Wenn der Bundeskanzler Pech hat, findet er bald einen toten Soldaten auf seiner Türschwelle. Axel M. zum Beispiel, der mit zittriger Hand in seine Krankenakte eintrug, es gehe ihm "sehr schlecht". Axel M. gehört zu mehr als 800 krebskranken Ex-Militärs, die das Verteidigungsministerium verklagt haben, weil sie ihr Leiden auf den Dienst an tödlich strahlenden Radargeräten zurückführen. Jahrelang hatten diese Männer für die Bundeswehr, die Nato oder die DDR-Volksarmee die Überwachungstechnologie des Kalten Krieges bedient. Leukämie, Hodenkrebs und missgebildete Kinder seien der Lohn für den Einsatz gewesen, ohne dass der Staat sich darum schere, kritisiert der "Bund zur Unterstützung Radargeschädigter". Die Radaropfer klagten. Vor Gericht und auch in der Talkshow von Jürgen Fliege. Der Fernsehpastor zeigte sich so empört über das Schicksal der Soldaten, dass er vorschlug, sie sollten ihren nächsten Krebstoten auf den Treppen des Kanzleramtes niederlegen. Fliege selbst will ihn dort einsegnen. "Ich würde mich als Anwalt an einer solchen Aktion nicht beteiligen, aber ich verstehe die verzweifelte Empörung meiner Mandanten", sagt Reiner Geulen. In der kleinen Küche seiner Kanzlei in Charlottenburg blickt er auf ein meterlanges Krankenarchiv. Der 59-jährige bekannte Anwalt hat sich der Radarklagen angenommen. Zuvor verhinderte er juristisch Atomkraftwerke und Bombenabwurfplätze, vertrat Opfer von Menschenrechtsverletzungen in Argentinien. Alles in allem schlug Geulen als Friedensaktivist, Umweltjurist und politischer Weggefährte Joschka Fischers den entgegengesetzten Lebensweg der Adenauer-Rekruten ein, die er heute vertritt. "Die Biografie dieser Männer ist auch meine", sagt er dennoch und meint damit, dass die Soldaten und die APO beide Produkte des damaligen Blockdenkens waren. Aus diesem Grund auch will er den kranken Kameraden Genugtuung verschaffen, selbst wenn er zu einem äußerst umstrittenen juristischen Mittel greifen muss: Der Entschädigungsklage. Geulen hat aus den Radar-Fällen eine amerikanische Sammelklage gemacht, zu einem Fall ähnlich wie die Entschädigungsprozesse für Nazi-Zwangsarbeiter also, wenn auch in sehr viel kleinerer Dimension. Immerhin waren es amerikanische Unternehmen, die die gefährlich strahlenden Geräte herstellten. Die Soldaten wurden in amerikanischen Trainingslagern im Umgang mit der Technik ausgebildet, angeblich aber nicht ausreichend in Schutzmaßnahmen. Pfusch beim Bau, Pfusch bei der Aufklärung, lautet daher die Anklage, die Geulen mit Hilfe der Kanzlei Berger & Montague aus Philadelphia seit Oktober gegen Konzerne wie General Electric in drei US-Bundesstaaten vertritt. Rund 500 Millionen Euro möchte der Berliner Jurist gerne für seinen Mandanten herausholen, mindestens aber eine Million Euro für jeden der 450 Soldaten, die er in dieser Sache vertritt. Die US-Sammelklage ist unabhängig von der in Deutschland eingereichten Klage gegen die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium, bei der am 16. Oktober die erste Entscheidung am Landgericht Frankfurt/Oder für frühere NVA-Soldaten fallen könnte. Ihre Wurzeln haben die hohen Kompensationen in den USA historisch ebenfalls in politischen Idealen und in der Bürgerrechtsbewegung. Die so genannten "class actions" halfen ab den Sechzigern, die Rechte von Minderheiten auf Bildung und Gleichbehandlung durchzusetzen. Die schiere Masse der Kläger wog dabei ihre machtlose Stellung gegenüber dem