Am adretten Marktplatz von Eisleben mit Siemerings Lutherdenkmal scheint die Welt noch in Ordnung. Doch nur wenige Schritte entfernt sieht man Häuser mit vermauerten Fenstern neben Brachen; Bevölkerungsschwund und Strukturschwäche lassen ganze Straßenzüge veröden. Eisleben hat es bitter nötig, seinen touristischen Trumpf ins Spiel zu bringen - die Tatsache, dass Luther hier geboren und gestorben ist. Die Einweihung von Luthers Geburtshaus am Freitag weist da in die richtige Richtung.Im Gegensatz zum Sterbehaus steht das Luthergeburtshaus wahrscheinlich am historisch richtigen Ort - auch wenn es sich um einen Neubau von 1693 handelt. Ein neuer Ausstellungshalle und ein Verwaltungsbau nach Entwürfen des Berliner Büros Springer Architekten weitet nun das Areal mit dem Geburtshaus und der 1819 von Friedrich Wilhelm III. gestifteten neogotischen Lutherarmenschule zu einem eindrucksvollen Ensemble. Zugleich endet mit der Einweihung die erste Etappe der Stadtsanierung für die Internationale Bauausstellung Sachsen-Anhalt 2010.Die Bauaufgabe war heikel. Die historischen Gebäude stehen ebenso unter Denkmalschutz wie Friedrich Stülers Hofgestaltung von 1867. Auf der Nachbarparzelle entstand nun der geschickt eingepasste, an Schule und Geburtshaus andockende Ausstellungsbau. Seine Klinkerfassade imitiert die Optik der benachbarten Nutzgebäude; erst auf den zweiten Blick deuten das zinkgedeckte Satteldach, einzelne monumentale Wandöffnungen mit teils rhythmisierten Betonlamellen und auch die handwerkliche Perfektion auf die Gegenwart.Erst recht im Inneren erweist sich die architektonische Qualität. Gelaugtes Eichenparkett geht mit Ziegelwänden, rohem Beton und Stahl eine kühle, aber elegante Symbiose ein. Eine vielgestaltige, zuweilen verspielte Treppenführung, Galerien und Durchbrüche ins Obergeschoss verstärken den Raumeindruck. Großfenster öffnen den Blick auf die Nachbargebäude, haben aber den Nachteil, dass statt empfindlicher Originalgrafik teils Faksimiles gezeigt werden müssen. Die neu konzipierte Ausstellung bettet Luthers Familiengeschichte in ihren spätmittelalterlichen Kontext ein.Auch das historische Geburtshaus zeigt eine komplett erneuerte, eher karg wirkende Innengestaltung. Die Wände sind im Detail etwas zu farbig geraten; die Denkmalpflege scheint sich hier zurückgezogen zu haben. Einzelne Elemente wie die Wendeltreppe zum Dachboden weisen auf die Formensprache des Neubaus. Eine anspielungsreiche Neuausstattung wurde dem vermeintlichen (in Wahrheit nicht lokalisierbaren) "Geburtszimmer" zuteil. Grob gezimmerte Bauernmöbel erinnern an eine Puppenstube; das "Highlight" ist die neu geschaffene Wiege des kleinen Martin mitsamt Säuglingsgeschrei aus der Klangstation. Frühere Gedenkkonzepte, die, etwa im Sterbehaus, ganz auf eine möglichst "authentische" Remöblierung setzten, werden hier ironisch gebrochen. Museale Vorstellungen des 19. und des 21. Jahrhunderts treten so in einen Dialog, genauso wie alte und neue Architektursprachen.------------------------------Foto : Hier in Eisleben kam Luther 1483 auf die Welt.