Meine Damen und Herren, Sie wissen noch nichts von dem Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem seiner einzelnen Bewohner abverlangt." Starke Worte, die die gesetzten Schriftsteller der DDR auf ihrem letzten Kongress im Frühjahr 1990 von diesem jungen Autor, noch nicht mal dreißig Jahre alt, zu hören bekamen. Ronald M. Schernikau schwamm einsam gegen den Strom: Der West-Berliner hatte im September 1989 seinen bundesdeutschen Pass abgegeben und eine Wohnung im Hellersdorfer Plattenbau bezogen. Der schwule Kommunist sollte nicht mehr viel Zeit haben: 1991 starb er an den Folgen von Aids.Nachdem Schernikaus Werk, das die kommunistische Utopie hochhielt, fast in Vergessenheit geraten war, hatte im vergangenen Jahr Matthias Frings, ein langjähriger Freund, mit seinem Buch "Der letzte Kommunist" die ungewöhnliche, ja einmalige Biografie von Ronald M. Schernikau wieder in die Öffentlichkeit geholt. Frings wollte zunächst einen Film über seinen Freund drehen - doch die Kombination von kommunistisch und schwul war den Fernsehredakteuren wohl zu abenteuerlich.Nun kommt die Biografie doch noch ins Fernsehen, als Dokumentarfilm in Koproduktion von RBB und Arte. Im Film von Claudia Müller sind natürlich Matthias Frings und Schernikaus Mutter Ellen die wichtigsten Interviewpartner. Zu Wort kommen dazu Freunde, sein langjähriger Lebensgefährte Thomas Keck sowie Marianne Rosenberg, für die Schernikau mal einen Text über Ronald Reagan geschrieben hatte. Doch "Verliebt in die DDR" ist weit mehr als der Film zum Buch. Denn er hält nicht nur Erinnerung an einen fernen Toten wach, sondern zeigt einen sehr gegenwärtigen Schernikau. In Tonbandaufnahmen erklärt er selbst Teile seines Lebenswegs, Filmdokumente zeigen, wie er mit seinem altklugen Charme jede Talkshow bereicherte oder als Tuntendiva auf der Bühne stand. Dazu trägt Schauspieler Bastian Trost prägnante Passagen aus Schernikaus Werken vor - wie jene Wortmeldung auf dem DDR-Schriftstellerkongress.Schernikaus Mutter Ellen erklärt, warum für ihren Sohn die DDR das Sehnsuchtsland war - sie selbst hatte ihm diese Leidenschaft beigebracht. Sie hatte 1966 mit dem sechsjährigen Jungen heimlich die DDR verlassen, um ihrem Mann zu folgen, war aber im Westen nie heimisch geworden. Der Sohn, der mit dem Coming-Out-Buch "Kleinstadtnovelle" auf sich aufmerksam gemacht hatte, studierte ab 1986 am Leipziger Literaturinstitut. Kommilitonen erinnern sich an den merkwürdigen West-Gast, der nicht, wie sie, die DDR kritisieren, sondern sie gerne preisen wollte. Dabei war Schernikau nicht etwa, wie der Filmtitel nahe legt, in die real-graue DDR verliebt - er liebte vielmehr eine DDR, wie er sie sich erhoffte und erträumte.Auch wer diese Hoffnungen heute für abseitig hält, wird in dieses berührend-poetische Filmporträt schnell hineingezogen. Schernikau war nicht nur ein tragischer Utopist, dessen Träume mit dem Mauerfall wegschwammen, sondern ein Mensch, der seinen Weg konsequent, ja mutig weiterging und dabei lernte. "Verliebt in die DDR" regt an, nicht nur aus zweiter Hand etwas über Schernikau zu erfahren, sondern seine wenigen Werke zu lesen. Wenig mutig ist leider der undankbare Sendeplatz: Denn so spät kann dieser Film kein Kontrapunkt zu all den Stasiterror- und Westflucht-Geschichten sein, mit denen die Fernsehsender derzeit den Einheitstag begehen.-----------------------Verliebt in die DDR: Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau, 23 Uhr, Arte------------------------------Foto: Ungewöhnliches Leben, ungewöhnlicher Mensch: Ronald M. Schernikau.