Makellos rein war sein Bild von griechischer Schönheit, spartanischer Zucht und römischer Staatskunst: EIN BEGEISTERTER GESCHICHTSSCHÜLER

Hitler war kein guter Schüler. Sein Lieblingsfach war Geschichte. "Geschichte habe ich kapiert." Das Verdienst daran schreibt er seinem Geschichtsprofessor an der Realschule in Linz zu, der "uns im Feuer seiner Darstellung manchmal die Gegenwart vergessen ließ, uns zurückzauberte in vergangene Zeiten und aus dem Nebelschleier der JahrTausende die trockene geschichtliche Erinnerung zur lebendigen Wirklichkeit formte. Wir saßen dann da, oft zu heller Glut begeistert, mitunter sogar zu Tränen gerührt." Der Lehrer war vom Schüler allerdings weniger begeistert. Hitlers Abschlusszensur in Geschichte lautete "Genügend".Auf die Antike kam Hitler immer wieder zu sprechen. Die antiken Lichtgestalten werden häufig zitiert. Der für ihn wichtigste Autor ist Houston Stewart Chamberlain, Verehrer und Schwiegersohn Richard Wagners. Chamberlain, mit dem Hitler später auch persönlich verkehrte, sah in der Weltgeschichte einen darwinistisch interpretierten Rassenkampf um Lebensraum, in dem die nordischen Völker Kultur aufbauen, dann aber durch Blutmischung immer wieder untergehen. Als Gegenrasse erscheinen die Semiten, die seit ältesten Zeiten die Kulturwelt bedroht hätten. Nicht nur Lehrer und Bücher prägten Hitlers Verhältnis zur Antike. Hinzu kam das Musiktheater. 1906 erlebte Hitler in Linz eine Aufführung der Wagner-Oper "Rienzi" im "ekstatischen Zustand völliger Entrückung". Der Held aus dem Volk Cola di Rienzo wurde Hitlers Vorbild. 1939 bemerkte er in Bayreuth: "In jener Stunde begann es."Die Antike war im europäischen Bürgertum allseits verankert. Auch die autoritären Bewegungen des 20. Jahrhunderts beschworen antikes Erbe, allen voran Mussolini, der 1914 die Rutenbündel der römischen Liktoren, die fasces, zum Symbol erhob, der 1922 am Jahrestag von Constantins Sieg an der Milvischen Brücke, am 28. Oktober, seinen Marsch auf Rom durchführte, am 23. September 1938 den 2000. Geburtstag des Augustus beging, nachdem er bereits 1936 die Erneuerung des Imperium Romanum proklamiert hatte.Hitler empfand es als Manko, kein humanistisches Gymnasium besucht zu haben. Nicht auf die materialistisch nutzbaren Fertigkeiten, so lesen wir bei ihm, sondern auf die humanistischen Ideale sollte die Jugendbildung zusteuern. Er kritisierte die ohnehin mangelhafte Vermittlung moderner Fremdsprachen und plädierte stattdessen für Latein, das er selbst nie gelernt hatte, das er aber als "Schulung des scharfen logischen Denkens" empfahl. Man solle, konstatierte er, "im Geschichtsunterricht sich nicht vom Studium der Antike abbringen lassen. Römische Geschichte, in ganz großen Linien richtig aufgefasst, ist und bleibt die beste Lehrmeisterin nicht nur für heute, sondern wohl für alle Zeiten. Auch das hellenische Kulturideal soll uns in seiner vorbildlichen Schönheit erhalten bleiben . Der Kampf, der heute tobt, geht um ganz große Ziele: eine Kultur kämpft um ihr Dasein, die JahrTausende in sich verbindet und Griechen- und Römertum gemeinsam umschließt."Der Führer, der sich als verhinderter Architekt empfand, brachte seine Begeisterung für Griechen und Römer insbesondere in seiner Baupolitik zum Ausdruck. Sah er das Perikleische Zeitalter durch den Parthenon verkörpert, den er einmal im Leben sehen wollte, so fand er in seiner "bolschewistischen Gegenwart" nur die "kubistische Fratze". Hitler schwärmte für die "Städte des Altertums". Nicht in den Privatbauten lag das Charakteristische der antiken Stadt, sondern in den Denkmälern der Allgemeinheit, die als "Wahrzeichen der ganzen Zeit" dienten und "für die Ewigkeit bestimmt schienen". Hitler schätzte die Gemeinschaft stiftende Kraft der kommunalen Monumentalbauten: die "Tempel und Thermen, die Stadien, Zirkusse, Aquädukte, Basiliken usw". Akropolis und Pantheon fanden dann ihre funktionale Fortsetzung in den Kathedralen des Mittelalters. Das habe sich geändert: "Würde das Schicksal Roms Berlin treffen, so