Ein Kind krabbelt um ein graues Kreuz herum. Seine Eltern sitzen unter einem mühlradgroßen Leuchter, blättern in Büchern und trinken Milchkaffee, Koffie verkeerd. Und irgendwie verkehrt wirkt die ganze Szenerie. Denn wir befinden uns an einem Ort, an dem sich Dominikanermönche im 13. Jahrhundert früher zur Andacht versammelt haben. Weil in Maastricht aber an beeindruckenden Gotteshäusern kein Mangel herrscht, wird selbst die älteste gotische Kirche der Niederlande profan genutzt. Der unscheinbare Bau nahe des Vrijthofs ist seit vier Jahren ein Buchladen der Kette Selexyz, und zwar nicht irgendeiner, sondern der schönste der Welt. Das behauptet zumindest der britische Guardian. "A bookshop made in heaven", schrieb die Zeitung über das Bücherparadies, das schon beim ersten Schritt zum Lesen verführt. Wie in England, wie in eine andere Zeit versetzt, fühlt man sich. Selbst in Sylvesternächten, sagt der Filialleiter Ton Harmes, klopfen nun Bibliophile, Architekturliebhaber und Besucher aus aller Welt an die Kirchentür. 700000 sind es jährlich -kein Wunder, bei dem sensationellen Blick auf die Apsis und auf die Bücher in schwindelerregender Höhe.Ein nüchterner Kontrast zur heiligen Halle, der Kirchenhülle, soll das Gerüst sein, eine raffinierte Konstruktion, für die das Amsterdamer Architektenbüro Merkx + Girod 2007 den Dutch Design Award erhielt. 50000 Bücher sind auf drei Etagen in die Höhe gestapelt, einem schwarzen Regalsystem, das auch mühelos wieder abgebaut werden könnte. Dann sähe die Kirche aus wie vorher, ein Denkmal, das es zu schützen gilt. Aber auch zu nutzen.Nicht immer geschah das mit Respekt vor dem Ort: Die Kirche war im Laufe der Jahrzehnte schon Boxring, Pferdestall, Kaserne. Leitern und Schläuche lagerte die Feuerwehr im Kirchenschiff. Und Ende des Zweiten Weltkriegs, schreibt Rainer Moritz im Buch "Die schönsten Buchhandlungen Europas" (Gerstenberg), wurden sogar Tote hier identifiziert. Handballerinnen trugen ein Länderspiel aus. Abitur und Führerscheinprüfungen wurden abgelegt. Kinder, Teenager feierten Karneval, viele bekamen den ersten Kuss unter den Fresken des gotischen Gewölbes. Manche, glaubt Ton Harmes, pilgern auch deshalb her, aus rein sentimentalen Gründen.Noch imposanter und gewagter ist es, eine gotische Kirche und ein Kloster des Kreuzherren-Ordens in Maastricht zum Luxushotel umzubauen. 2005 eröffnete Camille Oostwegel sein Kruisherenhotel, eines der teuersten Häuser des Landes, fast 400 Euro kostet ein Zimmer, ohne Frühstück. Allerdings ist es -vom Gault Millau gerade als Hollands "Hotel des Jahres" gekürt -auch eines der besten. Was auch an Entwürfen des deutschen Lichtdesigners Ingo Maurer liegt: Jeden Gast schickt er durch einen angestrahlten Kupfertunnel wie durch einen Zeitkanal. Innen überrascht die Mischung aus Alt und Neu. Auf der Herrentoilette leuchtet Maurers Hologramm-Glühbirne. Und über dem Restaurant im Kirchenschiff hängen Ringe aus elek- trochromem Glas, durch unterschiedliche Stromspannung ändern sie die Farbe. Abends schimmern die Scheiben zartgrün, morgens violett. Nicht nur Stimmungen lassen sich damit zaubern, auch der Schall wird gedämpft. "Sonst würde man an der Rezeption jedes Wort verstehen", sagt Gastheer Toni Ruber. Die gewaltige Kirche aus dem 15.Jahrhundert wirkt außerdem kleiner, behaglicher, die eingezogene Empore wie ein Ess-Balkon zwischen Himmel und Erde.Kein Gast sollte sich beklommen fühlen wie in einem Gotteshaus, war das Ziel Oostwegels. 