lisa Scheibner nicht zu hören. "Wer hier angenommen wurde, setzt das nicht aufs Spiel, schwänzen kommt nicht in Frage. Schließlich weiß jeder, der hier studiert, dass für ihn andere abgelehnt wurden."Das Studium gliedert sich in vier Bereiche: Bewegung, Stimme, Szene und Theorie. Die Studenten haben Feldenkrais gelernt und Tai Chi, sie sangen Chansons und spielten mit Masken, lernten Stockkampf, Akrobatik, Fechten und Gesellschaftstanz. Die ersten beiden Jahre des Studiums verlaufen sehr schulisch, die meisten Fächer werden im Klassenverband unterrichtet. Im Hauptstudium wird der Gruppenunterricht weniger, "Einzelunterricht statt Gruppenkuscheln", nennt Lisa das. Im Mittelpunkt des Studiums steht die Eigenarbeit zu Beginn des siebten Semesters. Jeder Schauspielstudent soll ein Stück inszenieren.Der Vorteil einer Schauspielausbildung an der Universität gegenüber Schauspielschulen: Die Studenten können sich hier Hilfe aus den anderen Studiengängen der Universität suchen, bei Bühnenbild-, Kostüm- oder Gesangsstudenten. Am Ende der Eigenarbeit soll der Student in seiner eigenen Inszenierung auch auftreten. Lisa Scheibner hat einen Monolog inszeniert, "Malina", nach dem Roman von Ingeborg Bachmann. Monatelang hat sie Fotos von Ingeborg Bachmann studiert, hat geübt, so zu gucken wie sie, "so intensiv, und dabei so nach innen gerichtet." Manchmal hat sie sich gefragt, ob sich das Publikum vielleicht langweilen wird, wenn sie eine Dreiviertelstunde lang redet, aber ihre Malina kam so gut an, dass sie jetzt eine Kurzfassung geschrieben hat. Nicht länger als sechs Minuten soll die sein, schließlich möchte Lisa Scheibner sie vielleicht zum Vorsprechen bei Intendanten verwenden.Lampenfieber-EnergieDenn das ist der nächste Schritt: Am Ende des siebten Semesters studiert jeder der Schauspielstudenten mehrere kurze Monologe und Partnerszenen ein. Alle Dozenten versammeln sich zu mehreren so genannten Bilanzen, bei denen dann die Auswahl getroffen wird, welche Stücke im Oktober der Zentralen Bühnen- und Fernsehvermittlung, kurz ZBF, vorgespielt werden. Diese vermittelt dann Anfang nächsten Jahres bundesweit Vorsprechen bei Theaterintendanten. Die letzten Wochen ihres Studiums verbringen die Studenten damit, von Stadt zu Stadt zu tingeln, in der Hoffnung, ein festes Engagement zu finden. Ein Montagmorgen im Oktober. Noch eine knappe Stunde bis zur zweiten Bilanz. Eine Vorentscheidung wurde schon vor wenigen Wochen getroffen. Nun geht es darum, das genaue Repertoire jedes einzelnen Studenten im letzten Semester zu bestimmen. Lisa Scheibner läuft im Trainingsanzug durch die Garderobe - sie will sich noch warm turnen. Studenten, die hinter der Bühne ankommen, tragen sonderbare Dinge bei sich: Einer hält in Plastik eingeschweißte Würstchen, eine Mitschülerin trägt eine Mausefalle. Drei Nachwuchsschauspieler wärmen sich auf der Bühne auf, schlagen Purzelbäume, ein anderer läuft im Kreis und ruft laut "Be! Bo! Bi!". Neu ankommende Kommilitonen werden herzlich umarmt, genauso, wie die ersten Dozenten, die eintreffen. Trotz der Hektik ist von Lampenfieber kaum etwas zu spüren. In den dreieinhalb Jahren, die sie nun studieren, haben die Schauspielschüler Routine gewonnen. "Als Schauspieler ist es ganz wichtig, die Energie, die bei Lampenfieber entsteht, in etwas Konstruktives umzuwandeln", erklärt Lisa. Sie ist die Erste, die heute spielt. Um viertel nach zehn betritt sie die Bühne, sie spielt einen selbst geschriebenen Monolog aus Texten von René Pollesch. "Eigentlich wollte ich mich heute nicht mehr verkaufen für Geld", sind die ersten Worte, Lisa erntet Lacher von ihren Dozenten. Stunden später führt sie auch die gekürzte Fassung der Malina vor. Am Tag darauf wird sie von ihren Dozenten zu hören bekommen, dass ihre Monologe gut genug sind, um sie Theater-Intendanten vorzuspielen.------------------------------SCHAUSPIEL-STUDIUM // Bewerbungen für den Studiengang Schauspiel der UdK: jährlich 15. Oktober bis 30. November. Bewerber auf einen der zwölf Studienplätze müssen mindestens 18, dürfen höchstens 28 Jahre alt sein. Die Hochschule empfiehlt, nicht älter als 24 zu sein.Eingereicht werden müssen: Lebenslauf, Zeugnisse und Passbilder, sowie Atteste eines HNO-Arztes (Stimmgesundheit) und eines Orthopäden.Informationen und Bewerbung:www.udk-berlin------------------------------Foto: "Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade" (Schopenhauer).