Natürlich lässt sich ein Schloss auch mit einem Schlüssel öffnen. Doch das wäre für Ulrich Schütter entschieden zu langweilig. Ihn reizt es viel mehr, den Schließzylinder im Zweikampf zu überlisten, mit Nadeln, Haken und Spiralen so lange geduldig im Inneren herumzustochern, bis auch der letzte Sperrstift seinen Widerstand aufgibt und das Schloss sich dreht. Manchmal dauert es ein paar Minuten, bis es so weit ist, manchmal Stunden und im schlimmsten Fall Monate, aber meistens klappt es.Geduld ist die oberste Tugend beim Schlossöffnen ohne Schlüssel, eine Disziplin, die der Kenner Lockpicking nennt. Lockpicking unterscheidet sich von den rustikalen Methoden, mit denen ein Schlüsseldienst gemeinhin zu Werke geht, durch die Tatsache, dass das Schloss dabei ganz bleibt. Es ist eine Art Mittelding zwischen Kunst und Sport, doch Leute, die das als Hobby betreiben, sehen eher letzteren Aspekt. So wie Schütter: Er gehört einem Verein an, der sich "Sportsfreunde der Sperrtechnik Deutschland" nennt, und leitet die Gruppe Berlin. Eine relativ übersichtliche Aufgabe, denn in der Hauptstadt gibt es höchstens ein Dutzend Sportsfreunde der Sperrtechnik. Bundesweit sind es rund 500 Aktive.Übungsobjekt vom FlohmarktDrei-, vier Mal im Monat treffen sich Mitglieder der Berliner Abteilung zum gemeinsamen Picken. Die Übungsobjekte stammen meist vom Flohmarkt oder von Spendern, und weil sie in der Regel ja nicht kaputtgehen, kann man sie im Falle erfolgreicher Öffnung auch wieder verschließen und an den nächsten weiterreichen. Gearbeitet wird mit einem Pick-Set, dessen einzelne Werkzeuge man sich als ausgewiesener Sperrtechnik-Sportfreund im Online-Shop des Vereins bestellen oder, sofern man über entsprechende Talente verfügt, auch selbst anfertigen kann. Das Standard Set für 42 Euro enthält neun Picks, die ein bisschen aussehen wie die Werkzeuge eines Zahnarztes, dazu drei Spanner und einen Extraktor für abgebrochene Schlüssel. Es gibt auch ein Kfz-Probierschlüssel-Set, das eine "hervorragende Öffnungsleistung gerade bei Fahrzeugschlössern" verspricht. Natürlich nur am eigenen Auto. Sportsfreunde der Sperrtechnik verpflichten sich, die Gesetze zu achten und nur Schlösser zu öffnen, die ihnen gehören, oder zumindest den Segen des Besitzers einzuholen: "Wenn du nur geringste Zweifel hast, öffne nicht", sagt die Sportordnung.Für potenzielle Kleinkriminelle wäre so ein Besteck aber auch keine große Hilfe. "Das ist etwa so, als wenn sich jemand ein Saxofon kauft, ohne darauf spielen zu können", sagt Schütter. So einfach, wie die Fernseh-Kommissare mit einem Stück Draht schnell mal eine Tür öffnen, ist es in Wirklichkeit nie. Schütter hätte nicht einmal Bedenken, sein Pick-Set für den Fall des Falles unter der Fußmatte vor seiner Wohnungstür zu verstecken, was man mit dem Schlüssel lieber nicht tun sollte. Um mit dem Werkzeug umgehen zu können, braucht es neben Geduld auch profunde Kenntnisse über die ausgeklügelte Konstruktion all der Stift- oder Scheibenzuhaltungsschlösser, Fingerspitzengefühl und Ausdauer. Das muss trainiert werden. Sicher ist es kein Zufall, dass der Sperrsport-Shop in den Vertragsbedingungen die Warnung untergebracht hat: "Zu langes Arbeiten mit dem Tastbesteck kann zu Blasen an den Fingern führen!"Die Berliner Sportsfreunde der Sperrtechnik sind alles Amateure und ansonsten in eher artfremden Berufen tätig, als Mediziner etwa oder, wie Ulrich Schütter, als Ingenieur auf dem Bau. Er war vor acht Jahren auf die Lockpickerei gekommen, nachdem er etwas von Meisterschaften gelesen hatte. Schütter knüpfte Kontakte zwischen den wenigen Gruppen, die es gab in der Stadt und führte zusammen, was zusammengehört.Torsten Quast wiederum, Laserphysiker und ebenfalls seit 2000 bei den Berliner Sperrsportfreunden, hatte schon als Kind ein Faible für mechanische Geduldsspiele und machte sich in der Schule durchs Öffnen von Zahlen-Fahrradschlössern beliebt, deren Code Mitschüler vergessen hatten. Über den Chaos Computer Club hat er dann erfahren, dass es mit den Sperrsportsfreunden auch so eine Art analoge Hacker gibt. Inzwischen hat er es in dieser Sportart schon mehrfach zu Meisterehren gebracht, auch auf internationalem Parkett, wo deutsche Sperrsportler gemeinhin als Favoriten antreten.Probeöffnung für jedermannMeisterschaften tragen die Sportsfreunde der Sperrtechnik seit Gründung des Vereins im Jahr 1997 alljährlich aus. An diesem Wochenende geht es bei dem Wettkampf in Berlin in mehreren Disziplinen um sportliche Ehren, etwa in der Hangschlossöffnung, wo handelsübliche Vorhängeschlösser entsperrt werden müssen, oder bei der Blitzöffnung: Da gilt es, ein Schloss binnen einer Minute zu öffnen. Wer es nicht schafft, scheidet aus, wer am Ende übrig bleibt, ist Sieger. Als Königsdisziplin aber gilt den Sperrsportlern die Handöffnung, bei der, ebenfalls auf Zeit, mit Hand-Picks und Spannern in unbegrenzter Auswahl "ein doppelseitig gleichschließendes und pickbares zylindereingerichtetes Schloss mit Stiftzuhaltungen" geknackt werden muss. Wer denkt, er kann das auch, darf es an Ort und Stelle selbst probieren. Und wird hinterher vermutlich sehr froh sein, den Wohnungsschlüssel nicht vergessen zu haben.------------------------------Die Meisterschaften im Schlossöffnen finden am Sonnabend und Sonntag in der Tegeler Bambushalle, Wittestraße 30, jeweils von 10 bis 18 Uhr statt. Der Eintritt ist frei. Zuschauer können sich auch selbst an Schlössern versuchen. Mehr im Internet:www.lockpicking.org------------------------------Foto (2): Sie wollen nur spielen: die Sportsfreunde der Sperrtechnik. An diesem Wochenende stellt sich die Wettkampffrage: Wer knackt am schnellsten Schlösser?Vorhängeschlösser zu knacken, ohne sie kaputt zu machen, ist eine besondere Disziplin.