Die Referenten auf dem Podium sind gut vorbereitet und sie haben viel zu erzählen; doch die einfache Frage, was für eine Art Zug denn der Literaturexpress Europa 2000 sei, bringt die Pressekonferenz kurz ins Stocken. Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt und des Koordinationszentrums für das Projekt, verweist auf unterschiedliche Spurweiten der Eisenbahnen in Europa, spricht vom Umbruch der Bahnbetriebe der östlichen Länder von staatlichen zu privaten Unternehmen und sagt: "Nach dem jetzigen Stand reisen die Autoren in sechs verschiedenen Zügen." Mit dem Literaturexpress werden mehr als 100 Autoren aus 35 Ländern vom 2. Juni bis 17. Juli 2000 durch elf Länder fahren und in zwanzig Städten anhalten. Lissabon ist der Einsteigebahnhof, Berlin der Endpunkt. An den Haltepunkten wird es Lesungen, Kolloquien und Filmreihen geben; jede Stadt organisiert ihr Festival selbst. Hannover zum Beispiel, wo der Zug am 20. Juni erwartet wird, bindet die Dichter ins Expo-Programm ein, in Tallinn sind die Veranstaltungen den skandinavischen Literaturen gewidmet, in Minsk wird man von Tschernobyl reden, und in Berlin gibt es eine Übersetzerkonferenz, Ausstellungen, ein Bücherfest, eine Lyriknacht und vieles mehr. In den Städten werden die Autoren dann auch wohnen, denn der Literaturexpress ist kein Hotel auf Rädern. Die teilnehmenden Schriftsteller müssen sich ohnehin darauf einstellen, dass sie sich sechs Wochen lang täglich sehen, sie werden gemeinsam auftreten und am Ende alle in einer Anthologie erscheinen. Gewünscht ist nämlich, dass jeder Autor nach der Reise seine Eindrücke in irgendeiner Weise zu Literatur werden lässt. Jedes Land darf bis zu drei Autoren benennen, 71 haben bislang zugesagt. In Deutschland entschied sich die Jury (Hans Magnus Enzensberger, Jean-Baptiste Joly, Joachim Sartorius und Thomas Wohlfahrt) für Felicitas Hoppe, Dubravka Ugresic und Richard Wagner.Vorbereitet wird das Projekt seit drei Jahren, öffentlich vorgestellt wurde es im Juni dieses Jahres in Paris. Mit der Berliner Pressekonferenz gestern Mittag sollten noch einmal die hiesigen Medien interessiert werden. Im deutschen Technikmuseum, zwischen historischen Lokomotiven, untermalt von der Geräuschkulisse der Museumsbesucher, lobt also der Kulturstaatsminister Michael Naumann den Literaturexpress als "unbezahlbar", obwohl er finanzielle Unterstützung zusichert. Das gesamte Unternehmen wird etwa 15 Millionen Mark kosten. Der Berliner Kultur-Staatssekretär Lutz von Pufendorf sagte, dass mit diesem Projekt, das von Berlin aus organisiert wird, die Stadt endlich ihre Rolle wahrnehme, in der neuen Mitte Europas zu liegen. Außerdem sei dies "keine Eventkultur, das ist Kultur pur". www.literaturexpress.org