Vier junge Leute unternehmen einen Ausflug in die Stadt. Es soll ein Tag mit Spaß, Shopping und wohl auch Sex werden. Am Schluss ist ein Mädchen tot, das andere schwer verletzt, und zwei türkische Jungs sitzen im Gefängnis. Nach dem Vorbild des Hagener Parkplatzmordes 2004 hat Lutz Hübner "Ehrensache" geschrieben. Die Mutter des in Hagen umgebrachten 14-jährigen Mädchens fürchtete um das Andenken ihrer Tochter und ging gerichtlich gegen das Stück vor, "postmortaler Ehrenschutz" lautet der juristische Begriff. "Ehrensache" wurde erst verboten, dann wurde das Verbot in höherer Instanz im Januar 2008 wieder aufgehoben. Man berief sich auf den fiktiven Charakter des Stücks, dessen Erschütterungskraft sich ganz erheblich aus der Authentizität speist.In der Vaganten Bühne hat Folke Braband das Stück mit einem Minimum an Ausstattung inszeniert: Vier Stühle und eine große Leinwand, auf der die Rückblenden als Filme zu sehen sind. Die Laien-Schauspieler sind um die zwanzig Jahre alt und geben ihren Figuren eine starke, ungeschützte Nachdrücklichkeit. Charlene Schimek spielt die selbstbewusste, umtriebige Elena, die umgebracht wird, weil sie sich den männlichen Moralvorstellungen nicht unterwerfen will. Lena Mendelson als ihre beste Freundin Ulli ist eine viel umgänglichere und etwas passivere Person, die mit Elena deren zahlreiche Verehrer gern foppt und auch sonst keinen Klamauk auslässt, sich dann jedoch wieder nach ihrem ruhigen Elternhaus sehnt. Mohamed El-Asmer als Sinan macht den Pausenclown, der die Mädels amüsieren und die Stimmung auflockern soll - ein zappeliges Bürschchen, das gern in die Türkei ziehen würde und sich von den "Proleten, so ganz Dumme, weißt Du", in seiner Hauptschule distanziert. Mustafa Jouni als Cem ist der negative Held des furchtbaren Geschehens, ein bornierter Macker, wie er im Lehrbuch steht, und unter der glatt polierten Fassade und der gepflegten Frisur nichts als ein erschreckender Hohlkopf. Cem teilt die Frauen in Schlampen ein, die man fertigmachen kann, und in solche, die man seiner Familie vorstellen und heiraten möchte. Weil er einen Job und einen BMW hat, hält er sich für eine gute Partie.Als Elena darüber lacht und nichts mehr von ihm will, obwohl sie miteinander geschlafen haben, ja, als sie ihm durch ihre angebliche Schwangerschaft Angst einjagt, bringt er sie mit unzähligen Messerstichen um. Ulli, die von Sinan attackiert wird, kommt davon. In Gesprächen mit dem Psychologen Kobert (Stefan Lochau) erzählen die zwei Türken ein wenig über ihre Ehrbegriffe und Werte, die mit der westlichen Gesellschaft, in die beide hineingeboren wurden, wenig zu tun haben. Siebzig Minuten dauert diese knallhart gelungene Aufführung, die das Theater als Diskussionsforum anbietet - für alle.------------------------------Wieder am 7., 8. April, 20 Uhr, Vaganten-Bühne, Kantstr. 12a, T.: 312 45 29------------------------------Foto: Geküsst, gelacht, getötet - Elena gerät mit Cem aneinander.

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