Berlin - Die Botschaft war deutlich: „Gott will keine Homosexualität“. Ein Flugblatt mit dieser Zeile hatten Unbekannte an den Eingang des Antiquitätengeschäfts seiner Eltern im Saarland gesteckt. Das ist mehr als ein Jahrzehnt her. Damals setzte sich Jörg Litwinschuh öffentlich für die Homo-Ehe ein. Der Marketing-Manager, engagiert beim schwulen Führungskräfte-Verband „Völklinger Kreis“, stritt sich heftig mit homophoben Bürgern und der katholischen Kirche. „Meine Eltern mussten da früher einiges aushalten“, sagt Litwinschuh.

Die Zeit dürfte vorbei sein. Litwinschuh, inzwischen 43, verpartnert und zur evangelischen Kirche übergetreten, streitet zwar immer noch für die Sache der Schwulen und Lesben. Doch er tut es inzwischen mit dem Segen der schwarz-gelben Bundesregierung. Denn er ist Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die mit der ersten Kuratoriumssitzung in dieser Woche in Berlin ihre Arbeit voll aufgenommen hat. Die Stiftung soll Bildung und Forschung fördern - und dabei an das Erbe des von Magnus Hirschfeld gegründeten Berliner Instituts für Sexualwissenschaft anknüpfen, das 1933 von den Nationalsozialisten zerschlagen wurde. Die Arbeit der Stiftung soll die Erinnerung an die Verfolgung der Homosexuellen wachhalten und der Diskriminierung entgegenwirken.

Litwinschuh, studierter Medien- und Wirtschaftswissenschaftler, arbeitete zuletzt als freier  Kommunikationsberater. Er lebt seit 1999 in Berlin und kennt sich aus in der Szene, war lange Jahre für die Deutsche Aids-Hilfe und den Lesben- und Schwulenverband (LSVD) tätig. Er setzte sich auch ehrenamtlich für die Errichtung der Hirschfeld-Stiftung ein. Die war zwar bereits im Jahr 2000 von der damaligen rot-grünen Regierung beschlossen worden - lag dann jedoch wegen Parteienstreits auf Eis. Die Opposition vermutete - wohl nicht zu Unrecht - dass die Grünen, die traditionell der Homo-Bewegung nahestehen, sich die Stiftung quasi zur Beute machen wollten. Zwischendurch wurden auch die Stiftungsmittel gekürzt, von 15 auf zehn Millionen.

Der Stiftungschef, im vergangenen November von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) berufen, ist parteilos. Frühere Weggefährten schätzen Litwinschuh als ebenso verlässlichen wie beharrlichen Manager und Netzwerker. Er gilt als cleverer Kommunikator, der aber auch auf andere hört und sich beraten lässt. „Auch wenn diese Fachvokabeln nicht besonders sinnlich klingen - Networking, Lobbying und auch Fundraising sind meine Leidenschaft“, sagt Litwinschuh über sich selbst.

Dies Fähigkeiten wird er auch brauchen. Denn die Stiftung hat einerseits beschränkte finanzielle Mittel, andererseits ist das Kuratorium mit 23 Köpfen recht groß und wird von Parteien- und Ministeriumsvertretern dominiert - dazu kommt der Fachbeirat, der erst noch gewählt werden muss. Das Spektrum wird von der CSU bis zu Vertretern der transsexuellen Community reichen.

Litwinschuh rechnet mit zunächst 350.000 Euro Zinsen jährlich aus dem Stiftungskapital, mit dem Forschungs- und Aufklärungsprojekte für bis zu 100.000 Euro unterstützt werden können. Das ist nicht viel Geld. „Wir werden uns also um Drittmittel für Projekte bemühen und dabei Ministerien, Forschungsgesellschaften und Unternehmen ansprechen. Auch private Stifter und Erbschaften könnten uns weiterbringen.“

Litwinschuh betont, dass die Stiftung nicht als Konkurrenzveranstaltung zu vorhandenen Gruppen und Strukturen gedacht sei. „Sie soll kooperieren, unterstützen und vernetzen.“ Auch wolle man nicht im eigenen Saft schmoren. „Es geht auch um Ausstrahlung in die Mehrheitsgesellschaft. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Hirschfeld-Stiftung mit dafür einsetzt, in Deutschland einen Coming-Out-Day nach angelsächsischem Vorbild zu etablieren.“ Für dieses Jahr plant die Stiftung, die mittelfristig drei bis fünf feste Mitarbeiter haben soll, eine Forschungs- und einen Bildungstagung. Laut dem gerade verabschiedeten Programm soll auch eine Vortrags- und Publikationsreihe gestartet werden.

Noch aber ist Litwinschuh allein mit einem ehrenamtlichen Helfer. Am Mittwoch hat er die Räumlichkeiten in der Mohrenstraße in Berlin-Mitte bezogen. Fünf Ikea-Schreibtische und zehn Regale aus dem Baumarkt, ein nüchterner Anfang. Immerhin: Draußen an der Hauswand ist schon das Schild mit dem großen Namen angebracht