könnten die Nachkommen als gewaltigste Werke unserer Zeit dereinst die Warenhäuser einiger Juden und die Hotels einiger Gesellschaften als charakteristischen Ausdruck der Kultur unserer Tage bewundern." Für den Reichstag, den "ersten Prachtbau des Reiches, der für die Ewigkeit bestimmt sein sollte", habe man nicht einmal die Hälfte der Summe aufgewendet, die ein Panzerkreuzer gekostet habe. Das waren "Zeichen unserer sinkenden Kultur", so 1927. Nach 1933 hat Hitler die Ausgaben für Kultur nicht mehr mit den Kosten der Rüstung verglichen.Im Blick auf die Antike ließ Hitler bauen. Hatte ihn anfangs der schwülstige Klassizismus der Wiener Ringstraße gefesselt, so bekehrte er sich später zu den strengeren Formen von Gilly und Schinkel, die Moeller van den Bruck 1915 als "preußischen Stil" bezeichnet hatte. Speer reiste 1935 nach Griechenland, um die dorische Baukunst zu studieren, orientierte sich dann aber eher an römischen Vorbildern. In Erinnerung an seinen Staatsbesuch bei Mussolini im Mai 1938 bemerkte Hitler: "Rom hat mich ergriffen." Seine Antikenverehrung ging so weit, dass er die "Ruinentheorie" Speers übernahm. Die neuen Bauten müssten als "Traditionsbrücke" auch künftige Generationen zum Heroismus inspirieren und deswegen nach Tausenden von Jahren als Ruinen noch so eindrucksvoll emporragen wie heute das Kolosseum.Das Nürnberger Parteitagsgelände, 1937 als Modell Speers auf der Pariser Weltausstellung mit dem Grand Prix ausgezeichnet, lässt seine antiken Muster unschwer erkennen. Berlin als künftige Welthauptstadt werde, durch Hitler umbenannt in "Germania", "nur mit dem alten Ägypten, Babylon oder Rom vergleichbar sein; was ist London, was ist Paris dagegen?" Über die zur Parade-Magistrale ausgebaute Potsdamer Straße setzte Hitler lange vor seinem ersten Sieg einen Triumphbogen von 120 m Höhe, neben den Reichstag sollte eine 300 m hohe Kuppelhalle nach der Art des Pantheon gestellt werden. Das, was uns an der Kunst der dreißiger Jahre faschistisch erscheint, war indessen keineswegs so originell und systemspezifisch, wie es den Anschein hat. Der klotzige Klassizismus findet sich damals in sehr ähnlicher Form auch in demokratischen Ländern. Nirgendwo gibt es so viele Säulen, Kapitole, Adler und Rutenbündel, kraftstrotzende Männer- und Frauenfiguren wie in in Amerika.Die Antike genoss Hitlers uneingeschränkte Bewunderung. An den Griechen fesselte ihn in erster Linie die klassische Kunst. "Was das griechische Schönheitsideal unsterblich sein lässt, ist die wundervolle Verbindung herrlichster körperlicher Schönheit mit strahlendem Geist und edelster Seele." So 1924, und 1942: "Sehen wir auf die Griechen, die auch Germanen waren, so finden wir eine Schönheit, die hoch über dem liegt, was wir heute aufzuweisen haben. Das gilt für die Großartigkeit ihrer Gedankenwelt - nur die Technik war ihnen versagt - wie für das Bild ihrer Erscheinung. Man braucht nur einmal den Kopf des Zeus oder der Athene mit dem eines mittelalterlichen Gekreuzigten oder eines Heiligen zu vergleichen."Muster menschlicher Schönheit fand der Führer in der Gestalt des nackten Sportlers. Sie entzückte ihn, der selbst als Sport nur das Spazierengehen betrieb. Die Olympiade von 1936 bot ihm den Anlass, die deutschen Ausgrabungen in Olympia, die 1929 eingestellt worden waren, wieder aufzunehmen. Zur Kultfigur des Olympiade-Films erhob Leni Riefenstahl den Diskuswerfer von Myron. Die Skulptur wurde 1938 aus italienischem Privatbesitz für die exorbitante Summe von einer Million Mark erworben. Zum "Tag der deutschen Kunst" am 9. Juli 1938 übereignete der Führer die Statue der Glyptothek in München. Zwei Tage später brachte der "Völkische Beobachter" ein Foto des Führers mit bloßem Haupt und gesenktem Blick vor dem Kunstwerk. Durch ein Machtwort des Generals Clay kam die Statue 1948 nach Rom zurück.In der Architektur war es die dorische Säule und ein von ihr inspirierter Pfeiler, die mit Vorzug Verwendung fanden: so in der Nürnberger Tribüne und am Haus der Kunst in München. Dort, bei der Eröffnung der "Großen Deutschen Kunstausstellung", erklärte Hitler 1937, nie sei die Menschheit "in Aussehen und Empfindung der Antike näher" gewesen als jetzt. Die Liebe zum Dorischen hatte, wie Albert Speer bezeugt, ideologische Gründe: Der dorische Stil galt als "Ausdruck der neuen Ordnung", sah man doch im Kriegerstaat Spartas ein Muster der eigenen Gesellschaftsordnung. Eugenische Auslese Neugeborener, sportliche Erziehung der Knaben und Mädchen, Gemeinschaftsideal der Kriegerelite, Zucht und Opferbereitschaft für den Staat, Ablehnung alles Fremden - das passte ins Programm. 