Corvalan lebt. Der kleine Mann mit dem weißen Vollbart wird im September 93 Jahre alt. Er wohnt in einem kleinen Haus in Santiago de Chile. Unter einer großen grün-weißen Markise empfängt er gern Freunde. Er grillt, liest, trinkt Wein, diskutiert. "Tata Lucho" ist Mittelpunkt einer großen Familie, in der es vor allem Frauen und Mädchen gibt - Nachkommen seiner vier Kinder. Gern scherzt und schmust er mit Catalina, der Kleinsten. Manchmal geht er aus dem Haus, am Stock, eingehängt bei seiner Frau Lily. Vor wenigen Tagen sah man ihn am Sarg von Hortensia Bussi de Allende. Die Witwe Salvador Allendes starb am 18. Juni. Corvalan gehörte einst zu den Vertrauten des chilenischen Präsidenten.Ohne diese Bilder, offenbar von der Familie und Freunden ins Internet gestellt, wüsste man kaum Persönliches über Corvalan. Es bliebe nur die Legende, die einst die Welt bewegte. Als im September 1973 das Militär unter Pinochet gegen die Regierung Allendes putschte, verhaftete sie auch Corvalan, den Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Eine Bewegung für seine Befreiung entstand, initiiert von den sozialistischen Staaten. Sein Gesicht erschien auf unzähligen Plakaten. Lieder wurden auf ihn gesungen. DDR-Kinder schickten Millionen Postkarten nach Chile. Und eines Tages, 1976, war er plötzlich frei. Dass die Sowjets ihn gegen den russischen Dissidenten Wladimir Bukowski ausgetauscht hatten, verschwieg man. So oder so: Ohne Druck wäre auch das kaum gelungen. Corvalan erholte sich in der DDR, lebte dann in der Sowjetunion. 1989 kehrte er nach Chile zurück, wo er aber politisch nur noch eine Randfigur war.Heute gehört er noch immer dem KP-Zentralkomitee an. Er geht zu Sitzungen, schreibt Bücher. Für sein Buch "Das andere Deutschland, die DDR" (2001) interviewte er Margot Honecker. Mit der in Santiago lebenden Witwe des DDR-Staatschefs ist er befreundet. Wie viele seiner Landsleute dankt er dem ostdeutschen Staat bis heute, dass er damals die Verfolgten aufnahm. "Die Kommunisten und die Demokratie" heißt sein neuestes Buch (2008). Er plädiert darin für eine Gesellschaft auf Grundlage einer neuen sozialen Bewegung und fordert unter anderem die Wiederverstaatlichung des chilenischen Kupfers.Viele Tragödien musste Corvalan erfahren. Eine der schmerzlichsten war die um seinen Sohn Luis Alberto. Dieser war 26 Jahre alt, als ihn die Militärs 1973 verhafteten. Corvalan hatten sie noch nicht, und so folterten sie Luis Alberto im Nationalstadion. "Wo ist dein Vater?" wollten sie wissen. Er sagte kein Wort. Elf Monate später - Corvalan war längst in Haft - entließen sie Luis Alberto, der mit Frau und Kind nach Bulgarien ausreiste, sich aber nie mehr erholte. Er starb 1976 - wenige Tage, bevor Corvalan selbst frei kam.Corvalan hat Pinochet, seinen schlimmsten Feind, überlebt. Es tut gut, heute die Bilder des alten Mannes und seiner großen Familie zu sehen. ------------------------------Foto: Luis Corvalan, ehemaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles