Literatur: Iss Schokolade, Kleiner

Vergangene Woche wurde im Buchladen „leselieber“ in Friedrichshagen der 125. Geburtstag von Fernando Pessoa gefeiert. Vasco Esteves, ein Freund des Buchhändlers, trug Texte Pessoas auf Portugiesisch vor, unter anderem das Gedicht „Tabakladen“, in dem „der unmetaphysische Esteves“ einen kurzen Auftritt hat. Und nun erfahren wir, dass jener inzwischen mindestens 99-jährige Esteves aus Pessoas „Tabakladen“ im „Haus der Glücklichen Alten“ lebt. Unglaublich!

Auch für den schmollenden Antonio da Silva, der seine Einweisung in das „Siechenhaus“ noch nicht verwunden hat, ist die Existenz des wahrhaftigen Esteves, der in Lissabon gelebt hatte und im Tabakladen Alves’ Pessoa begegnet war, ein Wunder. „Der lebende Vers“ aus einer der größten Dichtungen Portugals verleiht dem bislang untröstlich seiner gestorbenen Frau hinterhertrauernden Alten eine neue, geradezu radikale Lebensenergie. Und der heitere Joao Esteves selbst schäumt über vor tiefer Metaphysik!

In der Nacht seines 100. Geburtstags aber kann er nicht schlafen. Denn in seinem Zimmer, dessen Fenster auf den Friedhof hinausgeht, stöhnt und flucht eine „Topfpflanze“ von Mensch, dass Esteves sterben solle. Und eine furchterregende Maschine ist dort, die ihm die Metaphysik rauben soll, damit sie ihn umbringen und eine Statue aus ihm machen können. So tappert Esteves zu da Silva und legt sich zu ihm ins schmale Bett. Zwei alte Männer angesichts des Todes in kameradschaftlicher Umarmung. Am Morgen ein Gelächter. Welch wunderbar wahnwitzige Erfindungsgabe der Wirklichkeit, befindet der in Ich-Form erzählende, 84-jährige Senhor da Silva. Am Tag darauf aber kann der ruhmreiche Esteves schon nicht mehr darüber lachen: „Wenn man erst mal tot ist, gewöhnt man sich schnell dran.“

Aber wer würde nun noch glauben, dass Esteves wirklich dort gelebt hat unter den „glücklichen Alten“, wenn mit ihm deren Erfindungsgabe und Fabulierlust verloren ginge? Wenn keiner mehr die Geschichte vom einst schönen, hungrigen Esteves erzählte? Oder die von Dona Leopoldina, die ihre Jungfräulichkeit dem berühmten peruanischen Fußballer Teofilo Cubillas vom FC Porto geschenkt hat? Oder die von der erfundenen Liebe da Silvas, die er Dona Marta in gefälschten Briefen erklärt, bevor er sie nächtens mit einem Buch (!) erschlägt? Und da Silvas eigene Geschichte als Mitläufer und Verräter unter der Diktatur Salazars?

Es wird zwangsläufig viel gestorben im „Haus der Glücklichen Alten“. Und doch ist das ein Ort der überraschendsten Freundschaften: „Rede mit mir vom Tod, vom Ende aller Stunden.“ Geschrieben in einer irrlichternd philosophischen Verrücktheitsprosa hat es der junge, 1971 in Angola geborene Portugiese Valter Hugo Mae.

Einer nach dem anderen wird in den Trakt mit Friedhofsaussicht verschoben, wo die Maschinen den Menschen die Metaphysik rauben. Irgendwann steht man nicht mehr auf, weil die Erschöpfung und die Atemnöte zu groß sind, um sich zu den anderen in den Hof zu setzen und von der Sonne wärmen zu lassen. Senhor Pereira ist der Nächste. Aber zuvor liefert er sich noch einen grandiosen Showdown über Hodenkrebsschmerzen mit Dona Gloria, die von Sex und Liebe träumt, statt sich diskret darauf vorzubereiten, „nichts zu sein“. Wie Alvaro de Campos alias Pessoa dichtete: „Ich bin nichts / Werde nie etwas sein. / Kann nie etwas sein wollen. / Und trage dennoch die Träume der Welt allesamt in mir.“

Valter Hugo Mae: Das Haus der Glücklichen Alten Aus dem Portugiesischen von Ulrich Kunzmann und Klaus Laabs. Nagel & Kimche, München 2013. 300 S., 22,90 Euro.