Wir schreiben das Jahr 20 nach dem Mauerfall. Die Wirtschaftskrise beherrscht das Land. In westdeutschen Randgebieten wächst der Unmut über die neuen Bundesländer: Während der Osten über die höchste Spaßbad-Dichte Europas verfügt, stürzen im Westen ganze Stadtarchive ein. Welch fruchtbarer Boden für die Propaganda des Satiremagazins Titanic! Um die "endgültige Teilung Deutschlands" durchzusetzen, gründete der frühere Chefredakteur Martin Sonneborn 2004 die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI). Ihr politisches Ziel hat der PARTEI inzwischen über 8 000 Mitglieder verschafft, darunter nicht nur Satiriker: Immerhin jeder neunte Bundesbürger wünscht sich laut Forsa-Umfragen die Mauer zurück.Einige davon hat Sonneborn beim Dreh seines letzten Dokumentarfilms "Heimatkunde" (2008) kennen gelernt. Für ihn bereiste er den Berliner Speckgürtel und traf ehemalige DDR-Bürger. "Heimatkunde"-Regisseur Andreas Coerper hat auch alle Aktionen der PARTEI für die gleichnamige Dokumentation begleitet. So filmte er, wie Wessis vor dem maroden Krefelder Stadtbad Fotos vom brandenburgischen Tropical Island gezeigt werden. "Da fließt also unser Geld hin!" empört sich eine Wählerin. "Sind Sie etwa von den Grünen?" schallt es den PARTEI-Mitgliedern dagegen in Dresden entgegen, als sie den Abriss der Frauenkirche fordern.Die Reaktionen sind das Bemerkenswerteste an der 100-minütigen Realsatire. Man fragt sich, was schlimmer ist: die Humorlosigkeit jener, die sich furchtbar über die Satiriker aufregen, oder die Tatsache, dass einige den Spaß wirklich ernst nehmen. Nach der "populistischen Maßnahme", 2004 mit Hilfe der hessischen IG Bau tatsächlich ein Stück Mauer aufzubauen, habe es "sehr viele Neueintritte" in die PARTEI gegeben, heißt es im Film. Zwischen Archivaufnahmen hat Coerper Interviews mit Zeitzeugen, alte Medienberichte, fiktive Werbespots ("Mörtel-Paule - der offizielle Sponsor des Mauerbaus, jetzt auch mit Notausgängen") und neue, gestellte Szenen wie eine Begegnung mit Helge Schneider bei C&A geschnitten. Dabei entsteht der meiste Witz durch einen Erzähler, der alles vollkommen überzeichnet; nur wenige Szenen erklären sich von selbst. Sie bestechen dafür mit subversiver Situationskomik. So inspiziert Sonneborn schon mal siegessicher seine künftigen Büroräume im Reichstag, misst mit größter Selbstverständlichkeit das Zimmer des FDP-Abgeordneten Siegfried Gelbhaar aus und feilscht um die Möbel. Parlamentarier Frank Obermeier (CSU) schenkt ihm sogar einen Anstecker in Nationalfarben: "Wir Patrioten müssen zusammenhalten!"Immer wieder führt die PARTEI mit ihrem souveränen Keine-Miene-Verziehen hinters Licht. Bei aller Dreistigkeit agiert sie dabei stets auch medien- und gesellschaftskritisch. Schon als die Titanic-Mannschaft 2005 zur Bundestagswahl zugelassen wurde und Anspruch auf TV-Wahlwerbespots hatte, versteigerte sie Sendezeit an den Billig-Flieger HLX. In einer utopischen Zukunftsvision sieht man Sonneborn nun am Ende des Films als "SPARTEI"-Chef für den Supermarkt real werben. Wer ihn wählt, bekommt 10 000 Payback-Punkte. Eine echte Zusammenarbeit hat die Handelskette natürlich abgelehnt.Auch das große Ziel, übers Kino Wähler für die aktuelle Bundestagswahl zu erreichen, hat sich im wahren Leben erledigt: Der Bundeswahlleiter hat die Mauerfans 2009 wegen "Zweifeln an ihrer Ernsthaftigkeit" abgelehnt. In erster Linie ist "Die PARTEI" also ein Gedenkfilm für längst vergessene Aktionen geworden. Die Aktivisten nehmen es mit Humor. Sie haben die Absage in T-Shirts-Slogans umgemünzt, die für den nächsten außenpolitischen Einsatz im Iran dienen könnten: "Where Is My Vote, Wahlleiter?"Premiere heute um 21.15 Uhr im Babylon Mitte. Ab 13. 8. im Kino.------------------------------Foto: Wie die grauen Herren in "Momo": Martin Sonneborn und Kollegen schwören auf die 49-Euro-Anzüge von C&A.