Love-Scamming: Moderne Heiratsschwindler suchen ihre Opfer im Netz

„Den modernen Liebesbetrug gibt es, seit es Partnerschaftsportale im Internet gibt“, sagt Hoffmann. In der Zeit davor hätten die Trickbetrüger Briefe oder Faxe verschickt. „Die Betrüger werfen ihre Angeln in Chatrooms aus und benutzen dabei bis zu zwanzig verschiedene Identitäten“, sagt der Kriminalbeamte. Antwortet jemand, würden die Betrüger ihr Opfer mit Mails eindecken. Dabei horchten sie diese erst einmal aus, gäben nichts von sich preis. „Sie geben vor, Leidensgenossen zu sein“, sagt Hoffmann und erklärt es so: „Schreibt das Opfer, dass es gerade einen Verwandten verloren hat, dann ist bei dem Scammer auch gerade ein Angehöriger verstorben. Sie teilen damit dasselbe Schicksal.“ Das baue Vertrauen auf.

Die Betrüger geben sich häufig als US-Offiziere aus oder als Ingenieure, die viel in Afrika arbeiten. Ihre falschen Biografien unterlegen sie mit Fotos, die sie aus dem Internet geklaut haben. „Oft gibt es die Offiziere, deren Namen und Fotos benutzt werden, tatsächlich.“ Die Liebesbetrüger sind geduldig und verständnisvoll. „Sie können zuhören und schicken auch mal Blumen, wenn sie ein Treffen unter einem Vorwand haben platzen lassen“, sagt Hoffmann.

Wer verliebt ist, stellt keine Fragen – oder will keine stellen. „Die Sehnsucht nach Liebe wird bedient, das schaltet alles rationale Denken aus“, sagt der Kriminalist. Irgendwann bäten die Betrüger dann um Geld, zunächst seien es kleinere Summen. Sie gäben vor, selbst vermögend zu sein, aber gerade nicht an ihr Geld heranzukommen. Oftmals würden gefälschte Schecks gemailt, die den Reichtum belegen sollen.

Mit der Zeit würden sich die gewünschten Beträge erhöhen. Der unbekannte Bekannte erzählt, dass er im Ausland überfallen und nun völlig mittellos sei. Oder er sei festgenommen worden und benötige Geld für den Anwalt. „Die Geschichten sind abenteuerlich“, sagt Dirk Hoffmann. „Wir schütteln den Kopf, aber die Opfer zahlen.“

Vor allem auf Frauen über vierzig hätten es die sogenannten Love-Scammer abgesehen. Bei ihnen sei zu erwarten, dass sie bereits über Erspartes verfügten. Doch auch Männer fielen auf solche Betrüger herein.

Aufklärungsarbeit über Love-Scamming

Love-Scamming sei in Nigeria weit verbreitet, sagt Hoffmann, und werde auch strafrechtlich geahndet. „Mittlerweile gibt es dort eine fähige Polizei, die kaum korrupt ist.“ Die Verfolgung der Delikte scheitere jedoch oftmals daran, dass es einfach zu viele seien. Viele Love-Scammer seien unterdessen auch in die Nachbarländer Ghana und Kamerun ausgewichen. Es ist ja auch ein lukratives Geschäft. Nach einer Untersuchung eines niederländischen Sicherheitsinstituts ergaunerten Scammer aus Nigeria im Jahr 2009 fast 6,7 Milliarden Euro. Die Dunkelziffer dürfte jedoch viel höher liegen.

Dirk Hoffmann hält nichts davon, die Opfer von Scammern als dumm oder naiv hinzustellen. Die Polizei belächele die Betrogenen längst nicht mehr. „Wir hören den Leuten genau zu. Klar ist das Geld weg. Aber wenn wir ihnen erzählen, dass sie nicht die Einzigen sind, hilft ihnen das schon sehr. Und manchmal gelingt es uns auch, zumindest die Mittäter festzunehmen.“

Wie etwa jenen Geldabholer, der kürzlich vom Landgericht Berlin zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Der Nigerianer hatte für eine Bande von Scammern, die 13 Frauen und zwei Männer um insgesamt 150.000 Euro geprellt hatte, das erschwindelte Geld transferiert. Fünf bis zehn solcher Festnahmen gibt es jährlich in Berlin. In diesem Fall zählten Heilpädagogen, Bankangestellte und Steuerberater zu den Betrogenen.

Auch Martina Zielke aus Hamburg wäre beinahe auf einen Liebesbetrüger hereingefallen, jetzt leitet sie eine Selbsthilfegruppe. Ihre Internet-Bekanntschaft nannte sich Curtis Michael Scaparotti und gab vor, ein US-General zu sein. „Den gibt es wirklich“, sagt Martina Zielke. Ihr Love-Scammer habe die Identität des Generals einfach geklaut. „Er hat mir Bilder geschickt, die ich alle im Internet finden konnte. Schon bald war mir klar, dass mich da jemand linken will.“ Der vermeintliche General habe von seinem Sohn erzählt, den er in Ghana adoptiert habe, und auch „von seinen 25 Milliönchen“, die er in den Niederlande gebunkert haben wollte. Martina Zielke erzählt, dass sie mit dem Sohn sogar telefoniert habe. Sie hat das Spiel mitgespielt und letztlich Anzeige erstattet. Seitdem leistet sie Aufklärungsarbeit über das Love-Scamming.

Martina Zielkes Gruppe zählt inzwischen mehr als dreißig Frauen, Männer und Ehemänner von Frauen, die einem Betrüger auf dem Leim gegangen sind. „Es ist ganz wichtig, die Opfer aufzufangen. Nicht nur das Geld ist weg, sie sind auch gefühlsmäßig am Ende“, sagt Martina Zielke. Die Betroffenen offenbarten sich selten. Die Schamgrenze sei zu hoch. „Das ist wie eine emotionale Vergewaltigung“, sagt Martina Zielke. Auch Selbstmorde habe es bereits gegeben.

Paula Scheffler muss nun 800 Euro im Monat für die Kredite bezahlen, die sie für den ominösen Michael aufgenommen hat. Mit ihrem übrigen Geld, knapp 200 Euro monatlich, kommt sie gerade so über die Runden. Sie hat Anzeige erstattet, jedoch kaum Hoffnung, ihr Geld je wiederzusehen. Ihrem Bekanntenkreis hat sie die Wahrheit über Michael verschwiegen. Deswegen möchte sie ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen. Ihren Freundinnen hat sie erzählt, ihre anfänglich so hoffnungsvolle Liebe sei zuletzt nur noch eine Wochenendbeziehung gewesen, die sie dann beendet habe. Ihre Ersparnisse hat sie verloren, aber nicht ihre Zuversicht, den richtigen Mann im Internet kennenzulernen. Doch sie ist jetzt sehr misstrauisch.