London - Als Papst Benedikt XVI. und damit der letzte Deutsche das Parlament in Westminster beehrte, sprach auch er in der historischen, tausend Jahre alten Halle vor dem Ober- und Unterhaus. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in der Rangordnung der Briten nur eine kleine, aber entscheidende Stufe unter Seiner Heiligkeit platziert. Ihre Rede, ebenfalls vor beiden Kammern, fand in der „Royal Gallery“ statt: unter einem Schlachtgemälde, das die preußisch-englische Allianz in den Befreiungskriegen zeigt. Darin glaubte die Times schon vorab die perfekte Kulisse für Merkels Auftritt zu sehen: „Seit Waterloo, als Feldmarschall Blücher dem wankenden Herzog von Wellington zur Hilfe kam, hat kein deutscher Rettungsversuch mehr Erwartungen ausgelöst“, schrieb das Blatt.

EU braucht starkes Britannien

Doch vor den Lords, Ladies und Abgeordneten im Parlament hat die Kanzlerin am Donnerstag jedwede Hoffnung, die sich mit ihrem Besuch verband, schon in den ersten Minuten wie Seifenblasen platzen lassen. . „Ich höre, einige erwarten, dass ich hier den Weg für eine umfassende Reform der EU-Verträge ebne. Ich fürchte, das muss scheitern“, sagte sie zunächst auf Englisch. „Andere erwarteten das Gegenteil: eine klare Botschaft in London, dass der Rest Europas nicht bereit ist, jeden erdenklichen Preis zu zahlen, um Großbritannien in der Europäischen Union zu behalten“, fuhr sie fort. „Die muss ich auch enttäuschen.“ Stattdessen entschied sie sich für den Mittelweg: Sie erklärte, nun auf Deutsch, dass Europa „ein starkes Großbritannien mit starker Stimme in der europäischen Gemeinschaft“ brauche – zum Wohle aller.

Der Premierminister in der ersten Reihe hatte vielleicht eine klarere Solidaritätsadresse der mächtigsten Politikerin des Kontinents erwartet. David Cameron, Chef einer konservativ-liberalen Koalition, will umfassende Reformen und Konzessionen in Brüssel erreichen, ehe er seine Landsleute 2017 in ein Referendum über die weitere EU-Mitgliedschaft schickt – sofern er dann noch im Amt ist. Merkel ist nach Einschätzung der Cameron-Regierung aufgrund ihrer Schlüsselrolle in der EU der „wichtigste Partner“ Großbritanniens beim EU-Reformprojekt.

Doch auf die Sonderrechte, die sich Cameron bei Verhandlungen von der EU erhofft, etwa bei der EU-Arbeitszeitdirektive oder für die Finanzindustrie, ging sie im Detail nicht ein. Einzelfragen wie größere Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz in der EU hat sie anschließend mit Cameron bei einem Gespräch in der Küche von 10 Downing Street diskutiert. Was notwendige Erneuerung der EU belange, sei sie zuversichtlich, teilte sie anschließend mit: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Eine ernsthafte Debatte wird ohnehin wohl erst beginnen können, wenn Cameron seine konkrete Wunschliste an die EU vorlegt.

Suche nach den Speaker’s Corner

So kann die Kanzlerin nur hoffen, dass sich das Königreich ihren Appell zu Herzen nimmt. Die erste deutsche Regierungschefin, die nach der Wiedervereinigung vor beiden Kammern des Parlaments trat, dankte Großbritannien für die Hilfe in der Nachkriegszeit. Sie verneigte sich „vor den Opfern dieser schrecklichen Kriege“. Und sie erzählte, wie sie nach der Wende mit ihrem Mann in London im Hyde Park die „Speaker’s Corner“ suchte. Für sie, aufgewachsen in einer Diktatur, sei dies ein Symbol der Meinungsfreiheit gewesen. Danach sagte sie, dass sie sich trotz manchmal unterschiedlicher Vorstellungen über die Entwicklung der EU freue, die kommenden Schritte gemeinsam zu gehen.

Bei den Europafreunden kam das gut an: „Angela Merkel weiß nur zu gut, das wir zusammen stärker sind und dass Großbritannien nicht aus der EU hinaus schlafwandeln kann“, sagte der Labour-Abgeordnete und Vorsitzender der Britisch-Deutschen Arbeitsgruppe Paul Farrelly der Berliner Zeitung. Da war Merkel schon auf dem Weg zum Buckingham Palace. Sie hatte extra, verriet sie noch, ihr königsblaues Jackett gewählt. Am Nachmittag empfing dann Queen Elizabeth II. die Kanzlerin zum Tee.