geltenden Recht oder mächtigen Institutionen auf. Die Theorie klingt nach wie vor gut: Warum nicht Kompensation für die Apartheid-Opfer in Südafrika einklagen? Dies gehört zu den Projekten des New Yorker Staranwalts Ed Fagan, der durch die ganze Welt gereist war, mehr als 80 000 frühere Nazi-Zwangsarbeiter oder ihre Hinterbliebenen aufspürte und die deutsche Wirtschaft erfolgreich unter Druck setzte, einen Fonds aufzulegen. Oder warum nicht die PLO für Sprengstoffattentate belangen? Dies ist die Wunschvorstellung von Michael Witti, Fagans Korrespondenzanwalt in Deutschland. "Stellen Sie sich vor, nach einem Anschlag werden in der Europäischen Union sämtliche Gelder für die palästinensische Selbstverwaltung eingefroren. Sie machen Arafat, der die Attentate zumindest duldet, den Zivilprozess und geben das Geld den Opfern", sagt Witti. Der 45-Jährige hat die Zwangsarbeiter-Klage mit vertreten. Er ist erfolgreich an den US-Klagen gegen den Pharma-Riesen Bayer nach dem Lipobay-Skandal beteiligt, bei denen der Konzern sich inzwischen zu außergerichtlichen Vergleichen für Patienten bereit erklärte. Auch für die von ihm vertretenen Hinterbliebenen des Flugzeugzusammenstoßes über dem Bodensee im Sommer 2002 zeichnet sich nach Wittis Angaben ein Entschädigungsfonds ab, der von der Schweiz, der Bundesrepublik und den Flugsicherungsgesellschaften beider Länder getragen werden könnte. Doch offen gibt der Anwalt zu: "Das Geschäft mit den Sammelklagen erfolgt nicht aus purem Altruismus. Alle, die etwas Anderes sagen, lügen. Ich fühle mit meinen Mandanten, aber am Ende bin ich Unternehmer."Tatsächlich haben die Sammelankläger durch Männer wie Witti ihr altes Robin-Hood-Image verloren. Manche gelten sogar als Elends-Profiteure, als Alchemisten, die mit anrüchigen Methoden arbeiten und viel Dreck anfassen, um Gold zu gewinnen. Fagan zum Beispiel steht im Ruf, Katastrophenfälle regelrecht zu suchen und sich auf Kosten der Opfer zu profilieren. Er habe mit seinen aggressiven Methoden den meisten Prozessen mehr geschadet als genutzt, sagte der Washingtoner Jurist Michael Hausfeld der Süddeutschen Zeitung. Hausfeld selbst ist hoch angesehen, seit er eine historische Rassismusklage gegen den Ölriesen Texaco gewann und nach dem Tankerunglück der Exxon Valdez die Interessen der Ureinwohner an der ölverseuchten Küste Alaskas verteidigte. Doch der Vorwurf, dass Anwälte wie Fagan und Witti sich am Leid der Opfer bereichern wollten, ist nur der populärste und kurzfristigste. Die Ausbreitung der Sammel- und Entschädigungsklagen sorgt noch für ganz andere juristische und gesellschaftspolitische Probleme. Zum Beispiel gibt es in Deutschland keine Entsprechung für die US-Verfahren. Zwar wurden hier zu Lande gerade die Regelungen zum Schmerzensgeld reformiert und erweitert, doch dass deutsche Anwälte sich der amerikanischen Rechtspraxis bedienen und die Rechtsnormen de facto aufweichen, sorgt für Ärger im Bundesjustizministerium. Verträge und Abkommen mit den USA hakten in letzter Zeit an Auseinandersetzungen um diese Problematik, sagt die Behördensprecherin Maria Strasser. Sie misstraut generell dem neoliberalen Gerechtigkeitsverständnis, das mit den Entschädigungsklagen einhergeht. "Es gibt andere Möglichkeiten, Unrecht anzuprangern, und man sollte sie nicht mit privaten Ansprüchen vermischen."Wenn die Klagen auch hier Mode werden, könnte tatsächlich eine neue Prozesskultur die alte Protestkultur der