1982: Das war nicht nur das Jahr, in dem Madonna sich in New York von der No-Wave-Schlagzeugerin zur Latin-Disco-Queen verwandelte und ihre Weltkarriere begann. Überall in New York verdichteten sich die Zeichen eines Umbruchs, der unsere Kultur bis heute bestimmt: Graffiti, Breakdance, DJ-ing, Rap; 1982 war das Jahr, in dem das, was später HipHop heißen sollte, aus dem Underground an die sichtbare Oberfläche der Popkultur gelangte. Der New Yorker Filmemacher Charlie Ahearn war der erste, der die Szene einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte: Sein Film "Wild Style", der ausgerechnet vom ZDF finanziert und erstausgestrahlt wurde, schickte die Bilder von Rap und Graffiti um die Welt. Zum 25-jährigen Kinojubiläum hat Ahearn die denkwürdigsten Aufnahmen aus jenem Jahr als prächtigen Foto-Bildband neu herausgegeben.Mr. Ahearn, Ende der 70er-Jahre lebten Sie in der Bronx. Wie normal war das für einen weißen jungen Arztsohn, der in einer Kleinstadt im New York State aufgewachsen war?Mein Zwillingsbruder John, ein Bildender Künstler, wohnte dort zuerst. Er porträtierte die Bewohner der Bronx in Form von Skulpturen. Das waren Schwarze, Puertoricaner und andere Leute. Es war schon recht ungewöhnlich, dort zu leben. Denn in den 70er-Jahren herrschte in New York City eine Art Apartheid. Die Kulturen der unterschiedlichen Bewohner New York Citys fanden voneinander getrennt statt. Es gab Gay-Discos, Punk-Clubs wie das CBGB's, die Underground-Clubs der Afroamerikaner und puertoricanische Clubs. Allerdings wuchs Ende der 70er, Anfang der 80er-Jahre die Neugier der unterschiedlichen Communities aufeinander.Wie kam es dazu, dass Sie in der Bronx "Wild Style" drehten?1978/1979 hatte ich auf Vorschlag junger Schüler einer örtlichen Martial Arts Schule zunächst meinen No-Budget-Super-8-Kung-Fu-Film "The Deadly Art of Survival" gedreht, einen Film, der in der Bronx spielt und auch mit Bewohnern von dort gedreht wurde. In diesem Zusammenhang lernte ich Lee Quinones kennen, einen jungen Graffiti-Writer, der spätere Hauptdarsteller von "Wild Style". Später traf ich noch Fab 5 Freddy alias Fred Brathwaite, einen Writer und Musiker, mit dem ich 1980 die Idee für den Film entwickelte.Wie haben Sie den Film finanziert?Eine Bekannte riet mir, den deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ZDF zu kontaktieren. Sie wusste, dass man beim ZDF damals stark an unabhängigen amerikanischen Filmen interessiert war, und von denen bekam ich tatsächlich rund 25 000 Dollar. Das ist für einen Spielfilm zwar eine verschwindend geringe Summe. Aber alleine, dass sie mich überhaupt unterstützten, half mir sehr bei der Akquise weiterer Gelder. Übrigens hatte ich auch probiert, Unterstützung von einem öffentlich-rechtlichen amerikanischen Fernsehsender zu bekommen. Doch die haben mich mit meiner Idee nur ausgelacht. Die sagten mir, dass diese Graffiti-Geschichte nur eine sehr begrenzte lokale Erscheinung und ganz sicher nicht von nationalem Interesse sei.Ist es richtig, dass Breakdance damals nicht wirklich zur HipHop-Kultur gehörte?Man muss sich vorstellen, dass HipHop an verschiedenen Stellen in New York City entstand, und es gab auch Graffiti-Writer, die nicht Rap, sondern etwa Black Sabbath hörten. Doch mir ging es darum, diese ganzen neuen Ausdrucksformen gemeinsam zu präsentieren. Auch, wenn die Wirklichkeit dadurch vielleicht etwas vereinfacht wurde.1982 wurde "Wild Style" erstmals im ZDF gezeigt. Wie waren die Reaktionen?Vor allem in Berlin zeigten sich Auswirkungen. Bereits kurz nach der Ausstrahlung sah man auf der westlichen Seite der Mauer die ersten Graffiti, richtige große Bilder wie in "Wild Style". Wobei man sich klarmachen muss, dass der Film ja nur im Fernsehen zu sehen gewesen war und die meisten Leute noch keinen Videorecorder hatten, um ihn aufzuzeichnen und ihn sich mehrmals anzugucken. Es gab damals auch kein Internet, kein Youtube. Trotzdem hatten sich Leute an den Inhalt und die Optik von "Wild Style" erinnert und erste, eigene Graffiti produziert, die später eine ganze Flut von Graffiti nach sich zogen.Wann wurde Ihr Film erstmals im Kino gezeigt?Die Uraufführung auf großer Leinwand fand 1983 in Japan statt. Zunächst schien das Publikum total verunsichert und schockiert zu sein. Doch schon nach einer Woche Aufenthalt in