2000 stieß er zufällig auf die Kirche, die seit 19Jahren leer stand, ließ sie von Architekt Henk Vos umbauen. Weil der nichts am Gebäude ändern durfte, baute er ein neues hinein. Das weiße, riesige Ei, in dem sich das Büro heute befindet, soll ein Symbol sein für die Wiedergeburt der Kirche.Als die Franzosen Maastricht Ende des 18.Jahrhunderts eroberten, vertrieben sie die Kreuzherren, die im Mittelalter mit dem Binden und Kopieren von Büchern ihren Unterhalt bestritten und während der Pestepidemien Kranke pflegten. Als die Mönche gingen, wurde die Kirche zum Pferdestall und zum Munitionslager französischer Soldaten. Postsortieramt, Warenprüfstelle, Turnhalle, selbst Labor war sie schon. 1921 zog die Staatliche landwirtschaftliche Versuchsanstalt ins Kloster. Zuletzt probte das Ensemble der Opera Zuid hier.In den vier schönsten der 60 Zimmer des Klostertrakts schläft man hinter bunten Bleiglasscheiben. Dort spürt man einen Hauch von Klausur, Abgeschiedenheit am ehesten. Obwohl kein Kreuz hier hängt, keine Bibel auf dem Nachttisch liegt, nur ein Gedichtband. "Jeder ist willkommen, egal, was er glaubt", sagt Gastheer Ruber.Ist es ein Sakrileg, aus der Kirche ein Luxushotel zu machen? Eigentlich, sagt Ruber, werde doch nur fortgesetzt, was neben Andacht und Beichte früher auch üblich war: lesen, essen, schlafen. "Als Pilger", sagt er, " konnte man hier in der Kirche übernachten." Nur nicht auf so hohem Niveau wie heute.Wer Ruhe und Besinnung sucht, findet sie im Kreuzgang und im Klosterhof, den Ingo Maurer mit Ellipsen aus weißem Zement und sprudelnder Lichtsäule ausgeleuchtet hat. Geschickt verbindet Kloster und Kirche ein neun Meter hoher gläserner Aufzug. Das Kruisherenhotel ist ein Kleinod für Designfans, mit all den Möbeln von Rietveld, Le Corbusier, Eames, Newson, Starck, dem gläsernen Weinkeller, der Bar aus rotem Samt und den Seitenkapellen, heute Lounge-Ecken mit roten Gerbera in weißen Vasen und Ledersesseln in Orange. Ein Fresco zeigt die Heilige Gertrudis, die Schutzpatronin der Reisenden. Das Gros der Gäste sind Wochenendurlauber und Geschäftsleute, die für sich bleiben wollen.Goldfisch zu mietenWer Gesellschaft braucht, ist besser im günstigeren Designhotel Townhouse auf der anderen Seite der Maas aufgehoben. Hier gibt es zur Begrüßung in der Lobby warme Suppe, gratis. In jedem Zimmer stehen Vintage-Möbel, die Maastrichter gespendet haben. Vor der Eröffnung im Dezember 2009 kannten viele nur den Slogan des neuen Hauses: "Soup, Sex and Style". Wie eine Wohnzimmerküche wirkt die Lobby, alle frühstücken hier an einem Tisch. Wer dort keinen Anschluss findet, kann sich für 3,50 Euro einen Goldfisch mieten -"vis te logée", stille Gesellschaft im Glas.Wer einen echten Ort der Andacht sucht, findet ihn in Maastricht, aber auch in der St. Servatius-Basilika und in der Liebfrauen-Basilika. Abends brennen in der Seitenkapelle Kerzen vor einer Marienskulptur, die "Sterre der Zee" (Stern des Meeres) heißt, einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der Niederlande. Für manche Menschen eben müssen Kirchen leer bleiben, um Ehrfurcht zu erzeugen. So, sagen sie, sind sie entworfen, und nicht, um gefüllt zu werden mit Büchern, Tischen, Betten.------------------------------SERVICESchlafenTownhouse: Designhotel mit Vintage-Charme in der Altstadt, DZ/FR ab 74 Euro, Sint Maartenslaan 5, Maastricht.www.townhousehotels.nlKruisherenhotel: Luxuriöses Designhotel im umgebauten gotischen Kloster, DZ ab 355 Euro, Lastminute ca. 199 Euro. Kruisherengang 1923, Maastricht.www.chateauhotels.nlLesenSelexyz Dominicanen: 25000 Bücher im Dominikanerkloster, bester Kaffee der Stadt im früheren Altarraum. Dominikanerkerkstraat 1.www.selexyz.nlWeitere InfosFremdenverkehrsamt Maastricht, Kleine Staat 1, Maastricht. Tel. 0031/433252121. www.vvvmaastricht.eu------------------------------Karte: MaastrichtFoto: Dinieren statt beten: Hotelrestaurant des Kruisherenhotel (links). Der vielleicht schönste Buchladen der Welt: das Selexyz Dominicanen (rechts).