Von Nahem besehen ist die Dresdner Frauenkirche ein Berg, die Kuppel wuchtig, massiv, unbezwingbar. Vom Neustädtischen Elbufer her hingegen scheint sie zu schweben, leicht tanzt die "Steinerne Glocke" im Himmel. In fünf Tagen, am Vorabend des Reformationstages, ist Kirchweih. George Bährs barocker Ausnahmebau ist wieder Wahrzeichen von Dresden: Gotteshaus, Museum, Konzerthaus, Symbol auch des Stifter- und Spendergeistes. Alle Welt gab Geld, um aus der Kriegsruine wieder eine Kirche werden zu lassen.Christoph Wetzel hat den baumbewachsenen Trümmerhaufen auf dem Neumarkt ein paar Mal gemalt, noch Anfang der Neunziger. Er hätte sich nicht träumen lassen, dass er, ein im Stillen arbeitender Porträtmaler, später so etwas Spektakuläres tun würde, wie die Kuppel der neuen Frauenkirche auszumalen. Er hatte keine Neigung zur Wandmalerei, ebenso wenig zog es ihn zu übergroßen Formaten.Den Kopf weit in den Nacken gelegt, bis es schmerzt, nur so kann man die pastellfarbenen Kuppelbilder sehen, mit den acht Gestalten, dem Evangelisten-Quartett und den Allegorien der christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit. Die Figuren sehen ganz leicht aus, als schwebten sie, fast wie von Weitem die Steinkuppel am Himmel über der Stadt. Nicht bloß Kuppeln, auch Heilige stehen ja über den Dingen, sind erhaben, entrückt, aber eindrücklich da mit ihrer Botschaft. "Je höher der Blick geht", so der Maler, "desto leichter müssen die Formen sein."Das Kuppelbild war die bislang größte Herausforderung seiner Laufbahn. Der Porträtist, geboren 1947 in Berlin, ausgebildet an der Kunsthochschule Dresden, wusste freilich, worauf er sich einließ. Er, ein Protestant, würde die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas, Johannes möglichst getreu nach den Originalen des strenggläubigen Katholiken Giovanni Battista Groni (1682 bis 1784) malen. Wetzel malt sonst eher herbe, expressive und das irdisch Widersprüchliche herausstellende Bildnisse von Zeitgenossen. Ihm war die stilisiert melodramatische Mal-Pose des Italieners nicht gerade nahe. Allerdings hat er seit der Studentenzeit gern in der Sempergalerie Barockmeister kopiert. Er wollte erfahren, wie man das Lebenspralle, Sinnliche in die Figur hineinbekommt. Kopieren war für ihn nie nur Beschäftigung mit Technik. Die Haltung der Alten ist ihm wichtig.Nie zuvor hatte er in einer Kirche gemalt. Und doch überzeugte er bei der Ausschreibung die Jury. Wetzel wusste, er würde sich auf einen Ringkampf mit der Kunstgeschichte einlassen und das im Feuersturm Februar 1945 verbrannte Mal-Geheimnis des italienischen Theatermalers womöglich doch nicht lösen. Also müsste er durch kühne Intuition das Experiment durchziehen und so Groni, der anno 1734 die Kuppel von George Bährs Frauenkirche ausmalte, nahe kommen. Einzig ein paar farbstichige Dias von 1943 waren noch da, zumindest verrieten sie derbe Übermalungen. So war der Porträtmaler Wetzel auf einmal auch zum Archäologen geworden, der sich durch imaginäre Schichten forschen, der dürftigste Spuren lesen musste.Zum Glück gibt es im Schloss Hubertusburg im sächsischen Wermsdorf ein einziges gut erhaltenes Groni-Gemälde. Wetzel konnte sich da in den leichten Pinselstrich des Venezianers vertiefen. Doch das war nicht mehr Barock, sondern schon Rokoko.Hochtechnologie, meint Wetzel, sei mitunter wirkungslos beim Malen auf einer doppelt verwölbten Fläche. Wo immer man stehe, es gebe Verzerrungen. Also malten die Alten, wie auch Groni, nach Zahlen, und Wetzel tat ein Gleiches. Er hat seinen Entwurf mit einem Quadratnetz aus Fäden verspannt, die Koordinaten Punkt für Punkt auf ein vergrößertes Netz und auf Packpapier übertragen. Entlang der Konturen wurden kleine Löcher ins Papier gestochen, selbiges in die Kuppel gepresst, Kohlestaub hinterließ die Umrisse - als grobe Orientierung. Beim Malen auf den trockenen Putz, die Italiener nennen es "al secco", musste der Maler ziemlich balancieren, um abermaliger Verzerrung auszuweichen. Er spricht von Demut vor der alten Kunst. Kein Computerprogramm könne heute erzwingen, was da vor Jahrhunderten geleistet wurde.Über zwei Jahre hat er mit dem Kuppelbild zugebracht, der erfahrene Restaurator Peter Taubert stand dem Maler zur Seite. Irgendwann begann Wetzel nachts, bei Scheinwerferlicht, ganz alleine zu malen. Es wurde tagsüber zu laut in der Kirche, alle Gewerke arbeiteten fieberhaft. Sägen kreischten, Tischler klopften und schleiften. Wetzel wurde immer nervöser da oben in 40 Metern Höhe auf seinem kühnen Gerüst unter der Kuppel. Keine moderne Technik half, er arbeitete genau so wie die alten Kirchenmaler, kniend, hockend, liegend, kriechend, mit Rückenschmerzen, mit Verspannungen im Nacken.Beim Wiederaufbau der Frauenkirche gab es nichts, das nicht kompliziert gewesen wäre - technisch wie finanziell. Doch die Farbgestaltung im Inneren zählt wirklich zum Schwierigsten. Eine einzige Zeitzeugenaussage behauptet, die Kirche habe einen "hellen, gelblichten Eindruck" gemacht. Doch was ist Gelblicht? In der Kuppel sind die Töne Rosé, Graugrün, Ocker, venezianisch Rot, Ultramarinblau und Meergrün zu sehen.Hinter den Farben steckt ein Wetzel'sches Alchemistengemisch: ein Dutzend Hühnereier, etliche Tropfen Nelkenöl, ein Schwapp Leinölfirnis, dazu Kasein und etwas vom Farbpulver namens "caput mortuum" und "terra potsuoli". Seit Jahrhunderten mischen Kirchenmaler aus diesen Ingredienzien die zarten, doch leuchtenden Farben. Um die Füße der Evangelisten zu malen, musste Wetzel die Leiter runtersteigen, und um ans Gesicht zu kommen, wieder hinauf. Sechs Meter messen die Bildfelder - der Maler als Kletterartist: "Und beim Abstieg zittern die Knie noch mehr als beim Aufstieg."Das sagt Christoph Wetzel auch mit gewisser Doppeldeutigkeit: "Ich muss jetzt raus und runter aus der Rolle des Barockmalers, weg von den Heiligen, hin zu meinen lebenden Porträtmodellen. Ich bin mir selber fremd geworden und muss mich erst wiederfinden."------------------------------"Je höher der Blick geht, desto leichter müssen die Formen sein."Christoph Wetzel------------------------------Foto: Christoph Wetzel hatte für die Kuppelgemälde in der barocken Handschrift Giovanni Battista Gronis stilistische wie körperliche Mutproben zu bestehen.