1929 nannte Hitler Sparta den "klarsten Rassestaat der Geschichte". Die neue Reichskanzlei zierten Bilder von Athena, Ares, Medusa, Dionysos, Hektor, Herakles und anderen antiken Figuren. Inronischerweise fehlten auch die personifizierten Kardinaltugenden fehlten nicht. Die Fortitudo trug die Züge des Führers. In Berchtesgaden benutzte Hitler Silberbestecke, die mit dem "liegenden Mäander vom Parthenonfries" gemustert waren. Mit seinem Bild von den Griechen stand Hitler in der europäischen Tradition. Den Hellenen huldigten alle, nicht zuletzt Richard Wagner. Die Stellung zu den Römern dagegen war weniger eindeutig vorgeprägt, denn sie erforderte stets auch ein Urteil über die Gegner und Erben Roms: über die Germanen und Christen.Hitlers Abwertung der alten Germanen hat immer überrascht. Gewiss behielt das Wort "germanisch" sein Pathos - wenn Hitler von einem "germanischen Reich deutscher Nation" schwärmte. Mit Arminius oder wenigstens mit Theoderich begann für Hitler die deutsche, "unsere" Geschichte - eine Langzeitperspektive, die bis 1945 selbstverständlich war. Hitler betonte aber, dass Arminius, von ihm unrichtig als Kommandeur der 3. Legion bezeichnet, bei den Römern in die Schule gegangen sei. Er ließ keine Zweifel daran, dass die Mittelmeervölker damals in jeder Hinsicht führend waren. Was das Germanentum der Antike verdanke, sei unermesslich, ungeheuer. "Unser Land war ein Sauland . Wenn man uns nach unseren Vorfahren fragt, müssen wir immer auf die Griechen hinweisen." Die Germanen in Norddeutschland werden einmal als "Lackel" bezeichnet, andermal als "Maori aus Holstein". Hitlers Lob des Südens war ohne Einbuße an Selbstwertgefühl möglich, weil er die indogermanischen Einwanderer Griechenlands und Italiens im 2. vorchristlichen Jahrtausend den Germanen zurechnete, die im Süden jenes kulturschöpferische Klima vorfanden, das in den Nebelwäldern und Sumpfgebieten Mitteleuropas fehlte. Der germanische Geist benötigte Sonne, um sich zu entfalten.An den Römern bewunderte Hitler ihren Gemeinsinn, ihre Disziplin, ihren Nationalstolz und ihre Fähigkeit, mit jedem Krieg größer und stärker zu werden. In jeden Friedensschluss hätten sie, wie die Verträge mit Karthago zeigen, in weiser Vorausschau gleich den Anlass zum nächsten Krieg eingebaut. "Das ist Rom! Das ist Staatskunst!" Die Kampfkraft der Römer erklärte Hitler aus ihrem angeblichen Rassebewusstsein. Instinktiv habe "damals jeder Römer positive Abwehr gegen die Vermischung mit fremdländischem Blut geübt". Die Römer werden in geradezu komischer Weise zu Eideshelfern, denn sie bestätigten auch Hitlers Beschränkung auf "Obst und Brei". Ihre Heeresverpflegung sei "fast ganz auf Getreide aufgebaut" gewesen, Fleisch hätte es nur in Notzeiten gegeben, die Legionäre hätten es "verabscheut".Abgesehen von dieser Bemerkung erstreckte sich Hitlers Bewunderung der Römer indessen nicht auf das Imperium Romanum der Kaiserzeit. Es erschien schon Chamberlain als eine Periode der Rassenmischung und der Dekadenz. Das "Geheimnis der Stärke des alten Rom" war es, dass allein die Römer Waffenträger gewesen seien, "wirkliche Weltherrschaft kann nur auf das eigene Blut gegründet werden". Erst nach dem Dritten Punischen Krieg hätte Rom Freigelassene eingezogen. Das Rassebewusstsein habe sich mit dem Ende der Republik geändert. Ein letztes Aufleuchten römischen Herrenmenschentums erblickte Hitler in der Konfrontation zwischen Pontius Pilatus und den