Als vor wenigen Jahren das große Revival der Klezmer-Musik begann, hatten die aus New York stammenden Epstein Brothers sich schon längst zur Ruhe setzen wollen, in "Gottes Warteraum". So werden die Rentnerkolonien in Florida von ihren Bewohnern zärtlich ironisch genannt. Ein beschauliches Leben zwischen gleichförmigen Bungalows mit Rasensprengern, Plastikrehen und Limousinen im Vorgarten. Ab und zu ein Auftritt in einem der zahlreichen jüdischen Altenclubs. "Wir haben", so Willie Epstein, "diese Pipifax-Musik unser Leben lang gemacht und hätten nie gedacht, daß andere daran etwas finden."Die ersten, die die Epsteins in ihrem verschnarchten Domizil aufstöberten, um eine CD mit ihnen aufzunehmen, waren der US-amerikanische Musiktechnologe und Klezmer-Musiker Joel Rubin und die Publizistin Rita Ottens. Die beiden organisierten auch 1992 den Auftritt der Epstein Brothers im Rahmen der "Jüdischen Lebenswelten" in Berlin - ihr erstes Konzert auf europäischem Boden. Das Publikum tobte vor Begeisterung - und die Epstein Brothers waren überwältigt. Nie hätten sie sich träumen lassen, das so viele Leute in Deutschland jiddische Musik hören wollten: "Dabei waren höchstens fünf Prozent der Konzertbesucher Juden!" Dieses Wochenende sind die Epstein Brothers zum zweiten Mal live in Berlin zu erleben: Ihr heutiges Konzert im Haus der Kulturen der Welt ist einer der Höhepunkte der "Jüdischen Kulturtage".Aber damit nicht genug: Am Sonntag findet außerdem die Premiere eines Dokumentarfilms über die Epstein Brothers statt, der vom kommenden Donnerstag an auch regulär im Kino starten wird. "A Tickle in the Heart" von Stefan Schwietert, das ist keine ehrfürchtige Hommage, sondern das lebendige und unterhaltsame Porträt dreier ziemlich vitaler alter Herrn. Schwietert heftet sich Max, Willie und Julie Epstein - inzwischen zwischen 70 und 84 Jahre alt - an die Fersen, filmt sie bei Auftritten in New York oder Berlin und beim Autowaschen in Florida.Die Ehre, als "letzte lebende Meister des Klezmers" zu gelten, scheint die Epsteins selbst am wenigsten zu beeindrucken. "Hättest du mich vor 35 Jahren einen Klezmer genannt, hätte ich dir eine runtergehauen", meint Bandleader Max Epstein mit verschmitztem Lächeln. Klezmer, das war in Osteuropa lange ein Schimpfwort für fahrende Musiker. Aber auch in den USA, wo die jiddische Musik durch viele Einwanderer aus Osteuropa jahrzehntelang lebendig blieb, waren die Epstein Brothers keine abgehobenen Stars, sondern eine Festcombo. Bis Ende der 60er Jahre, erzählt Willie Epstein, seien sie jede Nacht von Auftritt zu Auftritt gehetzt: Bar-Mizwas, Hochzeiten, Gemeindefeiern.Doch obwohl sie jahrelang die gefragtesten Gäste im "Chassidim Business" waren - äußerlich scheinen die Epsteins ganz und gar assimiliert. Wenn sie in "A Tickle in the Heart" mit Baseballmütze und Fotoapparat durch den Geburtsort ihres Vaters im heutigen Weißrußland schlendern, wirken sie wie die typischen rüstigen Rentner aus den USA, die gekommen sind, um einen neugierigen Blick auf good old Europe zu werfen. Im ruhigen, dichten Schwarzweißbildern umkreist "A Tickle in the Heart" die Epstein Brothers bei ihren Proben und Konzerten, läßt Raum für Alltägliches und Anekdoten. Ähnlich wie die Klezmermusik ist auch der Filmrhythmus oft so betont schleppend, daß nicht nur die Geduld von MTV-Fans auf die Probe gestellt wird - bis es im nächsten Moment wieder wild und schnell weitergeht."A Tickle in the Heart" läßt etwas vom Geheimnis der Klezmermusik aufblitzen, vom Wechselspiel zwischen Melancholie und Vitalität, abgrundtiefer Traurigkeit und fröhlichem Temperament. Der Großvater der Epsteins hat dieses besondere Gefühl immer "den Kitzel im Herzen" genannt. Seinen Enkeln wird diese Musik hoffentlich noch eine Weile in den Fingern jucken: "Ich bin der am meisten beschäftigte Trompeter im Ruhestand", meint Willie kokett, bevor er sich für den nächsten Auftritt warmspielt. Bettina Bremme Epstein Brothers live Sa. 20 Uhr, Haus der Kulturen der Welt. Premiere "A Tickle in the Heart" So. 15 Uhr, Delphi-Kino. Ab Donnerstag in den Kinos Hackesche Höfe und Notausgang. +++