Demonstrationen, Bürgerinitiativen, Vereine und Parteien in Deutschland verdrängen. Laien blicken in der komplizierten, hoch spezialisierten Fach-Juristerei nicht einmal ansatzweise durch. Ihren größten Effekt aber hat das Phänomen auf die ohnehin angeschlagene internationale Wirtschaftsdynamik: "Class actions" sind die juristische Achillesferse der unternehmerischen Expansion. Wer sich als Global Player mit Firmensitzen in USA und Hongkong brüstet, der muss damit rechnen, nach dortigem Recht zur Kasse gebeten zu werden. Shira A. Scheindlin wäre die Letzte, die dem widerspräche. Der New Yorker Richter ließ zu aller Überraschung grundsätzlich zu, dass Fagan und Witti eine Sammelklage wegen des Seilbahnunglücks in Kaprun anstrengen durften. Inzwischen sind Witti zufolge zwei Klagen gegen Siemens und Bosch Rexrodt in den USA anhängig. Das New Yorker Urteil vom 6. August 2002 schrieb Rechtsgeschichte: Es erklärte einen Unfall in Österreich, bei dem vor allem Europäer starben, und bei dem wegen möglicher technischer Fehler eine deutsche Firma auf der Anklagebank sitzt, zur amerikanischen Angelegenheit. Weil neben rund einhundert Deutschen und Österreichern auch mindestens sechs US-Bürger ums Leben kamen, barg der Fall für Richter Scheindlin ein berechtigtes nationales Interesse. Zudem definierte er Siemens als eine New Yorker Firma, da der Technologiekonzern ein "substanzielles und fortlaufendes Geschäft" in der Stadt betreibe, am Stock Exchange notiert sei und selbst Klagen vor Ort führe. Die Klage sei "ein Teil des Preises, der von Firmen zu Recht verlangt werden kann, wenn sie ausgiebigen internationalen Handel betreiben". Wenn die Begründung Schule macht, könnten Sammelklagen weltweit Unternehmen oder sogar ganze Wirtschaftsbranchen bedrohen, wie es in den USA spätestens seit den Tabak-Klagen der Fall ist. Die Anwälte zerbrechen sich darüber nicht den Kopf. "Eine Folge der Globalisierung ist selbstverständlich auch die Globalisierung von Schadensersatzklagen", sagt Geulen. Doch weder er noch Witti sehen sich als heimliche Unterstützer von Attac, die die Macht der Unternehmen brechen wollen. "Für mich stellt sich die Frage auf dieser Ebene nicht", so Geulen. "Zu mir kommen Mandanten, und ich verschaffe ihnen Recht. Das ist die Form, wie ich mein Engagement lebe." Witti meint: "Ich führe ein Unternehmen, das sich auf Großschäden spezialisiert hat. Ich habe das gleiche Ziel wie jede Aktiengesellschaft: Profit." Jüngst kamen die Sudetendeutschen auf Witti zu, um eine Klage für ihre Rückübertragungsansprüche zu sondieren. Der Anwalt brachte der Idee Sympathie entgegen, zumal er sich mütterlicherseits selbst halb zu den Vertriebenen zählt. Es störe ihn, "dass die Tschechen und die Polen auf der einen Seite alle Ansprüche gegen sich ablehnen, auf der anderen Seite aber die Bundesrepublik mit ihren Forderungen auf Wiedergutmachung unter Druck setzen". Sei die Osterweiterung der Europäischen Union erst vollzogen, könnten die Sudetendeutschen die Sache vergessen. Dennoch zögert er, den Fall zu übernehmen, weil er ihm politisch zu heikel ist. Der Kanzler hat Glück gehabt. Vorerst wenigstens.Ich führe ein Unternehmen, das sich auf Großschäden spezialisiert hat. Ich habe das gleiche Ziel wie jede Aktiengesellschaft: Profit.DPA/BORIS HORVAT Wenn die Klagen auch hier Mode werden, könnte eine neue Prozesskultur die alte Protestkultur der Demonstrationen, Bürgerinitiativen, Vereine und Parteien verdrängen.