Kürzlich kehrte ich von einer kleinen Auslandsreise zurück und dachte mir: "Sei ein guter Junge und ruf erst mal deine Mutter an, die freut sich bestimmt." Klingeling. "Hallo Mutter. "- "Hallo mein Sohn. "- "Ich bin wieder da." Kurze Pause. "Oh, warst du weg?" So wie meiner Mutter mit mir, ergeht es dem Kinogänger gegenwärtig mit Superman. "Superman Returns", Superman ist wieder da, kreischen den Passanten gefühlte hunderttausend Kinoplakate an sämtlichen Wegen und Stegen der Stadt entgegen. Superman ist also wieder da, denkt der Passant und rätselt: War er denn weg?Zwanzig Jahre lang hat es keinen "Superman"-Film mehr in den Kinos gegeben; zwanzig Jahre lang hat das Warner Studio - nach den Misserfolgen mit "Superman III" und "Superman IV" - mit wechselnden Regisseuren an Exposés, Drehbüchern, Besetzungslisten und vor allem an niegelnagelneuen Ideen zur Wiederbelebung des Superman-Mythos im 21. Jahrhundert herumgewurstelt - so lange, bis nicht nur das Publikum vergessen hatte, dass Superman einmal da gewesen war, dann weg war und demzufolge eigentlich mal wiederkommen könnte, sondern auch von den Studio-Verantwortlichen offenbar keiner mehr wusste, warum man sich überhaupt vor langer Zeit derart in dieses Projekt verbissen hatte.Nach zwanzig Jahren ist "Superman Returns" nun also doch noch fertig geworden. Mit sämtlichen in dieser Zeit aufgelaufenen Kosten für die Entwicklung nie realisierter Projekte und die Abfindung erst angeheuerter, dann gefeuerter Regisseure (wie Tim Burton, Brett Ratner und dem "Drei Engel für Charlie"-Mann McG) hat der Film Branchendiensten zufolge knapp 400 Millionen Dollar verschlungen, fast doppelt so viel wie Peter Jacksons "King Kong". Wie man ab morgen auch in deutschen Kinos erleben kann, hat sich der Aufwand nicht gelohnt."Superman Returns" ist nicht nur der teuerste, sondern vermutlich auch der überflüssigste Film aller Zeiten - ein Film, bei dem einfach gar nichts stimmt, der sich nicht entscheiden kann, ob er witzig oder tragisch, trashig oder intellektuell sein möchte, der keine Leidenschaft für seine Figuren und keine Vorstellung von seinem Thema hat; eine konfuse, von ratlosen Mimen dahingeschluderte, mit nicht weiter nennenswerten Spezialeffekten auch nicht befriedigend aufgepeppte Geschichte, die mit 154 Minuten auc h noch viel zu lang ist.In der ersten Hälfte des Films passiert eigentlich gar nichts, abgesehen davon, dass sich sehr viele Leute sehr darüber freuen, dass Superman - der, wie wir in wirren Rückblenden erfahren, im Weltall nach den Überresten seines Heimatplaneten Krypton suchte - wieder da ist. Wenn man als Zuschauer jedoch (siehe oben) gerade erst erfahren hat, dass Superman weg war, ist es schwer, die ausgiebig ausgewalzte Wiedersehensfreude zu teilen. Immerhin die Reporterin Lois Lane freut sich nicht. Sie war mal in Superman verliebt und hatte auch eine Nacht mit ihm verbracht; dann war der Schuft auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Aus dieser Verbindung ist ein Sohn entsprossen, der von seiner Abstammung natürlich nichts wissen darf. Auf Grund stetig auftretender dummer Zufälle ist er jedoch immer dabei, wenn Lois in Gefahr gerät. So auch, als sie gerade in dem Moment auf das Privatboot von Supermans Erzfeind Lex Luthor stöckelt, als dieser sich auf die Reise macht, um irgendeinen fabulösen Kristall in den Atlantik zu werfen, mit dessen Hilfe der Kontinent Atlantis wieder auftauchen soll, was zur Überschwemmung ganz Nordamerikas führen würde, woraufhin Luthor der König der Welt wäre usw. usf.Gut, dass der stählerne Held wieder da ist, um Lois Lane, seinen Sohn und die Erde zu retten. Dass Superman jetzt reifer ist als vor seiner langen Reise, versucht sein neuer Darsteller Brandon Routh mit somnambulem Silberblick auszudrücken. Meist sieht er allerdings nur aus wie ein schielendes Schaf in einer albernen Unterhose. Kevin Spacey paralysiert sich fortwährend selbst bei seinem planlosen Versuch, Supermans Gegenspieler Lex Luthor zugleich als finstere, witzige, schizoide, verwirrte und zielgerichtete Figur darzustellen - Spacey hat mit diesem Film zweifellos den Tiefpunkt seiner künstlerischen Karriere erreicht. Immerhin Kate Boworth kann als Lois Lane mit einer flotten Lockenfrisur punkten, und Bryan Singer festigt seinen hart erarbeiteten Ruf als meist überschätzter und großmäuligster Blockbuster-Regisseur der Hollywood-Gegenwart.Zu Superman haben er und seine Drehbuchautoren so gar keinen Zugang gefunden. Anders als die X-Men, der Spider-Man und die anderen aus den Marvel-Comics der 1960er stammenden Superhelden, die zuletzt das Kino bevölkerten, hat der Dreißigerjahre-Held Superman keine innere Zerrissenheit anzubieten und auch kein Problem mit der eigenen Verantwortung. Um als Figur zu Konturen zu kommen und interessant zu werden, braucht er eine politische Situation, einen faszinierenden Gegenspieler oder eine unglückliche Liebe. Nichts davon gibt es in "Superman Returns", auch nicht das schizoide Spiel mit der doppelten Identität oder die masochistische Beziehung des Helden zu Lois Lane, die Superman anhimmelt und sein Alter Ego Clark Kent belächelt. Warum also sollte man sich noch mal mit dem stählernen Helden beschäftigen? "Superman ist wieder da" ist darum eine Lüge. Es ist nur die Hülle einer verbrauchten Ikone, die aus dem Weltall hernieder plumpst.------------------------------Superman ReturnsUSA 2006. 154 Minuten, Farbe.Regie: Bryan SingerDrehbuch: Michael Dougherty, Dan Harris, Bryan SingerProduktionsdesign: Guy H. DyasKamera: Newton Thomas SigelDarsteller: Brandon Routh (Superman/Clark Kent), Kate Bosworth (Lois Lane), James Marsden (Richard White), Frank Langella (Perry White), Kevin Spacey (Lex Luthor) u.a.Ab morgen in den Kinos.------------------------------Foto: Fliegen - das kann doch jeder! Superman (Brandon Routh) bei einem seiner untauglichen Versuche, uns zu beeindrucken.