FRANKFURT A. M., 9. April. Magnus Gäfgen sieht aus wie ein großer schlaksiger Schuljunge. Magnus Gäfgen ist ein Mörder. Er hat zugegeben, den elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler am 27. September vergangenen Jahres entführt und noch am gleichen Tag umgebracht zu haben. Deswegen wird der 27-Jährige nun in Handschellen zur Anklagebank im Frankfurter Landgericht gebracht.Seine Zukunft scheint schon am ersten Prozesstag besiegelt. Gleich vier Mordmerkmale führt Staatsanwalt Justus Koch in seiner Anklage auf: Heimtückisch habe Gäfgen gehandelt, aus Habgier und niederen Beweggründen und um eine Straftat, Jakobs Entführung, zu verdecken. Je mehr Mordmerkmale, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Gericht zusätzlich zu lebenslänglich eine "besondere Schwere der Schuld" feststellt. Das hieße, Gäfgen hätte keine Chance, nach 15 Jahren vorzeitig entlassen zu werden.Wahlfach: StrafprozessrechtDiese Zukunftsaussichten müssten dem Angeklagten sehr wohl bewusst sein. Noch in Untersuchungshaft hat der Student der Rechtswissenschaft die mündliche Prüfung des ersten Staatsexamens abgelegt. Wahlfach: Strafprozessrecht. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Hans Bachl nach seinem Beruf, sagt Gäfgen, er sei Rechtsreferendar. Erst als der Richter freundlich anmerkt, er glaube, das sei nicht so, weil er als Angeklagter für den Vorbereitungsdienst doch wohl nicht zugelassen sei, entgegnet Gäfgen mit sicherer Stimme: "Ja, noch nicht." Kurz kann man spüren, dass dieser junge Mann manchmal in einer anderen Realität lebt. Das war auch vor der Tat so, als der Student aus kleinem Hause mit Jobs in internationalen Kanzleien prahlte, die er nicht hatte und seine Zugehörigkeit zur Welt der Reichen mit Schulden erkaufte - bis er schließlich keinen anderen Ausweg mehr wusste, als sich mit der Entführung Geld zu beschaffen.Vor Gericht hält Magnus Gäfgen die Hände im Schoß gefaltet, auch als ihm die Handschellen abgenommen werden. Er sucht den Blickkontakt mit dem Richter, dem Staatsanwalt, den Zuschauern. Ganz anders als in seinem bisherigen Leben erscheint er nicht unsicher. Vielleicht ist das nur eine Maske, wie er sie trug, wenn er mit seinen "Ibiza-Freunden" Champagner trinken ging, vielleicht spiegelt sich in diesem Moment im Gesicht des Angeklagten auch nur eine große Chance wider. Eine Chance, die zuvor wohl noch kein geständiger Mörder in Deutschland hatte: Die 22. Strafkammer hat sich zur Beratung zurückgezogen. Wenn sie wiederkommt, könnte sie anordnen, Gäfgen sofort freizulassen und das Verfahren einzustellen.Sein Verteidiger Stefan Bonn hat dies beantragt. Denn seiner Ansicht nach liegt ein Verfahrenshindernis vor - so nennt man das juristisch, wenn Ermittlungsbehörden erhebliche rechtsstaatswidrige Handlungen begangen haben. Schuld daran ist der stellvertretende Frankfurter Polizeichef Wolfgang Daschner. Dieser ordnete am 1. Oktober 2002 an, Gäfgen "nach vorheriger Androhung unter ärztlicher Aufsicht durch Zuführung von Schmerzen" zu befragen. "Das ist Aussageerpressung. Das ist ein Verbrechen", sagt Verteidiger Bonn, der Gäfgen gemeinsam mit Hans Ulrich Endres vertritt. Diesem habe Gäfgen von der angedrohten Folter erzählt: "Aber er glaubte mir nicht, wohl, weil so was öfter vorkommen soll. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich das beweisen kann", sagt Gäfgen vor Gericht.Daschner selbst lieferte schließlich den Beweis - in einer Aktennotiz räumte er ein, die Androhung von Schmerzen angeordnet zu haben. Deshalb wird auch gegen Daschner ermittelt. Der ist sich keiner Schuld bewusst. Er habe im Sinne polizeilicher Gefahrenabwehr gehandelt. Damals gingen die Ermittler davon aus, dass Jakob in Lebensgefahr schwebte. Aber der tags zuvor geschnappte Gäfgen verriet den Beamten nicht, wo Jakob war. Im Gegenteil: Er legte falsche Fährten, weshalb drei Unschuldige festgenommen worden waren. Auch deswegen ist Gäfgen nun angeklagt.Kurz nach acht Uhr am 1. Oktober ordnete Daschner dann das an, was Verteidiger Bonn Folter nennt. Es reiche aus, Gewalt anzudrohen - dies sei schon Folter im Sinne des Gesetzes. Gäfgens erzählte später, ihm sei auch gedroht worden, ihn mit zwei "Negern" in eine Zelle zu sperren, die sich sexuell an ihm vergehen könnten. Das jedoch bestreitet Daschner. Zehn Minuten nach der Drohung sagte Gäfgen: "O.k., das Kind ist tot." Er führte die Beamten zu einem Anglerteich bei Schlüchtern, rund 60 Kilometer von Frankfurt entfernt. Dort lag Jakobs Leiche unter einem Bootssteg.Diese Tat wird Magnus Gäfgen nun büßen müssen. Als die Strafkammer nach einer Stunde von der Beratung zurückkehrt, verkündet der Vorsitzende die Ablehnung des Antrags auf Einstellung des Prozesses. Die Zuschauer klatschen. Richter Bachl erklärt, dass das Androhen von Schmerzen gesetzeswidrig gewesen sei. Aber daraus folge nur, dass die danach gemachte Aussage im Prozess nicht verwertet werden dürfe. Der Staat dürfe an der Verfolgung derart schwerer Straftaten durch das falsche Handeln Einzelner nicht gehindert werden.Verteidiger Endres ist nicht überrascht von der Ablehnung: "Das haben wir erwartet", sagt er. Dennoch wird er überlegen, dagegen juristisch vorzugehen. "Aber das hindert unseren Mandanten nicht daran, in dem Verfahren auszusagen", sagt er. Ein Widerspruch? Auf den ersten Blick schon. Einerseits will Endres per Antrag die Freilassung eines Mörders erreichen, andererseits rät er ihm, auszusagen. "Zumindest ist es ein Spagat", räumt Endres ein. Hätte die Verteidigung den Antrag nicht gestellt, wäre das ein Kunstfehler gewesen: "Wir mussten das tun, aus prozesstaktischen Gründen. Aber für einen Indizienprozess hätte ich bei dieser Tat nicht zur Verfügung gestanden", erklärt der Anwalt. "Schon aus Respekt vor der Familie des Opfers gehört es sich nicht, in so einem Falle zu schweigen", sagt Endres.Am Nachmittag des ersten Verhandlungstages entscheidet die Kammer, dass alle bisherigen Aussagen und Geständnisse, die Gäfgen bisher bei Polizei, Staatsanwaltschaft und vor einer Ermittlungsrichterin machte, wegen der Androhung von Folter nicht verwendet werden dürfen. Die vernehmenden Beamten hätten es versäumt, Gäfgen den "unmissverständlichen Hinweis zu geben", so der Vorsitzende Richter, dass sein erstes Geständnis unverwertbar ist. Trotzdem wird Magnus Gäfgen nicht schweigen: "Er wird am Freitag ein umfassendes Geständnis ablegen", kündigte Verteidiger Endres an. Vor der Tat zu fliehen helfe nicht, sagt Endres: "Schon die Festnahme war für meinen Mandanten ja eine Erleichterung." Diese Festnahme hat Gäfgen durch seine "abenteuerlich amateurhafte Tatausführung" (Endres) geradezu provoziert: Zum Abholen des Lösegelds in Höhe von einer Million Euro, das an einer Straßenbahnhaltestelle in zwei Aldi-Tüten deponiert war, fuhr Gäfgens in seinem Honda Civic. Die Polizisten hatten fortan leichtes Spiel. Sie hörten Gäfgens Telefone ab und fuhren ihm hinterher. Als die Polizisten dann merkten, Gäfgens führt sie nicht zu Jakob, nahmen sie ihn und seine 16-jährige Freundin fest. Schnell stellte sich heraus, dass die Gymnasiastin von dem Verbrechen nichts wusste.Erhebliche GewalteinwirkungNach der Androhung von Folter erfuhren die Ermittler dann, dass Jakob von Metzler keine Chance hatte. Jakobs Schwester Elena ging in eine Parallelklasse von Gäfgens Freundin Katharina. Daher kannte Gäfgens den Sechstklässler Jakob. Als dieser am 27. September aus der Schule kam, sagte ihm der Jurastudent, er habe eine Jacke von Elena in der Wohnung. Ahnungslos ging Jakob mit. In der Wohnung verklebte Gäfgens dem Jungen Mund und Nase und "würgte ihn für kurze Zeit mit erheblicher Gewalteinwirkung", so Staatsanwalt Koch. Jakobs Augen, die Gäfgens nicht verklebt hatte, müssen um Hilfe gefleht haben, aber Gäfgens, der früher Jugendbetreuer der katholischen St. Bonifatius Gemeinde war, reagierte nicht. Die Leiche verpackte er in Müllsäcken. Dann fuhr er mit dem toten Jakob im Kofferraum zum Haus der von Metzlers, um den Erpresserbrief mit der Lösegeldforderung über den Zaun zu werfen.Warum ein junger Mann, der in kleinen, aber keinesfalls ärmlichen Verhältnissen groß wurde und dessen Studienabschluss kurz bevorstand, eine derart grausige Tat begeht, das wird die zentrale Frage des Prozesses sein. Es ist auch die Frage, die sich Jakobs Eltern stellen. "Aber ob dieses Warum geklärt werden kann, wage ich zu bezweifeln", sagt Eberhard Kempf, der Anwalt der Familie von Metzler."Aber für einen Indizienprozess hätte ich bei dieser Tat nicht zur Verfügung gestanden. " Verteidiger Hans Ulrich Endres.DDP/TOM MAELSA Ein Justizwachtmeister nimmt dem Angeklagten Magnus Gäfgen im Landgericht Frankfurt die Handschellen ab.