Rom - Bisher wusste man von solchen Ritualen nur aus den Geständnissen reuiger Mafiosi. Jetzt ist es italienischen Ermittlern erstmals gelungen, mit versteckter Kamera festzuhalten, wie Neumitglieder in die höchsten Ränge der ’Ndrangheta eingeschworen werden. Die derzeit mächtigste Mafiaorganisation, die mit Drogenhandel, Korruption und Schutzgelderpressung nicht nur in Italien Milliarden verdient, operiert normalerweise strikt im Geheimen. Deshalb gilt das unscharfe, körnige Polizeivideo als Sensation. Zumal es nicht in einer abgelegenen Berggegend Kalabriens aufgenommen wurde, wo die ’Ndrangheta ihre Heimat hat, sondern in einem Restaurant in Castello di Brianza nahe des Comer Sees in Norditalien.

Zu sehen sind undeutlich vier Männer, die im Kreis um einen Tisch herumstehen. Einer spricht die Begrüßungsformel: „Ein gutes Abendessen und einen gesegneten Abend für unsere Santisti.“ Santa, das ist eine der höchsten Hierarchiestufen der Clans.

Der da redet, ist einer der kalabrischen Bosse und eigens angereist, um den Treue- und Verschwiegenheitseid anzuleiten. Die drei anderen müssen ihm feierlich nachsprechen: „Ich schwöre, alles abzustreiten bis zur siebten Generation, um die Ehre meiner weisen Brüder zu bewahren, und die ganze kriminelle Gesellschaft anzuerkennen. Unter dem Licht der Sterne und dem Glanz des Mondes bilde ich die heilige Kette.“

Das Geschäft mit der Expo 2015

Während andere Mafiaorganisationen auf Heiligenbilder und die Madonna schwören, werden in diesem Initiationsritus die Nationalhelden Garibaldi, Mazzini und La Marmora angerufen. Sie kämpften im 19. Jahrhundert für die Freiheit und Einheit Italiens. Aber nicht etwa deshalb stünden sie Paten, erklärt der Mafiaexperte Roberto Saviano, Autor des Bestsellers „Gomorrha“, sondern weil sie Freimaurer waren. Von den Geheimlogen habe sich die Mafia Rituale und esoterische Symbole wie Mond und Sterne abgeschaut.

In einem zweiten, nicht veröffentlichten Video wurde festgehalten, wie Neuaufgenommene versprechen müssen, dass sie sich bei schweren Verfehlungen entweder erschießen oder mit Gift umbringen werden. „Nicht die Menschen urteilen über euch, sondern ihr selbst“, zitierte Staatsanwältin Ilda Boccassini, die Leiterin der Ermittlungen, aus dem Schwur. „Ihr müsst immer eine Kugel für euch übrig haben“, so laute das Gesetz der ’Ndrangheta. Allerdings haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Mafiosi alternativ entschieden, mit der Polizei zusammenzuarbeiten.

Zwei Jahre dauerten die Ermittlungen, ehe nun 40 Verdächtige festgenommen werden konnten. Diese Zahl zeige erneut, wie stark die organisierte Kriminalität inzwischen in Norditalien etabliert ist, sagte die Mailänder Anti-Mafia-Staatsanwältin. Derzeit lohnt sich das Geschäft für die ’Ndrangheta ganz besonders. Rund um Mailand fließt viel Geld in die Vorbereitungen der Weltausstellung Expo 2015, die im Mai eröffnet werden soll. Es ist noch keinen Monat her, da ließ Boccassini schon einmal 13 ’Ndrangheta-Leute festnehmen. Sie hatten enge Kontakte zu Stadträten, Behörden und Immobilienunternehmern rund um Mailand gepflegt und sich dank dieser Beziehungen lukrative Expo-Aufträge verschafft.