Man hatte ihm viel zu verzeihen. Selbst die treuesten Freundschaften hat Lou Reed in letzter Zeit hart auf die Probe gestellt: mit seinen uninspirierten und unter Selbstüberschätzung leidenden Theatermusikproduktionen; mit seinem bizarren, vor ungedecktem Großkünstler-Posing ungenießbarem Auftritt bei der Berliner März-Musik 2002; mit seinem jüngsten, vor Uninspiriertheit, Großkünstler-Posing und Selbstüberschätzung weithin unhörbarem Edgar-Allan-Poe-Rezitationswerk "The Raven".Und doch. Das Konzert, das Lou Reed am Mittwochabend im Berliner Schiller Theater gegeben hat, war nicht nur das beste Lou-Reed-Konzert seit langer Zeit. Es war auch eines jener seltenen und kostbaren Konzerte, die man unsentimental, köstlich erfrischt und verjüngt und doch bebend und zitternd und mit Tränen in den Augen verließ.Und das, obwohl der Abend als Edgar-Allan-Poe-Abend angekündigt war, mit Teilen der Besetzung, in der Reed auch "The Raven" eingespielt hat. Glücklicherweise hatten, wie zu hören war, gut meinende Freunde dem Künstler wohl vor Tourstart noch nahe gelegt, lieber doch nicht so viele Stücke vom neuen Album zu spielen. Es wurden dann während des fast dreistündigen Auftritts nur drei; das einzige Stück, in dem überhaupt etwas von der theatralisch-gedichtrezitativen Struktur des Edgar-Poe-Albums zu merken war, nämlich die theatralische Gedichtrezitation "The Raven", wurde mit der etwas verkniffenen Formulierung "Ihr habt mich nicht gebeten, das hier zu spielen; aber ich tue es trotzdem" angekündigt, was seinerseits schon wieder eine gewisse Größe besaß. Die anfängliche Befürchtung, der gelegentlich ins Rachsüchtige tendierende Reed habe sich, wenn er schon sein neuestes Werk nicht aufführen durfte, zu einem Publikumsquäl- und -verärgerungsabend entschieden - der Auftritt begann mit einer lieblos verrockten und gesanglich leicht neben der Spur liegenden Version von "Sweet Jane" -, bewahrheitete sich jedoch nicht. Reed fügte sich in sein Schicksal und spielte, was man am liebsten von ihm hört: Lou-Reed- und Velvet-Underground-Klassiker aus vierzig Jahren Bühnengeschichte, von "All Tomorrow s Parties" bis zu "Ecstasy".Ein Oldie-Abend. Aber was für einer! So kraftvoll und unsentimental hat Reed seine Lieder lange nicht mehr interpretiert; so energisch und klirrend waren sie schon lange nicht mehr instrumentiert. Die Regresse ins Schweinerockhafte, zu denen er gelegentlich ja leider neigt, wurden schon dadurch vereitelt, dass sich in seiner Begleitung kein Schlagzeuger befand; weil die Gitarrenlinien, die er gemeinsam mit seinem alten Weggefährten Mike Rathke einspielte, stets auch den rhythmischen Zusammenhang gaben, war für Daddeln und Gniedeln kein Platz. Im Gegenteil: das, was eigentlich interessant an der Reed schen Gitarrenarbeit ist - die repetitiven Strukturen, aus denen seine Kompositionen bestehen; ihr typisch insistierendes Auf-der-Stelle-treten, über dem sich das Reed sche Song-Erzählen recht eigentlich erst entfaltet - trat bei diesem Oldie-Abend weit deutlicher in den Vordergrund als bei den letzten.Vor allem aber hat Lou Reed seine Oldies schon lange nicht mehr mit einer so interessanten Besetzung aufgeführt. Neben Mike Rathke und dem (gelegentlich zu aufdringlich agierenden) Bassisten Fernando Saunders lag das einerseits an Jane Scarpantoni: einer Cellistin aus dem Umfeld der New Yorker Knitting Factory, die unter anderem schon mit Richard Barone und John Lurie gespielt hat und nicht zuletzt durch ihren besonderen, elektroakustisch experimentierenden Sound bekannt geworden ist.Während des ganzen Abends und insbesondere bei einer wirklichen atemberaubenden Version von "Venus in Furs" erzeugte sie auf ihrem Cello die erhabendsten Störgeräusche, die man bei Lou Reed seit seinem Zusammenklang mit John Cale und dessen elektrischer Viola gehört hat - tatsächlich steht Scarpantonis Spiel ganz in der Tradition der Velvet-Underground-typischen Drones, also jener lang ausgehaltenen, direkt aufs Bauchfell zielenden Vibrationen, die Cale seinerzeit aus den Kompositionen seines Lehrers LaMon te Young übernommen hatte.Und dann war da noch - und das war zweifellos die schönste Entdeckung, die man in diesem Jahr bisher auf einer Berliner Konzertbühne machen konnte - Antony: ein herzzerreißend extemporierender und mit seinem ganzen Körper sich schmerzhaft verausgabender Sänger mit einer glockenhellen, fast countertenorhaft klingenden Stimme. Antony stammt aus dem Umfeld der obskuren britischen Folkband Current 93, die unter anderem mit der Adaption tibetanischer Grabgesänge bekannt geworden ist - er bot mithin nicht nur die mitreißendste und tränentreibendste, sondern zugleich auch die sinisterste Begleitung, die Reed seit seiner Zeit mit der tränentreibenden und sinistren Nico je besessen hat. Antonys Soloversion des Velvet-Underground-Stücks "Candy Says" und das Duett, in dem er am Ende mit Reed dessen "Perfect Day" intonierte, gaben denn auch die erhebendsten und zugleich abgründigsten Momente des Abends.Man könnte also einerseits sagen: die Band, die sich Lou Reed für sein Edgar-Allan-Poe-Projekt zusammengestellt hatte und mit der er nun - ob notgedrungen oder nicht, aber jedenfalls glücklicherweise - nicht Edgar Allan Poe rezitierte, sondern die schönsten Lou-Reed- und Velvet-Underground-Stücke, war die musikalisch eigenständigste und interessanteste Band, mit der Lou Reed seit seinen Velvet-Underground-Tagen jemals zusammengespielt hat. Man könnte andererseits sagen: In der Band, die ihn auf dieser Konzertreise begleitet, hat Lou Reed endlich jenen perfekten Velvet-Underground-Ersatz gefunden, von dem er wahrscheinlich schon zu Velvet-Underground-Zeiten geträumt hat - eine Konstellation von obskuren Musikern mit Hang zu obskuren Geräuschen; musikalisch so obskur und eigenständig wie Musiker sein können, die sich zugleich doch bereitwillig und diskussionslos einem autoritären Bandleader wie Reed unterwerfen.Mit 61 Jahren hat sich der Mann seinen schönsten Jugendtraum erfüllt: eine Velvet-Underground-Band, in der er endlich der Boss ist. Keiner widerspricht ihm, keiner nervt rum - und es kommt doch die herrlichste und berührendste und vor allem mutigste Musik dabei heraus, die man von Lou Reed seit langem gehört hat. Mehr kann man als Lou-Reed-Freund eigentlich nicht wollen. Und als Lou Reed selber sowieso nicht.ROLAND OWSNITZKI (2) So energisch und klirrend hat er die Gitarre lange schon nicht mehr gespielt: Lou Reed bei seinem Berliner Konzert.Glockenhelle Stimme: der britische Sänger Antony.