Wenn man Ralf Dahrendorf reden hört, freut man sich aufs Altwerden. Mit dem selbstbewussten Charme der Jahre darf man dann frei aus dem ungeheuren Vorrat möglicher Meinungen über die Welt als ganze schöpfen, den die Umwelt dem Alter und nur dem Alter gerne zugesteht. Es hilft natürlich, wenn man vor dem Altwerden einige Dutzend hervorragender Bücher geschrieben, Ämter bekleidet und Ehrungen gesammelt hat, wie der zum Lord geadelte 71-jährige Soziologe. Man muss sich auf Dahrendorfs Kopf sozusagen seine zwei richtigen und seine zwei Dutzend Ehren-Doktorhüte aufgestapelt vorstellen. Der große Hörsaal der Universität in Frankfurt (Oder) war gerade groß genug, um diesen Hutstapel unterzubringen, als Dahrendorf am Montag zu "Globalisierung und Ungleichheit" sprach. Autoritarismus der LinkenWas er sagte, läßt sich simpel zusammenfassen. Erstens: Die Globalisierung hat neue Kräfte freigesetzt, die Dahrendorf nicht Produktivkräfte nennen will, weil sie irgendwie luftig und nicht zu greifen sind. Zweitens: Es gibt eine Gruppe, die sich diese Kräfte zu Nutze macht und seit einem Jahrzehnt in Wirtschaft und Gesellschaft den Ton angibt. Dahrendorf nennt sie die "globale Klasse". Sie haben mit Computern, Internet und Informationsflüssen zu tun und Dahrendorf begegnet ihnen gelegentlich in Flughafen-Lounges. Drittens: Diese Klasse bestimmt die Politik, sprich die Handlungen der Blair-Regierung und ihrer Pendants auf dem Kontinent. Und viertens: Seien wir auf der Hut!Denn die globale Klasse hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Freiheit. Wie alle aufsteigenden Klassen will sie Freiheit, aber Freiheit für sich, also Wegfall der sie beschränkenden Regelungen. Zugleich aber hat sie einen bedenklichen Hang zum Autoritarismus. Er äußert sich im fragwürdigen Programm des "Dritten Weges", das Freiheit als Wert keinen Platz einräumt. Stattdessen werden der Exekutive immer mehr Rechte zugeschanzt (wogegen sich Dahrendorf im britischen Oberhaus wehrt), Persönlichkeitsrechte beschnitten und die Bevölkerung mit dem Entzug von Sozialleistungen zur "versteckten Zwangsarbeit" getrieben.Dahrendorfs liberale Kritik am "Dritten Weg" ist nicht neu, aber scheint doch über die Jahre stärker geworden, und es tut ohnehin gut, sie zu hören. Nachdem nach den Bindungen von Familie, Vereinen, Kirchen etc. nun auch die Arbeit ihre Rolle als Instrument sozialer Kontrolle verliere, sei es auffällig, wie leichtfertig dagegen repressive Methoden im Interesse der globalen Klasse eingesetzt würden. Learjets und der Dritte WegSelbst Blairs Bekenntnis zur Bildung als Integrationmittel überzeugt Dahrendorf nicht, der selbst einmal Bildung zum Bürgerrecht erklärt hat. Es sei illusorisch, wesentlich mehr als der Hälfte der Bevölkerung zu Abitur oder höheren Bildungsabschlüssen zu verhelfen - auch dann ist die integrierte Gesellschaft aber noch weit entfernt; die Differenzierung zwischen Gebildeten und Ungebildeten könnte sogar noch härter werden. Erstaunlich bloß, dass die Politik der Sozialdemokratie sich einer globalen Klasse unterworfen haben soll, die nur aus Bill Gates und ähnlichen Gewinnern der Neuen Ökonomie bestehe. Das können nicht viele sein, auch wenn man, wie Dahrendorf zur Erklärung anfügt, noch ihren "Schweif" dazurechnet wie die Piloten ihrer Learjets und die Kapitäne ihrer Mittelmeerjachten. Aber schließlich, sagt Dahrendorf, gab es 1848 auch nicht gerade viele Kapitalisten, als das Kommunistische Manifest geschrieben wurde - die britischen Kapitalisten von damals würden alle in ein Dorf-Telefonbuch passen. Nun war der Marx sche Klassenbegriff ein anderer als der von Dahrendorf. Aber, denkt sich der Zuhörer, auch das Kommunistische Manifest verkündete ein einfaches Weltbild. Und das hat doch immer einiges für sich.

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