LISSABON Desenrascanço ist ein schwieriges Wort, nicht nur für den Ausländer. Am besten, man schneidet es in Scheiben und versucht es häppchenweise: Des-en-ras-can-ço. Schwer verdaulich ist es auch dann noch, und entsprechend selten wird es im täglichen Sprachgebrauch benutzt. Doch es bezeichnet eine angeblich charakteristische Eigenart der Portugiesen.Was Desenrascanço ist? Wenn Freunde überraschend zum Essen kommen und eigentlich nichts im Kühlschrank ist, wird "desenrasciert". Dann gibt es zum Beispiel Nudeln mit Öl. Desenrascanço herrscht auch, wenn gerade keine Nägel zur Hand sind und das Bild notdürftig mit Klebeband an der Wand befestigt wird. "Improvisieren", schlage ich als Übersetzung vor, aber mein portugiesischer Gesprächspartner schüttelt den Kopf. Auch das deutsche "Durchwurschteln" treffe es nur halb.Im Wörterbuch finde ich "entwirren, von Hindernissen befreien, aus der Klemme helfen". Aber auch das akzeptiert er nicht. Desenrascanço sei nämlich - genau wie die ungleich berühmtere Saudade - eines jener portugiesischen Konzepte, die sich nicht in andere Sprachen transferieren ließen.Die Internet-Recherche fördert Erstaunliches zutage. Desenrascanço werde schon seit Jahrhunderten informell an portugiesischen Universitäten, in der Armee und der Marine gelehrt, heißt es da. Es ist demnach das Gegenteil von Planen; vielmehr die Fähigkeit, eine unvorbereitet auftretende Situation ohne entsprechende Ausbildung, Handwerkszeug oder Fachwissen zu meistern. Allein mit Einfallsreichtum und Fantasie.Angeblich soll diese Eigenart mit den Ausschlag gegeben haben für die Entscheidung von Siemens, Entwicklungs- und Ingenieurbüros in Portugal zu eröffnen. Und auch die bedeutende Rolle der portugiesischen Seefahrt im 16. Jahrhundert wird mitunter auf die Fähigkeit zurückgeführt, Schiffsreparaturen auch ohne das entsprechende Handwerkszeug durchführen zu können.Das Erstaunlichste aber ist das: Als Paradebeispiel des "Desenrascateurs" wird MacGyver aufgeführt - jener TV-Serienheld aus den USA der Achtzigerjahre, der im Auftrag einer ominösen Forschungsorganisation um die Welt reiste, dabei Bomben mit Büroklammern entschärfte und sich allein mit Klebeband und Schweizer Messer aus allerlei unliebsamen Situationen befreite. Ein nordamerikanischer Supermann mit einer portugiesischen Weltanschauung: Willkommen im Global Village!