Gabriele Fischer erinnert sich gut an den Anruf vor zehn Jahren. Fischer kämpft damals für ein Magazinprojekt, das kein Verlag verstehen will, und erlebt die härtesten Monate ihres Lebens. Als das Telefon klingelt, ist ein Kollege dran. Wann immer sie einen Job bräuchte, er würde versuchen, ihr einen zu besorgen, sagt er. "Nee, nee", antwortet Fischer. "Wir machen weiter." Nach einer Pause sagt der Kollege: "Frau Fischer, lassen Sie die Finger davon, das wird nicht gutgehen." Gabriele Fischer lässt die Finger nicht davon. Sie findet zwei Investoren aus Berlin und benennt das Magazin nach der Redaktionsanschrift, Brandstwiete 1, Hamburg. Brand eins ist geboren.Bis heute wird Brand eins mit Herzblut statt mit Hilfe von Marktforschung, voller Überzeugung statt mit Zaghaftigkeit gemacht. In dieser Woche feiert es zehnjähriges Bestehen. Die Lesergemeinde ist treu. Knapp 100 000 Exemplare werden Monat für Monat verkauft. Am Kiosk kommt neben dem 7,60 Euro teuren Brand eins nur das Manager- Magazin aus der Spiegel-Gruppe bei den Wirtschaftstiteln auf eine ähnlich hohe Auflage, und das kostet sechzig Cent weniger.Alle Warnungen ignoriertGabriele Fischer war wahnsinnig genug, die Warnungen zu ignorieren. Sie hat ihr gut sortiertes, finanziell abgesichertes Leben für dieses Blatt riskiert. Kein Magazin erlebte in seiner Entstehungsgeschichte so viele Turbulenzen wie Brand eins. Drei Anläufe brauchte es dazu. Gabriele Fischer zündet erst einmal eine Zigarette an, bevor sie in ihren Erinnerungen kramt. Dann erzählt sie, wie der Spiegel-Verlag 1998 das Magazin Econy mit ihr als Chefredakteurin auf den Markt brachte und nach zwei Ausgaben wieder einstellte. Alle seien zuerst begeistert von diesem ungewöhnlichen Konzept gewesen, dann habe es geheißen, es sei zu ungewöhnlich, um genügend Käufer zu finden.Es ist Ende der Neunzigerjahre, überall herrscht Aufbruchstimmung. Der Neue Markt boomt, das Geld scheint auf der Straße zu liegen. Den Gründern von Garagenfirmen hat sich Gabriele Fischer verschrieben: Überzeugungstätern, die alles riskieren, alles auf eine Karte setzen, weil nur so Neues entsteht. Mit der Redaktion beschließt sie, sich selbstständig zu machen."Wir haben als erstes gelernt, dass das Geld nicht auf der Straße liegt", sagt Fischer. Sie pumpt Freunde an, beleiht ihre Wohnung, kündigt die private Altersvorsorge. "Wir wollten dieses Blatt machen, verdammt noch mal. Das war das Einzige, was uns getrieben hat". Dem Spiegel kauft sie die Titelrechte und die Möbel ab, findet einen neuen Verlag und bringt die nächste Ausgabe von Econy heraus. Bald ist klar: Auch dieser Verlag versteht das Konzept nicht. Es folgen sieben schlimme Monate. Fischer rotiert, wie ein Tier im Käfig, das einen Ausweg sucht und keinen findet.Der Tag naht, an dem der Spiegel-Verlag das Geld für die Titelrechte sehen will - die besitzt aber mittlerweile der neue Verlag, von dem sich die Redaktion trennen will. Geld, die Rechte zurückzukaufen, ist nicht da. Es kommt zum Showdown am Frankfurter Flughafen. Die Verhandlungen dauern Stunden. Die Titelrechte bekommt Fischer nicht zurück, dafür wird die Klausel gestrichen, die ihr ein Wettbewerbsverbot auferlegt hätte. Eine Aktiengesellschaft wird gegründet. Hinter ihr stehen 17 Privatleute, keiner hält die Mehrheit. Fischer und ihre Redaktion können loslegen.Hamburg, Speersort, im Pressehaus der Wochenzeitung Die Zeit. Hier, im zweiten Stock, sitzen Verlag und Redaktion seit wenigen Wochen. Ebenso die Corporate-Publishing-Abteilung, die das Magazin über Wasser hielt, bis es 2006 selbst Gewinne erzielte. Eine Mitarbeiterin läuft zur Küchenzeile, zupft Obst. Nachher ist Redaktionskonferenz. Fischer erzählt, wie ein Brand-eins-Heft entsteht. Wie stundenlang diskutiert wird, bis ein Begriff steht, zum Beispiel "Besitz", "Stabilität" oder "Arbeit", und wie daraus ein Forschungsprojekt entsteht, mit jeder Ausgabe ein neues.Gabriele Fischer empfindet keinen Groll, wenn sie zurückblickt. Sie sagt, sie habe in dieser Zeit viel über Wirtschaft und Unternehmertum gelernt. Das zweite Aus hat ihr und der Redaktion zudem ermöglicht, das Konzept zu erweitern. Brand eins begreift Wirtschaft als Veränderung, beleuchtet wirtschaftspolitische Zusammenhänge, analysiert in Fallstudien Erfolge und Niederlagen. Irgendwie scheinen die Leser zu spüren: Die Redaktion weiß aus eigener Erfahrung, worüber sie schreibt. Auch das macht den Erfolg des vielfach preisgekrönten Magazins aus.Das Telefon klingelt. Mit ihren weißen Segeltuchschuhen läuft Gabriele Fischer zum Schreibtisch. Als sie zurückkommt, sagt sie: "Ohne diese Schubsereien von außen wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich selbstständig zu machen, und Brand eins wäre nie entstanden." Krise als Chance, ein in der Wirtschaft beliebtes Credo.------------------------------"Wir wollten dieses Blatt machen, verdammt noch mal. " Gabriele Fischer, ChefredakteurinFoto: Warnungen hat sie ignoriert: die Chefin von Brand eins, Gabriele Fischer.