Japan trafen wir die erste Gruppe junger Leute, die angefangen hatte, sich DJ-ing und Breakdance beizubringen. Einige der Zuschauer dort starteten damals eine HipHop-Karriere, die bis heute andauert.Warum war die Welt damals so hungrig auf HipHop?Es waren ganz bestimmte Leute, die hungrig auf HipHop waren. In Deutschland stammten die ersten Writer oft aus den Migrantenfamilien der Großstädte, viele waren junge Türken. In Japan identifizierten sich vor allem solche jungen Leute für HipHop, die "in trouble" waren, die beispielsweise mit der japanischen Mafia Yakuza zu tun hatten. Alle diese Leute konnten sich nicht nur mit den ethnischen Minderheiten identifizieren, die in "Wild Style" die Hauptrollen spielten. Sie identifizierten sich auch mit der deutlich sichtbaren desolaten wirtschaftlichen Situation in der Bronx, in der die Handlung spielt. Überall in der Welt, wo man eine Unterschicht hatte, vor allem, wenn sie aus ethnischen Gründen ausgegrenzt war, hatte "Wild Style" eine stark impulsgebende Wirkung. Die Menschen identifizierten sich mit den Schwarzen und Puertoricanern in "Wild Style", die dachten: das bin ja ich. Der Film gab ihnen die Möglichkeit, ihr Leben neu zu betrachten und neu auszudrücken.Wäre HipHop auch ohne "Wild Style" weltweit so erfolgreich gewesen?Irgendwas wäre auf jeden Fall passiert. Denn Graffiti, das früher nur eine Gang-Kultur war, mit der man sein Revier kennzeichnete und anderen signalisierte, aus einem Viertel schnell zu verschwinden, hatte begonnen, sich in ganz New York City auszubreiten. Henry Chalfant, der später den Graffiti-Film "Style Wars" drehte, war einer der ersten, die die mit Graffiti besprühten Züge fotografierte. Auch Martha Cooper machte Fotos von den Zügen. Kulturell gesehen war New York City damals eine Art Pulverfass. Überall war was los, und die bis dahin meistens getrennt agierenden Subkulturen kamen immer öfter zusammen. Leute aus der Downtown-Clubszene trafen sich mit Leuten aus der Bronx. Fab 5 Freddy etwa war mit Chris Stein von der Band Blondie befreundet. Blondie wiederum gab 1981 mit dem Hit "Rapture" den ersten von Weißen gesungenen HipHop-Song heraus. 1982 sorgte das Stück "The Message" von Grandmaster Flash für Furore, außerdem "Planet Rock" von Afrika Bambaataa. Das Stück hätte es so nie gegeben, wenn Afrika Bambaata nicht auch mit weißen Punks herumgehangen hätte und für die Klänge der deutschen Band Kraftwerk aufgeschlossen gewesen wäre. Es gab Madonna, David Bowie, David Byrne, die Rock Steady Crew - lauter experimentierlustige Leute, die buchstäblich auf einem einzigen Tanzboden zusammenkamen, und alle waren so neugierig aufeinander. Ich hatte einfach Glück gehabt, mit meinem Film den Funken aufzufangen und früh draußen gewesen zu sein.Welche Beziehung haben Sie zu Berlin, der Stadt, die Ihnen zufolge ja sehr früh auf "Wild Style" reagiert hatte?In Berlin zu sein ist für mich sehr nostalgisch. Ich liebe diese Stadt, war auch schon letzten Sommer hier, um Fotos von Graffitibildern zu machen. Hier in Berlin existiert so ein Flair, dass mich an die New York City von 1982 erinnert. Die New York City von heute dagegen ist nicht mehr die New York City von früher. Inzwischen geht es nur noch um Geld, allein schon der teuren Wohnungen wegen. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass die frühen HipHopper ihre Partys vorwiegend in öffentlichen Parks gefeiert hatten und dass die Graffiti-Writer so gut wie gar nicht davon abgehalten wurden, sich in die U-Bahn-Depots zu schleichen. Alles Sachen, die wegen der rapide zugenommenen Polizeikontrolle heute total unmöglich sind. Vor allem, seit sich die Stadt vom Terrorismus bedroht fühlt, herrscht das intensive Gefühl, dass man, wo immer man sich befindet, permanent kontrolliert wird.Das Gespräch führte Eva Apraku.Charlie Ahearn Wild Style: the Sampler. Powerhouse Books, New York 2008. 212 S., ca. 25 Euro.------------------------------Zur PersonFoto: Charlie Ahearn, geboren 1951 in Binghamton, lebt seit 1973 in New York und drehte dort 1980-82 die erste große Filmdokumentation über die Breakdance- und Graffiti-Szene: "Wild Style" mit Grandmaster Flash, Fab 5 Freddy, Rammellzee, der Rock Steady Crew u. v. a.------------------------------Foto: Das Logo des Films ging um die Welt; hier: Kuh auf einer englischen Wiese.