Sie wollen reden, aber sobald sie den Mund aufmachen, plappern sie aneinander vorbei. Sie wollten raus aus der Stadt, und nun sitzen sie "Auf dem Land" und wissen nicht, was sie dort sollen. Der Mann arbeitet als Landarzt. Die Frau sitzt im kalten Licht des Fernsehers und schneidet Bilder aus. Als der Mann nach Hause kommt, erzählt sie ihm vom Ereignis des Nachmittags, der Begegnung mit einem Nachbarn: Da sagt der dies und ich das und darauf er doch glatt. Also so was! Susanne Lothar ist Corinne und stürzt sich mit empörter Inbrunst in diesen Bericht, weil sie weiß, dass die Geschichte sich auflösen würde, wäre sie weniger aufgebracht. August Zirner ist Richard, ihr Mann. Er hält ihr sein Gesichts hin und fragt: "Hast du genug Licht?" Aber der leiernde Tonfall sagt, dass er mit Herz und Kopf längst woanders ist.Die Liebe ist versickert und hat das Selbst der Figuren gleich mitgenommen. Übrig geblieben sind Zombies der Konvention. Das Anfangsbild könnte auch das Ende sein, so wie auf der Bühne von Wilfried Minks (Fernseher, edle Stereoanlage, Kinderspiellandschaft verloren in düsterer Raumweite) schon zu Beginn Watteflocken und Papierschnipsel herumliegen, als hätte die Detonation, die man sich hier als schleichende Atomisierung vorzustellen hat, in einer dunkel verdämmerten Vorzeit stattgefunden. Was jetzt noch folgen kann, sind Variationen eines Zustandes, Rituale der Nicht-Kommunikation im Gewand eines Beziehungsdramas."Auf dem Land" liest sich, als hätte der britische Autor Martin Crimp, Beckett mit Albee gemischt, vor dem Schreiben Aufputschmittel genommen, um sich aufs richtige Plapperlevel zu tunen und sich mit einer Valium gleich wieder runterzuholen. Es herrscht eine gedämpfte, leer laufende Hysterie. Und weil zu einem Beziehungsdrama aus rein dramaturgischen Gründen drei gehören, lässt der Autor zu Beginn noch die junge Rebecca von Richard ins Haus schleppen. Die hat er am Straßenrand gefunden, sagt er, und als Arzt sei es seine Pflicht, Bedürftigen zu helfen. Rebecca, gespielt von Anna Böger, ist der Erregungskatalysator. Sie wühlt vom Grund der Ehebeziehung etwas auf, biografische Flocken, Splitter einer Vorgeschichte, Alpträume, Reflexe eines Machtkampfes. Vielleicht hatten Rebecca und Richard schon vorher etwas miteinander. Vielleicht war Richard drogensüchtig wie Rebecca und ist mit seiner Frau aufs Land gezogen, um clean zu bleiben. Am Eigentlichen und Eindeutigen gehen die Gespräche beständig vorbei. Nie sind alle drei auf der Bühne. Eine Figur bleibt immer abwesend und bildet in den Dialogen der anderen den Fluchtpunkt. Vielleicht spielt das auch auf dem Planeten Metaphoria? Nur eines ist klar: Das Gespensterhafte der Figuren ist am Schluss noch gespenstischer geworden. Die wahre Hauptfigur dieses Theaterflechtwerks ist die nachwirkende Atmosphäre des Unbehagens, die entsteht, wenn man etwas Abgestorbenes aufrechterhält, weil man seine Vorstellungen vom Glück nicht über Bord werfen kann.Luc Bondy, der Regisseur dieses Abends, der erst in Zürich und jetzt am Berliner Ensemble Premiere hatte, hat sich dem Stück kongenial genähert: als Gespenster-Regisseur. Er klärt nichts, schält keinen Hauptkonflikt heraus, unterstreicht auch nichts. Er ist als Regisseur nicht greifbar, aber wie jedes gute Gespenst jeden Moment zu spüren, als Aroma der Angst und der Verstrickung. Bondy ist das Prinzip Verstecken und als solches hat er sich ganz in seine wundervollen Schauspieler zurückgezogen.August Zirner schleicht und windet sich, hängt an seinen eigenen Schultern wie ein schlaffes Stück Stoff und verheddert sich beim Telefonieren in der Schnur: Das Fleisch gewordene Ausweichmanöver. Anna Böger fällt und taumelt wie ein frierendes Mädchen vom Bahnhof Zoo durch die Landlebenkulisse und redet von Vergil wie ein Junky vom fehlenden Stoff. Überhaupt haben alle Figuren mit ihren verschmierten Bewegungen etwas Junkyhaftes an sich. Und Susanne Lothar ist der Oberjunky. Alle Posen probiert sie an ihrem Mann und der Besucherin aus: Die kindliche Bastlerin, die die Familienwelt in Ordnung halten will. Die Trotzige, die Wahrheit einfordert, die streng Kontrollierende, die zu Tode Empörte und die gnädig Verzeihende. Und alle Posen nimmt sie gleich wieder zurück, während ihre herrenlose Seele im Inneren ihres Körpers hin- und herpoltert wie die nichtgesicherte Einrichtung einer in Seenot geratenen Luxusyacht. So offen und durchsichtig wie bei Susanne Lothar hat man das Verpanzerte und Äußerliche lange nicht mehr auf der Bühne gesehen. So schön hat die Verlorenheit selten gestrahlt.