Juden beim Prozess Jesu. Am 5. Juli 1942 erklärte er in der Wolfsschanze, Pilatus sei der "rassisch und intelligenzmäßig überlegene Römer" gewesen, der "wie ein Fels inmitten des jüdischen Geschmeißes und Gewimmels" wirke.Das Christentum lehnte Hitler rundum ab. Mit ihm sei "der erste geistige Terror gekommen". Die ihm von manchen Anhängern zugemutete Rolle eines Propheten, eines zweiten Mohammed oder zweiten Messias lehnte er im kleinen Kreise ab, obschon er sie in der Öffentlichkeit spielte. Schon 1938 hatte er gegen völkisch-mystische Weihezeremonien, gegen pseudoreligiöse Kulträume, Kulthaine und Kultspiele gewettert, und dies auf dem Nürnberger Parteitag, der ein Kultakt par excellence war und sein sollte.In seiner Jugend kam ihm, wie er schreibt, beim Wort "Kirche" nur ein Gedanke: "Dynamit!" Später erkannte er die Verwurzelung des Glaubens im Volk und beschränkte sich auf einen Stellungskrieg. Aus Opportunismus mussten Goebbels und Göring in ihren Kirchen verbleiben, und auch er selbst ist nie ausgetreten oder exkommuniziert worden. In seinen Reden enthielt er sich aller Angriffe auf das Christentum. In seinen Tischgesprächen aber belastete er die Kirche. "Es sei ein Jammer, dass die Bibel ins Deutsche übersetzt und so in ihrer ganzen jüdischen Rabulistik dem Volke zugänglich gemacht worden sei."Die Unvereinbarkeit des christlichen Liebesgebotes mit dem Naturgesetz des Daseinskampfes unter den Menschenrassen hatte schon Charles Darwin bemerkt und bedauert. Darwin hielt jedoch an der stoisch-christlichen Humanität fest und nahm die aus ihr abzuleitende Vermehrung der Krüppel und Kranken in Kauf. Hitler vertrat die Haltung einer aktiven Eugenik, um zu verhindern, dass seinem Reich das Schicksal des späten Rom beschert würde. Der Fall Roms war für Hitler ein brisantes Paradigma. Wie damals sei die Kulturwelt wiederum bedroht. Mit dem Einbruch des christlichen "Vor-Bolschewismus" ins Imperium ging die "schöne Klarheit der antiken Welt verloren". "Planmäßig ist das Christentum darauf ausgegangen, die Geistesarbeit der Antike auszurotten." Ursprünglich sei das Christentum so etwas wie eine arische Protestbewegung gegen den jüdischen Kapitalismus gewesen, dann aber durch Paulus im jüdisch-kosmopolitischen Sinne umgefälscht worden.Die gegenwärtige Konstellation ordnete Hitler in einen universalgeschichtlichen Ost-West-Gegensatz ein. So wie die Griechen die Perser, die Römer die Karthager abgewehrt hätten, und wie Römer und Germanen Schulter an Schulter die asiatischen Horden Attilas zurückgeschlagen hätten, so verteidigten seither die Germanen die Kultur Europas gegen die Angriffe aus Osten vor und nach den Mongolen. "Der Zusammenbruch der antiken Welt hat tausendjähriges Chaos über die Erde gebracht, der Zusammenbruch des heutigen Europa würde vielleicht 2000- bis 3000-jähriges Chaos bringen."Das Chaos, das er verhindern wollte, hat Hitler herbeigeführt und es nicht bedauert. Nach Stalingrad erklärte er: Erweise sich das deutsche Volk als schwach, so verdiene es nichts Anderes, als von einem stärkeren ausgelöscht zu werden, dann könne man mit ihm auch kein Mitleid haben. Die Faszination Antike und die Obsession Rassenkampf bestimmten Hitlers Geschichtsbild bis zuletzt. Er glaubte an den Lehrgehalt der Geschichte, und dies verdient auch unsere Zustimmung, gerade für diejenige Geschichte, die Hitler selbst unter Berufung auf die Geschichte gemacht hat.Alexander Demandt lehrt Alte Geschichte an der FU Berlin. Er hielt seinen Vortrag am Mittwoch im Rahmen der Reihe "Die Antike und das 20. Jahrhundert". Die weiteren Vorträge finden bis zum 14. Februar, mittwochs, 18 Uhr im Hörsaal 2 der "Rostlaube", Habelschwerdter Allee 145 statt.Nie sei die Menschheit "in Aussehen und Empfindung der Antike näher gewesen als jetzt", erklärte Hitler 1937. Mit seinem Bild von den Griechen stand Hitler in der europäischen Tradition. Den Hellenen huldigten alle.GLYPTOTHEK MÜNCHENHerrlichste körperliche Schönheit: Hitler vor Myrons Diskuswerfer in der Münchner Glyptothek, 1938.