"Majas Macht" treibt sie in die Magersucht und zu neuen Einsichten: Das Leben in Kalorien gerechnet

Maja ist ein liebes Mädchen, ein intelligentes Mädchen, ein besonderes Mädchen. Sie ist der ganze Stolz ihrer Mutter. Doch je älter Maja wird, umso schwerer fällt es ihr, die Mutter nicht zu enttäuschen. Deshalb versucht sie, das Erwachsenwerden aufzuhalten - und damit auch alle Veränderungen.Maja liebt ihre Mutter, doch will sie weder so einen großen Busen noch so einen runden Hintern bekommen wie sie. Als Maja anfängt zu pubertieren und spürt, dass sich ihr Körper verändert, kämpft sie mit aller Macht dagegen an. Das Essen wird zur unappetitlichen Angelegenheit. Da wiegt das 1,70 Meter große Mädchen 60 Kilo - zu viel, wie sie findet.Zuerst ist es Schwarzwälder Kirschtorte, die sie die Toilette hinunterspült. Dann werden die Portionen immer kleiner und das Kauen wird zur Prozedur. Doch stärker als der Würgereiz ist Majas Wille, ein zartes Mädchen zu bleiben. Der Hunger gehört zu ihrem neuen Leben, das sich fortan in Kalorien rechnet: 50 Gramm Mischbrot 120 Kalorien, ein Schokoladenriegel 240 Kalorien. Die aufkommenden Magenbeschwerden spült sie mit Tee weg und "ihre Darmkrämpfe begrüßt sie wie Streitgenossen. "Kampf dem Fett". Majas Glück besteht darin, dass sie ihre Knochen wieder fühlt. Nach vier Monaten wiegt sie 51 Kilo, bald noch 46.Maja glaubt, alles unter Kontrolle zu haben, will nicht auffallen und wird überangepasst. Doch bei all dem bleibt sie eine nachdenkliche Titelheldin, die von der Autorin an keiner Stelle verurteilt wird. Heidi Hassenmüller erzählt bedachtsam, wie schwer es ist, die Krankheit zu verbergen und wie viel schwerer noch, sich die Krankheit einzugestehen. Unaufdringlich beschreibt sie die Gefühlswelt einer Magersüchtigen. Auch wenn sie penibel die Symptome für Anorexia nervosa aufführt, schlägt sie keinen lehrbuchhaften Ton an. Das ernste Thema vermittelt die Autorin so kurzweilig und emotional, dass man sich an keiner Stelle fragt, ob einen der Stoff selbst überhaupt betrifft.Nur, dass Majas Bruder im Chatroom surft, wirkt zwanghaft modern. Und dass gleich zehn Personen eingeführt werden, von denen die meisten gar keine Rolle spielen, verwirrt zunächst. Doch schnell entkrampft sich die Dramaturgie, in deren Folge Maja Figuren wie die aufmerksame Lehrerin, die freundliche Psychotherapeutin, den besorgten Arzt und den verständnisvollen Freund zur Seite gestellt bekommt. Das ist am Ende eine märchenhaft sensibilisierte Umgebung. Zwar hat nicht jeder so viel Glück, dafür aber hat jeder so viel Chance, eines Tages mit seiner Macht umgehen zu können. Wie schließlich auch Maja.Heidi Hassenmüller: Majas Macht. Ab 13. Ellermann Jugendbuch, Hamburg 2001, 22 Mark.