Der alles erklärende Satz fällt kurz vor Schluss dieses viereinhalbstündigen Abends: "Ich bin", stöhnt ER in sein vor den Mund geschnalltes Mikrofon, "aus Trieb und Glaube gemacht, ein verdammter Mischling." ER ist das Zentralgestirn, herausgedampft aus den vier Molière-Stücken "Der Menschenfeind", "Don Juan", "Tartuffe" und "Der Geizige", die hier zu einem Text geworden sind: "Molière. Eine Passion", geschrieben von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Regisseur Luk Perceval. ER ist: Thomas Thieme, die Gestalt gewordene Nachtseite der Vernunft. Thieme fängt dort an, wo er in "Schlachten!", Luk Percevals gefeierter Shakespeare-Marathon von vor acht Jahren, aufhörte. Damals starb Thieme als Dirty Richard, jetzt steht er als Menschenfeind wieder auf.Die "Nachtseite der Vernunft" ist auch das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele, das Jürgen Flimm ihnen in seinem ersten Intendanten-Jahr verpasst hat. Bei "Moliere" wird die Vernunft zur Leidensgeschichte: Ein Mann glaubt an die Liebe ("Menschenfeind") und wird von seinen Trieben heimgesucht ("Don Juan"), worauf er sich in religiöse Fantasien stürzt ("Tartuffe"), um schließlich im Geiz zu ersticken. ER sehnt sich nach Erlösung und findet das "kalte Nichts". Das ist die Essenz dieser Veranstaltung: Jede Sehnsucht bliebt ungestillt, alle ungestillte Sehnsucht stiftet Unheil. Eine unwiderlegbare Erkenntnis. Mit Thieme, der nie schauspielert, sondern seine Wut zelebriert. Ein Fleischberg von Mann mit einer Zornesstimme wie aus der Unterwelt. Er spricht nicht, er grunzt und gurrt, er mault und stammelt. Und manchmal flüstert er. Dann ist sein Seelenschrei am lautesten zu hören.Der Abend hat drei Teile, die allesamt der strengen Dramaturgie einer Verfalls- also Passionsgeschichte gehorchen: aus einem Welthasser wird ein Zyniker, aus einem Liebessuchenden ein Liebesverächter. Am Schluss sitzt Thieme in Windeln gewickelt auf der leeren Bühne von Katrin Brack. Das letzte Wort des Verlassenen ist "Mutter".Über allem fällt dabei immerfort Theaterschnee aus dem Schnürboden. Er bedeckt die großen Boxen und Menschen, hüllt ein, versteckt. Sieht berückend sentimental aus. Ruft lauter Sehnsüchte hervor. Schnee. Schnee. Schnee.Es gab im Vorfeld der Inszenierung einige Aufregung. Eine Fotoprobe wurde abgesagt, um der Boulevard-Presse kein Futter zu liefern. Man stellte sich im ängstlichen Salzburg auf Publikumsproteste uns Skandalgeschrei ein. Nichts dergleichen geschah. Thieme sitzt onanierend auf der Bühne, die Zuschauer lächeln müde. Es wurde zum Schlussapplaus auf der Perner Insel in Hallein, eine halbe Zugstunde von Salzburg entfernt, freundlich geklatscht und ein bisschen gebuht.Der Inszenierung fehlt es an Zündstoff. Sie umkreist den immer selben Punkt: "Liebe ist Papperlapapp. Liebe ist, wenn ich die Liebe verfehle ganz knapp.", sagt ER. Dass er in Reimen seine Wahrheiten verkündet, gehört zum Konzept: ER ist der wandelnde Widerspruch. Der Abend liefert unzählige Liebesdefinitionen, die alle stimmen und nicht stimmen. Und Perceval inszenierte nur dies: das Fehlen einer letztgültigen Antwort auf die Frage, was die Liebe sei.Und die anderen im Ensemble? Sind Figurenverschnitte, die sich die Rollen wie Mäntelchen überhängen. Karin Neuhäuser hat das Zeug zum Anti-Thieme, Thomas Bading darf ironisch "Scheiße!" sagen, Patrycia Ziolkowska deutet Melancholie an. Sie alle umlagern den Thieme-Berg wie ehrfürchtige Wanderer den unerreichbaren Gipfel.Molière. Eine Passion. 31. Aug., 1., 2., 8., 9., 16., 22., 23. Sept., Schaubühne------------------------------Thomas Thieme ist die Gestalt gewordene Nachtseite der Vernunft.

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