Mein Freund H., ein theoriefixierter Popjournalist, hält das Leben in der Großstadt nur aus, wenn er alle paar Monate für mehrere Wochen in die weite Welt flieht. Die Geschichten, die er erzählt, wenn er wieder da ist, sind selbstverständlich lustiger und weiser als seine Popkritiken, aber nie habe ich ihn bisher dazu bringen können, statt Kritiken doch Reisegeschichten zu veröffentlichen.Auf einer seiner Ostasien-Reisen besuchte H. nahe der burmesisch-chinesischen Grenze ein buddhistisches Kloster, in dem er "mehr aus Langeweile" einen Meditationskurs anfing. "Mehr aus Ehrgeiz" blieb er sechs Wochen. Jeden Morgen um sechs mußte H. bei seinem Meditationslehrer vorsprechen. H. berichtete ihm immer wieder dasselbe: Daß er, gerade weil er nichts denken wolle, an alles mögliche denke, und überhaupt: er verstehe das System Meditation nicht. Er warte ständig darauf, daß was passiert, aber es passiere ja gar nichts!Der Mönch lächelte milde und gab immer nur einen Satz von sich: Mach weiter! Nach einer Woche schließlich hatte er Mitleid mit H. und sagte: "Man sieht richtig, wie Dein Kopf raucht. Du stellst Dir unter Meditation Gott weiß was Geheimnisvolles vor, etwas wie eine mathematische Formel, an der man solange rumknobelt, bis sie schließlich aufgeht und ihr Rätsel lüftet. Dabei ist alles ganz einfach: Einatmen. Pause. Ausatmen. Pause. Mehr ist da nicht." Über die restlichen Wochen seines Klosteraufenthaltes redet H. übrigens nicht. Worüber man nicht sprechen kann, müsse man schweigen, sagt er.An H.s Geschichte mußte ich bei der Lektüre von Ulla Berkéwicz neuem Buch "Ich weiß, daß du weißt" denken. Man sieht beim Lesen richtig, wie Ulla Berkéwicz beim Schreiben der Kopf geraucht hat und denkt: Ein Satz. Pause. Der nächste Satz. Pause. Mehr benötigt doch so eine Geschichte nicht. Aber Ulla Berkéwicz hat sich für ihr Buch wer weiß was Supergöttliches vorgestellt und sie mit kabbalistischen Buchstabenformeln und buddhistischen Gesängen und russisch-orthodoxen Mythen und Theorien über das Bewußtsein verrührt. Sie hat ein System mit dem nächsten System unterfüttert, das Ganze in einer gehetzten Sprache, die unbedingt das Absolute will. Und jetzt soll sich die Geschichte beim Lesen öffnen wie ein wunderbares Rätsel.Aber es passiert gar nichts.Als Peter Handke beim Suhrkamp Verlag die Rolle des Erforschers der Leere abgegeben hat und in die Politik gewechselt ist, übernahm Ulla Berkéwicz diesen Job. In der Erzählung " Mordad" (1995) zog sich eine Schriftstellerin in ein entlegenes Haus zurück, setzte sich ans Fenster, spitzte ihre Bleistifte und wartete. Auf die Stille, auf die Leere, schließlich auf den Einfall zu einer Geschichte, um "sich wieder zu erkennen". Die Erzählung "Zimzum" (1997) noch weiter. Der Text kreiste um die Leere, aber um zwei unterschiedliche Leeren. Um eine gute göttliche Leere, aus der alles Leben kommt, und in die es, zumindest momentweise, zurückzukehren gilt. Und um die perverse menschenverachtende Zivilisationsleere, die alles auffrißt. Gegen diese Leere versuchte die Erzählerin anzuschreiben, aber ihre Worte ersaufen "als nix und wieder nix im Lake of Garnix."In "Ich weiß, daß Du weißt" geht es um die Liebe zwischen Alon, der für den israelischen Geheimdienst Bewußtseinsexperimente macht, und der Ostdeutschen Olga, die mal bei der Stasi war, dann vom Iranischen Geheimdienst ausgebildet wurde und jetzt dubioserweise für muslimische Fundamentalisten arbeitet. Die Handlung spielt Mitte der achtziger Jahre, Alon und Olga sollen sich in Amsterdam gegenseitig ausspionieren, verlieben sich aber logischerweise. Sie flüchten vor Auftrag und Liebe, werden unter Druck gesetzt und versuchen "das Experiment" zum Schluß doch, wobei nicht klar wird, ob damit die Liebe oder das Bewußtseinsexperiment gemeint ist, das Alon mit Olga durchführen soll.Auf den ersten Blick hat Ulla Berkéwicz also das Feld der Leere und des Religiösen verlassen, um eine handfeste Agentengeschichte zu erzählen. In Wahrheit benutzt sie die Agentengeschichte, um sie mit religiösen Sinnsprüchen, philosophischen Reflexionen, politischen Diskussionen und Exkursen über die israelische Geschichte zu behängen. Olga und Alons Liebe wird zum Ort, an dem dramatische Weltgeschichte, der Konflikt zwischen Israelis und Arabern, die in diesem Fall Religionsgeschichte ist, zusammenfällt. Ein Ort, an dem sich dafür kurz das ist die eigentliche Vision des Buches etwas wie versöhnende Archaik zeigt: "Sowas wie ein alter Ton preßte sich aus uns raus und wurde laut."Das Religiöse wird wiederum auch mit dem profan Geschlechtlichen kurz geschlossen: "Ohne Schwanz keine Erlösung, nur vielleicht bei den Christen vielleicht!", heißt es auf Seite 213. Womit wir wieder bei der Leere wären, denn Alon, das deutet sich schon früh an und bestätigt sich am Ende, hat gar keinen Schwanz, er wurde ihm während des Sechstage-Krieges von Folterern entfernt. Und jetzt ist da ein Nichts. Aus dem nicht die Erlösung kommt, in dem aber genug Raum (oder Zeit) ist, um andere wesentlichen Dinge zu bereden, das Thema Wirklichkeit zum Beispiel:"Ich habe gehört, daß ihr in euren Labors, an der Wirklichkeit rumdreht, eröffnete Olga, Wirklichkeitsschwindel mit Hilfe von Technomagie, was sagst Du dazu Israeli?Und du, parierte Alon, was machst Du mit Deiner Wirklichkeit?Ich habe keine, sagte Olga. Und was machst Du?Ich arbeite an ihrem Ende, sagte Alon.Brauchst du einen Assistenten, fragte Olga und sah Alon hart an.Ja, sagte der und sah hart zurück.Und auf welchem Stern trifft man sich dann, fragte sie.Auf dem Davidstern, sagte er."Zu diesem Literaturschwindel mit Hilfe von Kitschmagie kommt noch etwas anderes: die reichlich konstruierte Erzählsituation. Olga und Alon erzählen ihre Geschichten abwechselnd, die eigentliche Erzählerin aber ist eine alte Russin, Tatjana Arkadjewna Orlowa, die nicht nur für das orthodoxe Element und also für Religionsgleichgewicht sorgt, sondern das, was Olga und Alon ihr erzählen, auch dem Leser präsentiert. Tatjana leitet das Restaurant "Ural" in Amsterdam, in dem Olga und Alon sich immer wieder treffen. Tatjana ist alt, vor allem aber eine Wundererzählerin, die trotz ihres unglaublichen Gewichts Orte und Zeiten wechseln kann und nun in Olgas und Alons "Raum gespült wurde."Um sich herum hat die Erzählerin eine Art Chor versammelt, Menschen die jeden Tag im "Ural" abhängen oder regelmäßig vorbeischauen. Man kann diesen Chor auch als Diskursstützkorsett bezeichnen. Immer wenn die Geschichte nicht weitergeht, fängt dieses "Ural"-Personal zu diskutieren an und verweist eindringlich darauf, daß es bei dem Ganzen immer um das Höchste geht. Da gibt es die buddhistische Nonne aus dem Kloster nebenan. Es gibt die schwangere Kasachin, deren Bauch daran erinnert, daß trotz allem "Lebbe weider geht", und die Schwarze Kolumnistin, die mit Alon über die Rechtmäßigkeit des Staates Israel streitet. Weiter treten auf: die rote Marina, der starke Johann und Fredy Wayne, der sogenannte Holländermichel und die Tigerin mit der roten Perücke.Die meisten sagen nicht viel, lassen manchmal ein paar kabbalistische Wundersprüche fallen und sind die meiste Zeit einfach exotisch anwesend. Wenn sie doch etwas sagen, dann geht es gleich um Auschwitz: "Gottseidank gibt es Auschwitz, und Gottseidank hat jeder von uns seinen Tod noch vor sich, lallte der Holländermichel, sonst wären wir doch total verratzt."Tatsächlich interessant ist die Biographie von Olga, die in der DDR von ihren Eltern mißhandelt wurde. Sie kam in ein Heim, brachte mehrere Selbstmordversuche hinter sich, wurde von der Stasi aufgegriffen, zur Ausbildung in den Iran geschickt, und fand sich plötzlich, ohne zu wissen warum, als "Europäer mit islamischer Mission" wieder. Angeblich soll für Olgas Biographie das wahre Leben einer nicht ganz so bekannten jüngeren deutschen Schriftstellerin Pate gestanden haben. Ob dem so ist, spielt letztlich aber keine große Rolle, weil Ulla Berkéwicz das einzig Faszinierende an ihrem Buch, eben Olgas Geschichte, auf wenigen immerhin mitreißenden Seiten heruntererzählt.Es interessiert sie an Olga nur das Skurrile, das irgendwie Schräge ihres Lebensweges. Wie dieser Typ in der Werbung, der einem alten Bekannten die Fotos seines Erfolges präsentiert ("Zack: mein Haus! Zack: mein Pferd! Zack: mein Boot!"), knallt Ulla Berkéwicz mit Angeberwucht Olgas Lebensstationen auf die Seite. Nachdem das erledigt ist, darf Olga wieder in den Chor der Pappfiguren zurücktreten und tun, was sie das ganze Buch hindurch am liebsten macht. Im unverwechselbaren jugendlich frischen Berkéwicz-Sound einfach vor sich hin expressionieren: "Sie wollen doch, daß wir es miteinander treiben treiben wirs für den Gott Abrahams, den von Ismael oder den von Isaak. Ich hab vergessen, wie die Plempe heißt, schnauzte ich vor mich hin, habs vergessen, vergessen!"Ulla Berkéwicz: Ich weiß, daß Du weißt. Roman. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1999. 262 S., 38 Mark.